Die Frau trug Lederhose und Motorradstiefel, was auf einem Boot mehr als ungewöhnlich war, ihr kräftiger Oberkörper steckte in einem engen T-Shirt, ihr breites Gesicht war von einer brünetten Lockenmähne umrahmt. Offenbar war sie die Zeugin, von der ihm die Zentrale am Telefon berichtet hatte. Stahnke nickte ihr zu und stellte sich vor.
»Olivia Dressel«, erwiderte die Frau mit belegter Stimme. »Ich bin die, die den Toten gefunden hat.« Sie schloss die Augen, und die gebräunte Haut ihrer Arme kräuselte sich. »Die Leiche wurde an den Poller dort gehängt, während ich kurz mit dem Boot unterwegs war. Unfassbar. Was wollten die damit bloß erreichen?«
Stahnke starrte auf die Frau, löste seinen Blick von ihrem T-Shirt, musterte ihr Gesicht. Ihre Augen waren blau, dunkler als seine wasserblauen; ihr Blick ging durch ihn hindurch. Hatte sie diesen Mord wirklich gerade auf sich bezogen? Eine Verwandte des Toten war sie offenbar nicht, das hätte dessen Identifizierung erleichtert. Wie also kam sie darauf, dass diese Tat etwas mit ihr zu tun hatte?
»Sie meinen, weil dies Ihr Liegeplatz ist?«, fragte er.
Sie nickte. »Kaum bin ich weg, hängen sie den Toten bei mir hin. Ich war etwa eine Stunde unterwegs, vielleicht eineinviertel, alles in allem. Sie können den Wasserschutz fragen.« Sie deutete mit dem Kopf vage in Richtung Cäcilienbrücke, wo gerade der Polizeikreuzer in Sicht gekommen war. Vermutlich brachte er die angeforderten Taucher.
»Woher sollen die das wissen? Haben Sie ein Ticket bekommen?«, scherzte Stahnke, wohl wissend, wie unangebracht das in dieser Situation war. Aber die Frau wirkte so, als könnte sie das vertragen. Nein: Als würde sie darauf stehen.
Prompt grinste sie. »Und ob! Total dämlich. Vielleicht wäre ich sonst noch weitergefahren, aber danach war mir die Lust vergangen.«
»Fahren Sie jeden Nachmittag um diese Zeit raus? Ich meine während der Saison?«
»Schön wär’s. Aber nein, um diese Zeit arbeite ich gewöhnlich, heute war eine Ausnahme. Ich fahre meist am Wochenende. Oder an freien Tagen, wenn ich Wochenenddienst hatte.« Sie lachte: »Sie merken schon, ist ziemlich unstet bei mir.«
Stahnke warf Mergner einen verstohlenen Blick zu; der Doc musterte seine Zeugin mit unverhohlener Belustigung. »Was arbeiten Sie denn so Unstetes?«, fragte Stahnke sein Gegenüber.
»Redakteurin«, antwortete die Frau. »Olivia Dressel, Regionale Rundschau. Noch nie meine Namenszeile bemerkt? Sie lesen doch Zeitung, hoffe ich?«
»Doch«, erwiderte Stahnke, ohne sich provozieren zu lassen. »Aber Ihr Blatt lese ich erst seit Kurzem wieder. Ich habe lange Zeit in Ostfriesland gearbeitet.«
»Dort sind meine Artikel aber auch erschienen.« Olivia Dressel richtete ihren Zeigefinger auf ihn; der schwarz lackierte Nagel berührte fast seine Brust. »Bis vor einigen Monaten hatte die Regionale Rundschau ein Kooperationsabkommen mit der Ostfriesen-Post. Deren neuer Chef war so leichtsinnig, das zu kündigen. Jetzt werden wir denen mal zeigen, was eine Harke ist.«
Stahnke warf einen weiteren Blick auf die Männerleiche, die gerade zum Abtransport vorbereitet wurde. »Glauben Sie etwa, dieser Mord hat etwas damit zu tun? Wird im Zeitungsbusiness mit so harten Bandagen gekämpft? Ich dachte eher, diese Branche würde einem baldigen und ruhmlosen Ende entgegendümpeln.«
»Mit dem Rücken zur Wand kämpft mancher bis aufs Messer.« Die Frau zuckte mit den Schultern. »Aber eigentlich meinte ich das mehr so allgemein. Die Presse steht heutzutage schwer unter Beschuss, jeder möchte seinen Willen und seine Meinung durchsetzen, und die Leute sind nicht gerade zimperlich. Verrohte Sitten. Aus Worten werden irgendwann Taten.« Sie nickte zu dem Toten hinüber. »Wenn ich wüsste, wer das da ist, könnte ich Ihnen vielleicht etwas Konkreteres sagen.«
Der Abtransport verzögerte sich, weil zuerst die Felge vom Hals des Toten entfernt werden musste und sich das Drahtseil als unerwartet stabil erwies. Einer der Kriminaltechniker wurde nach einem Bolzenschneider geschickt. Der Schwimmsteg dröhnte unter seinen eiligen Schritten.
