Andere „Marienpflanzen“ sind besonders schöne Vertreter ihrer Verwandtschaft und tragen daher diesen Ehrennamen.
Die Marienglocke zum Beispiel ist eine großblütige Glockenblume, die als Gartenpflanze geschätzt wird.
Ein Süßgras ist, wenn man seinen griechischen Namen Hierochloa übersetzt, ein „Heiliges Gras“ und wird auch Mariengras und Mariensüß genannt. Dabei spielt es als Futterpflanze kaum eine Rolle. Aber ihm entströmt ein süßer Duft, ähnlich dem Waldmeister, so dass man früher trockene Mariensträuße in den Kleiderschrank legte, so wie andere Duftspender, etwa Lavendel, auch. Sie brachten im Schlaf wundersame Marienträume.
Die Königskerze wächst meterhoch in den Himmel, deswegen heißt sie auch Marienkrone und Himmelskerze.,
Der Frauenmantel vergießt Marientränen. Es sind am frühen Morgen kleine Tautropfen auf den Blättern.
Das Gottesgnadenkraut macht alle Kranken wieder gesund. Das Johanniskraut, auch „Herz-Jesu-Blut“ genannt, speichert in den Blüten einen blutroten Saft, der an die Leiden des Herrn erinnert. Es ist ein Wirkstoff, der wunde Seelen heilt. Deshalb wird die Heilpflanze gegen Depressionen eingesetzt.
Ein jeder kennt den Marienkäfer, den freudig begrüßten halbkugeligen Käfer mit den schwarzen Punkten auf dem roten Flügelkleid. Farben und Punktzahl wandelt er indes vielfältig ab. Die meisten aber haben sieben Punkte auf den Deckflügeln. Deshalb heißen sie auch Glückskäfer. Der Liebling des Volkes und besonders der kleinen Kinder trägt dann so poetische Namen wie „Herrgottstierchen“, „Herrgottspferdchen“, „Herrgottsschäfchen“, „Gotteskälbchen“, „Marienpunkt“, „Marienkleid“, „Sonnenkälbchen“ oder „Marienblatt“.
Ebenso ist der Name des Herrn selbst in die Namen der Pflanzenwelt aufgenommen worden. Im tiefen Winter blüht eine schneeweiße Blume, eine Nieswurz, in den Gärten um die Zeit des Weihnachtsfestes. Sie heißt eben „Christrose“.
Verschiedene Pflanzen gaben nach den Legenden ihre Zweige und Äste her, damit daraus die Dornenkrone Christi entstand. Das Volk nennt sie „Christusdorn“.
Manche Zierpflanzen schauen uns mit großen Blumenaugen an: als „Christusaugen“ bezeichnet man sie. Am bekanntesten unter ihnen ist der gelb blühende Alant.
Es gibt eine „Christusträne“, ein tropisches Gras mit tränenähnlichen Scheinfrüchten, den Hüllkapseln der weiblichen Ähren. Dieses Gras heißt auch „Marien-, „Moses- oder „Frauenträne“ und dient zur Herstellung von Rosenkranzperlen.
Es gibt außerdem wertvolle Arzneipflanzen, deren Wurzeln verwendet werden. Sie werden „Christwurz“ genannt, wie zum Beispiel Arnika, Schöllkraut und Nieswurz.
Der Name Gottes findet sich häufiger in unserem Namensgut. Mit einem Kraut, das wahre Wunder wirkt und deshalb in der Volksheilkunde verwendet wird, lässt Gott uns seine Gnade widerfahren. Es ist das Gottesgnadenkraut, ein Ehrenname, den mehrere Pflanzen tragen.
Eine sonderbare Fangheuschrecke heißt „Gottesanbeterin“, auch „Betjungfrau“ genannt. Aber diesen Namen trägt sie zu Unrecht. Es sieht zwar tatsächlich so aus, als erhöbe das Insekt seine Vorderbeine zum Gebet. Während es aber auf den vier langen anderen Beinen langsam dahin schreitet, wird mit den ersten Fangbeinen das überraschte Opfer rasch gegriffen, indem Schenkel und Schiene wie eine geöffnete Schere zusammenklappen.
Besondere Ehre widerfährt dem gelben Labkraut. Es war bei den Germanen der Fruchtbarkeitsgöttin Freia zugeeignet, später aber war die reich mit Aberglauben verknüpfte Pflanze der Mutter Gottes geweiht. Sie diente als „Unserer lieben Frau Bettstroh“. Vielleicht ist ihr wegen ihres Duftes diese Aufgabe in der Legende zuteil geworden.
Unser Fingerhut mit seinem purpurroten Blütenschmuck heißt „Unserer lieben Frau Handschuh“. Er ist zwar giftig, aber trotzdem als Heilpflanze ein Wohltäter für die Menschheit, da seine Giftstoffe auf die Herztätigkeit günstig einwirken.
