Er war aus dem Bett hinausgelangt, aus eigener Kraft und ohne zusammenzubrechen. Kein Arzt hätte ihm das schon zugetraut oder es ihm erlaubt. Sein Herz klopfte, sein Puls ging rasch, er atmete hastig. Aber er durfte sich keine Zeit lassen. Wenn jemand im Zimmer erwachte, würde sein Experiment abgebrochen und zuschanden gemacht werden.
Er wollte sich aufrichten und auf den Füßen stehen.
Was für ein Gedanke, wieder ein Mensch zu sein.
Traum – phantastischer Traum –, wieder auf den Füßen zu stehen. Heimgehen. Joe bot alle Phantasie und alle Willenskraft auf, um seinen Nerven und seinen Muskeln zu befehlen, was sie zu tun hätten. Es gelang ihm, sich aufzurichten. Er atmete tief. Mit Vorsicht hielt er das Gleichgewicht. Vom ganzen Körper rann ihm der Schweiß. Während er die Tropfen laufen fühlte, musste er daran denken, dass Schweiß roch. Doch würde davon niemand aufwachen.
Joe versuchte zu gehen. Er hielt sich nicht fest. Er schaute geradeaus auf die Tür, fasste einen Punkt ins Auge und wagte den ersten Schritt … die Gewalt der Hoffnung zog ihn … den zweiten Schritt … den dritten Schritt.
Ein Schmerz wie ein elektrischer Schlag durchzuckte ihn. Er stürzte, fiel ausgestreckt zu Boden und spürte, dass sein Kopf gegen etwas Hartes geschlagen war. Doch blieb er bei Bewusstsein und konnte seine Schmerzen empfinden. Während er am Boden lag, ohne sich zu rühren und ohne zu rufen, dachte er: Jetzt kommen sie wieder, sie fassen mich wieder an, sie werden mich schelten und mir gute Lehren erteilen wie einem ungezogenen Kind. Ich bin ihr Gefangener. Es ist schlimmer als Gefangenschaft. Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal ertragen kann.
Durch den Korridor kamen eilige Schritte näher. Das dumpfe Geräusch des Falls war zu hören gewesen. Die Tür wurde geöffnet, die Nachtschwester erschien.
Sie stieß einen kleinen Ruf der Überraschung und des Schreckens aus und holte Hilfe.
Der Assistenzarzt kam.
»Mr King! Was machen Sie nur! Warum klingeln Sie nicht, wenn Sie etwas brauchen?«
Der Assistenzarzt alarmierte zwei Krankenwärter.
Der wieder hilflos gewordene Körper wurde auf eine Trage gehoben und in das Operationszimmer gebracht. Er wurde geröntgt und neu geschient. Chefarzt Miller selbst kam; er war von seinem Patienten enttäuscht und zeigte sich ungehalten. Aus der Hülle wortkarger Autorität, mit der Miller Patienten und Personal zu regieren pflegte, brach eine ungewohnte wortreiche Rücksichtslosigkeit.
»Wir haben geglaubt, dass Sie ein Mann und vernünftig seien, Mr King. Werden Sie nicht ein hysterisches Weib. Sollen wir Sie anbinden? Ich habe schon Unannehmlichkeiten genug durch Sie gehabt – keine weiteren mehr, bitte, sonst muss ich Sie an das Indian Hospital zurücküberweisen, das für Sie als Reservationsindianer zuständig ist. Was für ein Unverstand! Seien Sie froh, dass der Ausflug Sie nicht das Leben gekostet hat.«
Joe war versucht zu sagen: Hätte er’s doch. Aber er schwieg, um nicht weitere Predigten in Gang zu bringen.
Wenn er hätte tun dürfen, wonach ihm zumute war, so hätte er geweint. Seine Nerven waren nach der Höchstspannung schlaff. Aber er erlaubte sich selbst nicht, Reue und Schwäche zu zeigen. Genug, dass er wieder in der großen Schiene liegen und am nächsten wie an den folgenden Tagen nicht nur bedient werden musste wie zu Beginn, sondern dass dies unter der Begleitmusik vieler Worte der Mitpatienten und der Schwestern geschah: »Wie kann man denn …«
Man hatte gekonnt.
Es war schwer für Joe, sich so weit aufzuraffen, dass er den Willen zur Genesung noch einmal fand.
