Das fünfte Kapitel widmet sich, so lautet die Kapitelüberschrift, dem Prozess Von der Darstellung zur Konstruktion . BurkeBurke, Peter diskutiert die Bedeutung der kulturellen Konstruktion von sozialer WirklichkeitWirklichkeit wie Klasse und Geschlecht, von Denkbildern, Handlungsvorstellungen oder Diskursen.28 Er thematisiert aber auch die Konstruktion von Identität und die Konstruktion von Geschichte. Die dieser Debatte zugrundeliegenden Fragen bleiben freilich weiterhin strittig: Wer konstruiert? Unter welchen Bedingungen? Aus welchem Material?29 Mit Blick auf die Entwicklungen dieser Debatte spricht Burke von einer „‚performativen Wende‘ in der Kulturgeschichte“30. Das ist sicherlich eine stimulierende Aussage, und es stellt sich für eine Kulturgeschichte der LiteraturKulturgeschichte der Literatur die Frage, ob sie an dieser Debatte teilhaben will. Als Leitfrage einer performativen Kulturgeschichte formuliert Burke den Satz: „Was tut dieses Schreiben?“31 Welches sind seine Strategien, Techniken, Inszenierungen, wie sieht seine Rezeption, wie seine Wirksamkeit aus? Hier gibt es erstaunliche theoriekonsistente Schnittflächen mit dem Modell der Bedeutung von RezeptionRezeption und TransformationTransformation von Texten, bis hin zur Theorie des anagrammatischen Lesensanagrammatisches Lesen. Eine Kulturgeschichte der Literatur will nicht den Anschluss verlieren an arbeitsfähige Performanztheorien.32 Die performative Wende ist in der PhilologiePhilologie oder zumindest in Teilen längst vollzogen. Aus diesen Bestimmungsmerkmalen einer KulturgeschichteKulturgeschichte leitet Burke eine terminologische Präzisierung ab, die er „Okkasionalismus“33 in der Kulturgeschichte nennt. Okassionalismus bedeutet demnach „eine Verschiebung weg von der Idee festgelegter, an Regeln ausgerichteter Reaktionen hin zur Vorstellung eines flexiblen Verhaltens, das sich an der ‚Logik‘ oder ‚Definition der Situation‘ orientiert“34.
Unter die Frage Jenseits der kulturellen Wende? – so lautet der Titel des sechsten Kapitels – summiert BurkeBurke, Peter die Neue KulturgeschichteKulturgeschichte, die in der historiografischen Rezeption schon wieder mehrere Jahrzehnte alt ist. Er macht drei Szenarien aus, und das berührt bereits den prognostischen Wert seiner Ausführungen, den man auf eine Kulturgeschichte der Literatur übertragen kann, die folgendermaßen beschrieben werden: Das erste Szenario betrifft BurckhardtsBurckhardt, Jacob Rückkehr, im Kern geht es um die Restitution einer traditionellen Kulturgeschichtsschreibung. „Eine mögliche Zukunft für die Kulturgeschichte […] ist eine neuerliche Konzentration auf die Hochkultur“35. Dies führt zu einer Neubestimmung von Hochkultur und zu einer Verlagerung ihrer Merkmale. Burke stellt zu Recht fest, dass dieser Prozess längst in Gang gesetzt ist.36 Das zweite Szenario betrifft die Gegenstands- und Themenerweiterung. Politik, Gewalt, Emotionen, sinnliche Wahrnehmung usf. wurden und werden als neue Gegenstandsbereiche erschlossen. Das ist die „weitere Ausdehnung der Neuen Kulturgeschichte“37. Das dritte Szenario ist vielschichtiger, allgemein kann es als Gegenbewegung zur Reduktion von Gesellschaft auf Kultur verstanden werden. Burke nennt dies die „Rache der Sozialgeschichte“38. Daraus ergeben sich drei Probleme: Erstens sei die Definition von KulturKultur inzwischen zu weit und die Epitheta sozial und kulturell seien austauschbar geworden. Die sinnvolle Verschränkung von SozialgeschichteSozialgeschichte und Kulturgeschichte sei nicht mehr rückgängig zu machen. Burke arbeitet hier nochmals scharf die Bedeutung der sozialen Frage auch und gerade einer Kulturgeschichte heraus, indem er fragt: wer rezipiert?39 Zweitens seien die Methoden kritisch zu reflektieren, denn neue Quellen bedürften neuer Formen der Quellenkritik und neuer Regeln, was Burke am Beispiel der LektüreLektüre von Bildern ausführt.40 In diesem Zusammenhang kommt er beiläufig auf den textualistischen Kulturbegriff zu sprechen. Er verweist darauf, dass beispielsweise Historiker und Anthropologen diese Metapher des LesensLesen von Kultur nicht in gleicher Weise