Die Blätter des Frauenmantels haben eine besondere Gestalt: Sie sind rundlich, fast nierenförmig. Ihr Rand ist von neun abgerundeten Lappen umgeben, die bis zum Grunde gesägt sind. In den Kerben zwischen den Lappen und den Randzähnen stehen am frühen Morgen glitzernde Tautropfen, die sich mitunter im Blattgrund wie in einem Becher sammeln. Die Blattform ist das Abbild eines ausgebreiteten Mantels, wie ihn Maria tragen könnte. Also heißt der Frauenmantel im Volksmund auch Marienmantel. Auf Heiligenbildern kann man die Mutter Gottes mit einem ähnlichen, weiten, Falten schlagenden Überwurf dargestellt finden.
Die Madonnenlilie, Symbol der Jungfräulichkeit Marias
Jupiter legte den Säugling Herkules an die Brust Junos, während die Göttin schlief. Als das Kind trank, wurden einige Tropfen der göttlichen Milch verschüttet. Jene, die in den Himmel tropften, wurden in die Milchstraße verwandelt, aus denen, die die Erde erreichten, sprang die Madonnenlilie hervor (Lilium candidum). Diese Blume wird immer mit Reinheit in Verbindung gebracht, sowohl in der heidnischen als auch in der christlichen Welt. Ihre Kultivierung geht Tausende von Jahren zurück: die alten Ägypter priesen sie ihrer Schönheit und medizinischer Vorzüge wegen; aus den Knollen wurde eine Art Brot gemacht, das auch jetzt noch in einigen östlichen Ländern so verwendet wird.
Parkinson, Gerard, Culpeper und vor ihnen die heilkundigen Mönche – alle hatten die Madonnenlilie als Mittel gegen Schwellungen, Verbrennungen, Schnitte und Quetschungen angewandt, und diese Praxis hat bis jetzt überdauert. Hildegard von Bingen hingegen verwendete sie als Salbe gegen Ausschlag. Die Droge ist die Knolle. Die Madonnenlilie hat in Form eines Dekokts zahlreiche Wirkungen, einschließlich harntreibender, regelfördernder und die Gicht vertreibender.
„Ich bin eine Blume auf den Wiesen des Scharons, eine Lilie der Täler. Eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen.“ So spricht die Bibel im Hohenlied Salomos von der Lilie, die die Christenheit der Jungfrau Maria, der Muttergottes, weihte. So kam sie zu ihrem Namen Madonnenlilie. Die Weiße Lilie, auch Marienlilie genannt, zierte die Säulenkapitelle im Tempel Salomos. Sie war ein Symbol der Schönheit, oft auch von Fruchtbarkeit und Reichtum. Unter christlichem Einfluss wurde sie zum Sinnbild für geistige Reinheit, Heiligkeit und Auferstehung.
„Zuoberst auf den beiden Säulen bei der Vorhalle des Tempels war eine Arbeit aus Lilien, jede vier Ellen dick.“ (1. Könige 7, Vers 19). „Ich will für Israel sein wie der Tau, es soll blühen wie die Lilien und Wurzeln schlagen wie die Pappel.“ (Hosea 14, 5).
„Freuen sollen sich die Wüste und das dürre Land, frohlocken die Steppe und blühen! Gleich der Narzisse soll die Lilie blühen und frohlocken, ja frohlocken und jubeln!“ (Jesaja 35, 1 - 2).
Die weiße Lilie zierte die Säulenkapitelle in vielen anderen Zivilisationen, in Ägypten, Assyrien, in der minoischen Kultur und im Tempel Salomos in Jerusalem. Unter christlichem Einfluss wurde sie zum Sinnbild für geistliche Reinheit, Heiligkeit und der Auferstehung und deshalb wurde sie häufig in der Nähe und Umgebung von Kirchen angepflanzt. Unter dem Namen „Marienlilie“ und „Madonnenlilie“ taucht die Blume oft auf alten Kirchengemälden auf, die Maria mit der Lilie in der Hand oder in ihrer Nähe zeigen.
Nach einer alten Sage spross die Lilie aus den Gräbern von Liebenden und unschuldig Hingerichteten hervor. Wenn sie auf der Friedhofsstätte unschuldig Ermordeter erscheint, so ist sie ein Zeichen der kommenden Rache; entsprießt sie auf einem Grabhügel eines armen Sünders, so kündigt sich Vergebung, die Sühne der Todesgottheiten an. Die Lilie galt auch als Gruß des Todes an den zurückbleibenden Lebenden; daher die Sage, dass der Geist des Verstorbenen selbst die Blume auf dem Grab gepflanzt habe.
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