Als das Telefon klingelt, hat sich Niks gerade ein Hörnchen in Alufolie auf der Herdplatte erwärmt und ist dabei, es in eine große Tasse Milchkaffee zu tunken.
Niks? Nikola Berger? Eine Frauenstimme.
Am Apparat. Als spräche Niks in ein Bakelit-Wandtelefon! Wer ist denn da?
Karen. Karen Eno. Weißt du noch? Ich bin die Freundin von Nadine.
Nadine. Die Praktikantin, die vor über zwanzig Jahren beim Nachrichtensender arbeitete und in Konstanz kein Zimmerfand. Niks nahm sie für vier Wochen auf und betreute ihre Arbeit. Im darauffolgenden Jahr kam Nadine als Volontärin wieder und brachte ihre Freundin Karen mit, die ihr erstes Radiopraktikum absolvieren wollte. Niks besorgte den beiden ein WG-Zimmer. Viele Stunden ihrer knapp bemessenen Freizeit verbrachten die jungen Frauen damals mit Niks. Erst als Nadine und Karen heirateten und Familien gründeten, verloren sie einander aus den Augen. Aus den Weihnachts- und Osterpostkarten, die gelegentlich bei ihr eintreffen, hat Niks erfahren, dass Nadine in Genf wohnt, zwei Töchter hat und mit einem Doktor der Teilchenphysik liiert ist. Über Karen weiß sie weniger. Karen ist geschieden, hat ihren Mädchennamen wieder angenommen und lebt mit ihrem Sohn irgendwo im Thurgau.
Karen? So eine Überraschung!
Also erinnerst du dich noch an mich?
Aber natürlich. Karen Eno. Die dänische Primaballerina.
Karens deutsche Mutter starb früh; ihr dänischer Vater investierte viel Zeit und Geld in das Ballettprogramm seiner Tochter. Mit siebzehn war sie so magersüchtig, dass ihre Knochen brachen wie Glas. Die lange Therapie bohrte eine Pause in ihr ehrgeiziges Trainingsprogramm, von der sich ihre tänzerischen Leistungen nie wieder erholten. Da stand sie nun, mit einem auf Normalmaß hochgemästeten Körper, ohne die geringste Ahnung, wie ihr Leben weitergehen sollte. Zum Radio kam sie durch Nadine. Ihre Härte, die einst eine vielversprechende Tänzerin aus ihr gemacht hatte, zahlte sich nun aus. Schon als Praktikantin kannte sie keine Gnade. Altgediente Redakteure gaben zu, sich vor ihr zu fürchten. Niks jedoch empfand Mitleid mit ihr, dieser schlanken, zierlichen, jungen Frau mit dem hochgesteckten, dunklen Haar und dem kühlen Blick, deren schnappende Atemzüge von der Angst zeugten, erneut zu versagen.
Du hast mich nie tanzen sehen. Selbst heute klingt Karen noch einschüchternd.
Niks erkundigt sich nach dem Sohn.
Gut. Es geht ihm gut, sagt Karen. In zwei Tagen wird er einundzwanzig. Stell dir das vor. Ab übermorgen darf er eine Lok fahren, ein Kind adoptieren und sich zum Landrat wählen lassen. Es macht mich alt , Niks.
Niks seufzt in ihre Sprechmuschel und fragt sich, wer ihr eigentlich verbietet, einfach aufzulegen. Der Milchkaffee ist sicher nur noch lauwarm, das Hörnchen hoffentlich nicht in die Tasse gerutscht.
Ich mach mir Sorgen um ihn, sagt Karen. Wir haben ihn ohne Fernseher aufwachsen lassen, ohne Computer und den anderen technischen Kram. Mit sechzehn hat er einem anderen Jungen das Notebook geklaut. Na ja, ich musste ihn dann für ein Jahr aufs Land schicken. Auf eine Montessori-Erdkinder-Erfahrungsschule. Ein Jahr körperliche Arbeit auf dem Feld und im Stall. Es tat ihm so gut, weißt du. Er hat hinterher sein Abi gemacht, und nun will er Journalist werden. Ich bin richtig stolz auf ihn. Aber vielleicht kommt er unter die falschen Leute. Deshalb wollte ich dich bitten …
Er braucht einen Praktikumsplatz?