verwenden würden. Dies kann man dahingehend ergänzen, dass selbst unter Historikern oder auch nur unter Literaturhistorikern eine terminologische und pragmatische Klarheit mangelt. Burke kritisiert, die Metapher Kultur als TextKultur als Text garantiere der Intuition einen zu großen Raum dadurch, dass unklar bleibe, wer im Fall zweier kontroverser Lektüren oder Deutungen tatsächlich die richtige biete. Hier könnte möglicherweise die performative KulturgeschichteKulturgeschichte weiterhelfen, die gerade auf die Wahr-Falsch-Distinktion verzichten muss, will sie denn als eine performative gelten können. Drittens bestehe die Gefahr der Fragmentierung. Die Absage an universalistische Zugriffe könnte zur Folge haben, dass Schlussfolgerungen nur vereinzelt Gültigkeit besäßen. Das kann man auch kritisch auf GreenblattsGreenblatt, Stephen Omnipotenzphantasma übertragen, wonach die selektiv gewonnenen Erkenntnisse postwendend zu universalistischen Erklärungsmodellen avancieren. Eine Kulturgeschichte der Literatur will dagegen über die Problemlage von Greenblatts Kontextualisierungsverfahren hinausgelangen. Das kann möglicherweise durch die Rückbesinnung auf genuin philologische Kompetenzen gelingen. Von anglistischer Seite wurde des Öfteren bemängelt, die Vertreter der germanistischen SozialgeschichteSozialgeschichte der deutschen Literatur hätten Greenblatt nicht wahrgenommen, seine Arbeiten gar ignoriert. Doch es verhält sich umgekehrt, Greenblatt hat sich für die kontinentale Diskussion nicht interessiert, was schon ein Blick auf die entsprechenden Veröffentlichungsdaten belegen kann. Die Sozialgeschichte der Literatur war lange vor Greenblatts Arbeiten mit vielen Studien präsent, Leuchtturmprojekte waren u.a. die Sozialgeschichten der deutschen Literatur des Rowohlt-Verlags, des Athenäum-Verlags und des Hanser-Verlags.
Burke spricht zum Schluss über die Perspektive einer Kulturgeschichte, da die Neue Kulturgeschichte inzwischen an ihr Ende gekommen sei. Die Bedeutung von Erzählung in der Kulturgeschichte wird hervorgehoben.41 Man kann von kulturellen Narrativen sprechen, die auch narratologisch interpretiert werden können und gleichzeitig lässt sich Kulturgeschichte auch narrativ darstellen.42 Allerdings klingt es eher ratlos als klar umrissen, wenn sich die kulturgeschichtliche Narratologie selbst so beschreibt:
„Die kulturgeschichtliche Narratologie ist […] als eine interdisziplinär angelegte, bewußt eklektisch vorgehende und theoretisch wie methodisch präzisierungsbedürftige Forschungsrichtung zu begreifen […]. Grundfrage und Kernproblem der kulturgeschichtlichen Narratologie ist dabei die Frage nach der Verwobenheit von Kultur und Literatur […].“43
BurkeBurke, Peter meint, in der letzten Forschergeneration sei die KulturgeschichteKulturgeschichte „Schauplatz einiger der aufregendsten und aufschlußreichsten Diskussionen über die Methoden der Geschichtswissenschaft“44 gewesen. Das gilt ohne Einschränkung auch für die LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft. Diese zwei Lager unter den Vertretern und Vertreterinnen einer Kulturgeschichte („Buchstabengläubigkeit“ vs. SymbolSymbolbedeutung) werden die literaturwissenschaftliche Binnendiskussion weiterbewegen. Und eine Kulturgeschichte der LiteraturKulturgeschichte der Literatur will genau dies, die Diskussion voranbringen und die symbolische Bedeutsamkeit von Texten und Kontexten methodisch sichern. Mit Blick auf diese Leitdifferenz verdeutlicht Burke den Unterschied zwischen einer SozialgeschichteSozialgeschichte und einer Kulturgeschichte an einem Beispiel. Eine Sozialgeschichte des Zuckers untersuche die Konsumenten, die Veränderung des Zuckers vom Luxusgut für eine soziale Elite hin zum Grundnahrungsmittel. Eine Kulturgeschichte des Zuckers befasse sich hingegen „mit dem symbolischen Aspekt des Zuckers“45. Durch den Verlust der sozialen Exklusivität erfahre der Zucker die Implementierung in neue soziale Rituale, die es entsprechend zu deuten gelte. Und diese Deutungsarbeit ist seit je das Geschäft der Literaturwissenschaft.
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