Joe galt von diesem Zeitpunkt an nicht mehr als ein angenehmer, auch nicht nur als ein unangenehm unzugänglicher Patient. Er hatte sich als hintergründig, unverständig und aufsässig erwiesen und den Heilerfolg gefährdet, der das Ansehen der Ärzte und der Klinik heben sollte. Die lange Zeit seiner Geduld war vergessen, der letzte Eindruck haftete. Nach dem Zornesausbruch des Chefarztes war es notwendig, den Patienten streng zu beobachten und genaue Regeln aufzustellen. Die Nachtschwester, die wegen mangelnder Aufmerksamkeit getadelt worden war, wurde korrekt bis zum Unerträglichen. Die normale Vernunft schien nach allgemeiner Auffassung dem Patienten King nicht gegeben. Sein Experiment hatte bewiesen, dass er psychisch wie körperlich zum Unerwarteten, ja für unmöglich Gehaltenen fähig war. Man musste ihn eher wie einen Wilden behandeln. Von irgendwoher begann das Flüstern, dass dieser Patient schon zweimal polizeilich vernommen worden und krimineller Delikte verdächtig sei. Der Ton änderte sich.
Die einzige, der das Geschehen weder Worte des Bedauerns noch der tadelnden Belehrung, noch der laufenden Bevormundung entlockte, war die rotblonde, naiv lächelnde Schwester Kay.
Wie Joe erfuhr, war sie die Tochter eines Bibliothekars und auf eigenen Wunsch Krankenschwester geworden. Sie brachte ihrem indianischen Patienten jetzt hin und wieder ein Buch mit, das weder in der Klinik noch in der Stadtbibliothek zu haben war, und sie verstand es so einzurichten, dass Joe ohne Hilfe und ohne sich zu schaden, umblättern konnte. Er interessierte sich für Geschichte und Sagen, Geographie und Ökonomie, auch für Betriebswirtschaft, und es gelang ihm beim Lesen, zeitweise in eine andere Welt zu entrinnen und seine Gedanken, die Marys Tod und der Hoffnungslosigkeit des eigenen Lebens verhaftet gewesen waren, wieder auf andere Gegenstände zu richten.
Da er sich keine Aufzeichnungen machen konnte, lernte er ganze Abschnitte aus Büchern, die ihm wichtig erschienen, auswendig. Er freute sich, wenn durch die offenstehende Tür Schwester Kay hereinkam; es ermutigte ihn, dass seine geistigen Leistungen einen anderen Menschen überraschten und beglückten. Hin und wieder kam Schwester Kay eine halbe Stunde, um sich mit Joe King und den anderen Patienten zu unterhalten. Es fiel nicht auf, und die Patienten durchschauten nicht, dass Kay ihre Freizeit darangab. Aus allen vier Betten schien ihr Freundlichkeit entgegen wie eine milde, verschwimmende, nichts aufdeckende Helle.
Welche Bedeutung Joes Fragen und seine kurzgefassten Urteile über das Gelesene hatten, war nur ihm selbst und Kay bewusst; was er dazu sagte, spielte für die übrigen keine Rolle, es ging für sie im Geplätscher des Geplauders über Leiden, Unfälle, Ärzte, Frauen, Wagen unter. Joes Leidensgenossen respektierten, dass die wenigen Äußerungen des Indianers zu diesen Themen sich stets auf Wagen und Straßen bezogen und von zuverlässiger, ausgebreiteter Kenntnis darüber zeugten. Auf Grund dieser Kenntnisse und seiner entschiedenen Sprechweise begannen sie, ihn für einen Mann von einem gewissen Ansehen zu halten – mochte dieses legal oder illegal sein – und die Annahme schien sie zu beruhigen. Die allgemeine Stimmung im Zimmer neigte sich wieder zu Joes Gunsten.
Eines Tages jedoch wurde die Atmosphäre der Unverbindlichkeit zerstört, der Kreis sozialen Zusammengehörigkeitsgefühls gesprengt. Joe hatte wieder Fragen gesammelt. Schwester Kay stand zwischen seinem und dem Nachbarbett.
»In Ihren Büchern ist zu lesen, Schwester, dass auch die weißen Männer und Frauen einst eine Stammesverfassung hatten. Das haben wir in der Schule nicht gelernt.«
»Wir auch nicht, Mr King. Es ist so lange her, dass es schon nicht mehr wahr ist.«
»Gibt es das?«
»Was meinen Sie?«
»Dass Wahrheit schwindet – dass Wahrheit unwahr wird?«
»Ich habe es dahingeredet. Wenn Sie mich fragen und mich dabei ansehen – nein, das gibt es nicht.«
»Ich denke, dass die ältesten Wahrheiten die besten sind – am längsten erprobt.«
»Wenn sie standgehalten haben, ja. Aber was bleibt schon? Alles um uns stürzt und wandelt sich. Wir schreiten fort und begreifen nicht mehr, wie die Menschen früher dachten. Es war primitiv und unglaubwürdig, was sie gedacht haben.«
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