»Herr Stahnke«, ließ sich Mergner vernehmen. »Wie es aussieht, haben wir noch etwas Interessantes.« Er wies auf den rechten Unterarm des Toten, der während des Gezerres an der Stahlfelge seine Position verändert hatte. »Eine Tätowierung. Scheint eine Nummer zu sein. Eine fünfstellige Zahl.« Er rückte seine Brille mit den flaschenbodendicken Gläsern zurecht und schaute genauer hin: »Nein, eine vierstellige. Das davor ist ein Buchstabe. Ein Z, wie es aussieht. Z 3030.«
Der Hauptkommissar hatte währenddessen Olivia Dressel im Auge behalten; sie ließ professionelle Neugier erkennen, sonst nichts. Erst jetzt drehte er sich um und hockte sich neben den Gerichtsmediziner. Der Anblick der tätowierten Zahl auf der Innenseite des totenbleichen Unterarms war ein Schock, so vertraut wirkte er. Vertraut von alten Fotos und aus Filmdokumenten. Dokumenten des deutschen Versagens. KZ-Insassen hatten solche Nummern getragen. Ganz wenige Überlebende trugen sie heute noch.
Stahnke schaute erneut in das Gesicht des Toten. Wie alt müssten KZ-Überlebende inzwischen sein, überlegte er, 80 Jahre? Wohl eher 90 oder mehr. So alt war dieser Mann auf keinen Fall. »Das kommt nicht hin«, murmelte Stahnke.
»Nein, das tut es nicht. In mehrfacher Hinsicht.« Doktor Mergner war in seinen Überlegungen schon weiter. »Nicht nur der Tote ist zu jung für eine solche Nummer, die Tätowierung ist es auch. Wobei mir das eher geritzt aussieht als fachkundig tätowiert. In die Haut geritzt und dann etwas in die Wunden gerieben, Ruß vielleicht. Ziemlich frisch, höchstens ein paar Tage alt. Und der Buchstabe Z passt auch nicht für mich.«
»Z für Zigeuner?«, riet der Hauptkommissar. Ausschlussverfahren. Sicher wusste er nur von den farbigen Winkeln, mit denen die verschiedenen Gruppen von Gefangenen in den Konzentrationslagern der Nazis markiert worden waren – gelb, rot, grün, lila, blau, schwarz und rosa, auch in Kombination und mit verschiedenen Zusätzen. Die Winkel aber befanden sich an der Kleidung. Von einem tätowierten Z hörte er zum ersten Mal.
Mergner nickte. »Genau. So wurden die Insassen des Zigeunerlagers in Auschwitz tätowiert. Sagen Sie selbst, sieht dieser Mann für Sie aus wie ein Angehöriger der Volksgruppe der Sinti und Roma?«
»Sehen alle Zigeuner wie Zigeuner aus?«, fragte Stahnke zurück. »Und alle Juden wie Juden? Ephraim Kishon war hochgewachsen und blond, das hat ihm damals das Leben gerettet, weil alle dachten, so sieht doch ein Jude nicht aus.«
»Und Sally Perel ging als Volksdeutscher durch, obwohl er auffallend klein und knubbelig war.« Mergner seufzte theatralisch. »Lieber Herr Hauptkommissar, wir beide kennen unsere Schriftsteller, und wir kennen uns auch mit Ausnahmen aus. Aber bleiben wir ausnahmsweise bei der Regel, ja? Dieser Tote ist geschätzt 1,90 Meter groß, seine Haut ist extrem pigmentarm, seine Haare waren mal blond. Nordisch-keltischer Typus. Solche Männer haben seinerzeit im Zigeunerlager Auschwitz bewaffnet auf den Wachtürmen gestanden, nicht stramm vor den Baracken.« Der Mediziner hob die Hand: »Und ehe Sie sich daran festbeißen – auch dafür ist er deutlich zu jung.«
»Und seine Tätowierung sowieso.« Stahnke nickte. »Da will uns einer ein Rätsel aufgeben.« Er wandte sich der Frau auf dem Boot zu: »Oder vielleicht Ihnen?«
Olivia Dressel hatte ihre Haltung nicht verändert, nur den Hals gereckt. »Einen Moment lang dachte ich das«, antwortete sie. »Letztes Jahr habe ich eine Serie veröffentlicht im Oldenburger Lokalteil. Besondere Bauten und ihre Geschichte. Dabei bin ich auf allerhand vertuschte Arisierungen gestoßen. Sie wissen schon, Häuser, die früher mal Juden gehört und zwischen 1933 und 1938 den Besitzer gewechselt haben. Meist unter dubiosen Umständen, und jedes Mal hat sich irgendwer dabei eine goldene Nase verdient. Ich glaubte schon, die KZ-Nummer könnte ein Hinweis auf einen dieser Fälle sein. Aber das Z vor der Zahl passt da nicht hinein. In meinen Berichten ging es ausnahmslos um Juden.«
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