Zweitens spreche ich eine Vielzahl von Menschen in missionalen, inkarnatorischen und relationalen (beziehungsorientierten) Gemeinden sowie sogenannten „emerging churches“ 7, Hauskirchen, einfachen und sogar organischen Gemeinden an. (Diese Begriffe bedeuten nicht das Gleiche, unterscheiden sie sich doch voneinander.)
Drittens richte ich mich an jeden, der sich berufen fühlt, selbst eine Gemeinde (egal welchen Typs) zu gründen.
Das Buch gliedert sich in vier Teile. Teil 1 untersucht die geistlichen Prinzipien, die der neutestamentlichen Gemeindegründung zugrunde liegen. Teil 2 geht auf allgemeine Einwände ein, die aufgrund meiner Ausführungen in Teil 1 vorgebracht werden. Teil 3 ist eine praktische Anleitung zur Gründung einer organischen Gemeinde, und in Teil 4 geht es schließlich um Fragen der Gesundheit und Entwicklung organischer Gemeinden. Die Fußnoten bieten neben Quellenangaben detaillierte und weiterführende Informationen zu meinen Schlussfolgerungen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass der Paradigmenwechsel, zu dem dieses Buch auffordert, für viele Vertreter des traditionellen Denkens schwer zu verdauen sein wird. Ich berufe mich aber auf die Heilige Schrift, auf die Erfahrung und auf die neutestamentliche Wissenschaft, um meine Sichtweise zu stützen. Dabei hoffe ich, dass sich der Leser ernsthaft mit meinen Ausführungen auseinandersetzen wird.
In diesem Zusammenhang bin ich davon überzeugt, dass die meisten Christen in den vorherrschenden Paradigmen gefangen sind, die das religiöse Denken heute dominieren. 8Lassen Sie mich dies anhand eines geschichtlichen Beispiels veranschaulichen.
Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hatten sich die Schweizer Uhrmacher den größten Weltmarktanteil für Armbanduhren gesichert. Das änderte sich, als einer ihrer eigenen Landsleute einen revolutionären Einfall hatte: Die Quarzuhr .
Die Vorstellung dieser Erfindung konnte den Schweizer Uhrenherstellern lediglich ein abschätziges Lächeln entlocken. Sie meinten, eine solche Uhr könne niemals funktionieren, und weigerten sich, die Idee zu patentieren. Anders dagegen die japanische Seiko-Uhrenmanufaktur: Sie sah sich den Vorschlag genauer an – der Rest ist Geschichte.
Die Schweizer Uhrmacher waren so sehr von dem traditionellen Paradigma beherrscht, dass sie das neue Konzept einer Quarz-Armbanduhr einfach nicht begriffen. Weil die Quarzuhr keine Zahnräder, keine Antriebsfeder und dergleichen hatte, lehnte man sie ab. Das seinerzeit vorherrschende Paradigma mochte der neuen Erfindung keine Chance geben. Die Folge war, dass die Schweizer ihre Vormachtstellung auf dem Markt für Armbanduhren einbüßten und tausende Arbeiter entlassen mussten – nur weil die Quarzuhr nicht in ihr Weltbild passte. Sie ließ sich nicht mit ihrem Paradigma vereinbaren. Weil sie sich auf ihrem herkömmlichen Weg völlig verrannt hatten, hatten sie für neue Wege nichts übrig.
Deshalb bin ich überzeugt: Soll der Leib Christi zur ursprünglichen Absicht Gottes zurückgeführt werden, brauchen wir sowohl in Bezug auf die Praxis der Gemeinde als auch die Praxis der Gemeindegründung einen Paradigmenwechsel. Beachten Sie bitte: Ich spreche von der Wiederherstellung der Gemeinde praxis und der Gemeinde gründungs praxis. Man darf die beiden Elemente nicht voneinander trennen. Roland Allen hat es so ausgedrückt:
Man hat sich Fragmente der paulinischen Arbeit herausgepickt und versucht, sie fremden Systemen einzuverleiben. Die daraus resultierenden Fehler hat man danach als Argumente gegen die paulinische Vorgehensweise gebraucht. 9
Damit wirklich neutestamentliche Gemeinden entstehen , müssen wir die neutestamentlichen Prinzipien der Gemeindegründung wiedergewinnen. Anders ausgedrückt: Wir benötigen eine Wiederherstellung der göttlichen Prinzipien für Gemeindegründung, damit organische Gemeinden entstehen können. Deshalb muss ein gänzlich neues Paradigma verinnerlicht werden – sowohl was die Praxis als auch die Gründung von Gemeinden angeht. Noch einmal Roland Allen:
Es dürfte schwierig werden, ein besseres Modell für Gemeindegründung zu finden als das des Apostels [Paulus]. Eines ist sicher: Genau da, wo unsere Methoden versagt haben, war die paulinische Vorgehensweise erfolgreich. 10
Die Wiederentdeckung des biblischen Ansatzes zur Gemeindegründung entfaltet eine explosive Dynamik mit der Kraft, traditionelles Denken und herkömmliche Praxis zu sprengen. Aus diesem Grund bete ich, dass meine Leser ihr Herz weit öffnen, um einen neuen Weg zu erkennen. Ein Weg, der in Wirklichkeit ein alter, von Gott selbst entworfener Weg ist.
Frank Viola
Gainesville, Florida
Februar 2009
1 Ur-Christen – Eine außergewöhnliche Chronologie der Ereignisse des Neuen Testaments, GloryWorld-Medien, 2011.
2 Heidnisches Christentum? – Über die Hintergründe mancher unserer vermeintlich biblischen Gemeindetraditionen, GloryWorld-Medien, 2010.
3 Ur-Gemeinde – Wie Jesus sich seine Gemeinde eigentlich vorgestellt hatte, GloryWorld-Medien, 2010.
4Beachten Sie, dass ich den Begriff Gemeinde durchweg im neutestamentlichen Sinn verwende. „Gemeinde“ ist kein Gebäude, keine Konfession („Kirche“ / „Denomination“) und meint auch nicht den „Gottesdienst“. Der Ausdruck „Gemeinde“ (gr. ekklesia ) beinhaltet zweierlei: Gemeinschaft und Zusammenkunft (Versammlung) . Das Neue Testament versteht die Gemeinde als eine verbindliche Gemeinschaft, deren Glieder Gottes Leben teilen und regelmäßig zusammenkommen .
5 Ur-Schrei – Gottes Herzensanliegen seit ewigen Zeiten, GloryWorld-Medien, 2010.
6Eldon Jay Epp, Junia: The First Woman Apostle. Minneapolis, MN: Fortress, 2005. Vgl. Kap. 11, dazu Apg 18,2-3 u. 18-19.24 ff.; Röm 16,1-4.7; 1 Kor 16,19.
7„emerging“ ist zu einem festen Begriff in der neueren Gemeindegründungsbewegung geworden; von engl. „to emerge“ = zutage/in Erscheinung treten, hervorgehen, sich entwickeln, entstehen [Anm. d. Übers.].
8Ein Paradigma ist ein allgemeines Verständnis oder Deutungsmuster, das von einer Gemeinschaft geteilt wird. Ein Paradigmenwechsel bedeutet eine grundlegende Veränderung dieses Verständnisses oder Modells.
9Roland Allen, Missionary Methods: St. Paul’s or Ours? Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1962, 5.
10Ebd., 147.
Einleitung: Zurück zum biblischen Bericht
Institutionen und Bewegungen, die entstehen, um dem Leben Ausdruck zu verleihen, ersticken durch die ihnen innewohnende Verderbtheit am Ende oft gerade dieses Leben. Sie bedürfen daher ständig einer kritischen Überprüfung und müssen immer wieder zum ursprünglichen Geist und Zweck zurückgeführt werden. Die christliche Gemeinde bildet da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Sie ist ein Paradebeispiel für diesen Tatbestand.
E. Stanley Jones
Der Zweck dieses Buches ist einfach: Es will darlegen, was wir in der Bibel zum Thema Gemeindegründung finden, und es für die heutige Zeit wieder nutzbar machen.
Der Ursprung bestimmt das Endziel
Die Bibel legt großen Nachdruck auf Ursprünge, denn in geistlichen Dingen bestimmt der Ursprung das, was am Ende herauskommt. Deshalb sind auch Geschick und Qualität einer Gemeinde von ihrem Ursprung her bestimmt. Anders ausgedrückt: Wie eine Gemeinde gegründet wird, hat tiefgreifende Auswirkungen auf ihren Charakter, ihre Effektivität und ihre Zukunft. Bedenken Sie, was Paulus schreibt:
Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum geschenkt. Auf wen kommt es denn nun an? Doch nicht auf den, der pflanzt, oder auf den, der begießt, sondern auf den, der das Wachstum schenkt, auf Gott.
Und was ist mit dem, der pflanzt, und mit dem, der begießt? Ihre Aufgaben, so unterschiedlich sie sind, dienen demselben Ziel, und beide werden von Gott ihren Lohn bekommen – den Lohn, der ihrem persönlichen Einsatz entspricht.
Читать дальше