Er fängt nächsten Monat beim Sender an, als Volontär. Könnte er nicht anfangs bei dir wohnen, bis er sich eingelebt hat? Die Zimmer sind ja teurer denn je. Am liebsten würde ich mitkommen, aber ich habe gerade bei unserer evangelischen Gemeinde eine neue Stelle als Internet-Redakteurin angenommen. Außerdem finde ich, dass Hek endlich auf eigenen Füßen stehen sollte.
Niks schließt die Augen. Hätte Hektor nicht lieber ein Zimmer in einer WG mit Gleichaltrigen, fragt sie. Ich weiß ein paar Leute, die bestimmt etwas für ihn auftreiben würden.
Für den Anfang sollte er erst mal bei dir sein. Karen klingt ungerührt. Dann können wir ja sehen. Du wohnst doch immer noch in deiner großen Wohnung, oder? Hek könnte für dich einkaufen gehen oder deine Fensterscharniere reparieren oder so was. Er kann jetzt gut mit den Händen arbeiten.
Er müsste aber trotzdem Miete zahlen.
Aber bitte einen Freundschaftspreis. Mein Lohn bei der Gemeinde ist nämlich nicht so doll, sagt Karen gespielt ergeben. In ihrer Härte und Beharrlichkeit ist ihre Stimme kaum gealtert. Niks erinnert sich an eine gemeinsame Wanderung im Mainauwald mit Karen und Nadine. Karen trug den Rucksack mit den Flaschen, mit Würsten, Brot, Kuchen und hartgekochten Eiern auf dem Rücken. Sie stolperte über eine Baumwurzel und landete bäuchlings im Farn. Nadine und Niks zogen sie hoch, wollten ihr den Rucksack von den Schultern nehmen, doch Karen wehrte sich. Es ist nichts, ist okay, gehen wir weiter. Sie stopfte sich das herausgerissene Hemd zurück in die Hose und ging vor den beiden anderen her, als wäre nichts passiert. Den Rest des Tages blieb sie stiller als sonst. Selbst der mitgebrachte Heidelbeerlikör, der Nadine und Niks schon nach wenigen Gläsern an den Rand der Geistlosigkeit gebracht hatte, schien bei ihr nicht anzuschlagen. Irgendwann fing Nadine an, Karen zu foppen. Niks war zu betrunken, um sich einzumischen. Sie saß auf ihrem Baumstumpf und hörte zu. Du Musterschülerin, sagte Nadine, gehst du zum Lachen eigentlich in den Keller? Hast du schon mal was Sinnloses getan, bloß weil es dir möglich ist? Du bist ja zerfressen von Ehrgeiz. Ich wette, du kannst das Wort Freude nicht mal buchstabieren. Soll ich es für dich tun? F-R-E-U-D …
Irgendwann stand Karen dann auf, packte Essensreste, Schnapsflasche, Gläser und Geschirr wortlos in ihren Rucksack und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Am nächsten Tag kam sie mit einem Leistenriss ins Krankenhaus. Eine Woche später gab Nadine ihr Volontariat vorzeitig auf, Niks hat nie erfahren, warum. Und Karen übernahm die freigewordene Stelle.
Am Mittwochnachmittag also will sie ihren Sohn zu Niks bringen.
Am Abend veranstaltet der Naturschutzbund sein Herbstgrillfest. Die Fluss-Seeschwalben haben die installierten Brutflöße dieses Jahr gut angenommen, das feiert man mit einem Freudenfeuer, Stockbrot und Biowürstchen. Im Tipi gibt es Zwiebelkuchen und Apfelmost. Die Sonne verkriecht sich hinter roten Wolken, die ersten Fackeln brennen bereits, und Niks hüllt sich fester in ihren alten Wollponcho, der den Rauchgeruch früherer Feste in sich trägt. Alle um sie herum sind jünger als sie. Anfangs fühlte Niks sich fremd zwischen den engagierten Ehepaaren. Deren lebhafte Erzählungen von Sitzblockaden in Gorleben, am Frankfurter Flughafen oder im Wendland erinnerten Niks vor allem an die Glaszelle, in der sie Tag für Tag saß, um das Geschehene in trockene, verständliche Sätze zu packen.
Neben ihr sitzt Julia, eine schmale Ornithologin mit fünf Kindern und einem Mann, der sein halbes Leben auf der Rainbow Warrior verbracht hat. Heute kauert er vor dem Feuer und hält fünf Stockbrote in die Flammen. Julias Blick ist liebevoll-nachsichtig. Sie zieht eine Tupperdose aus ihrem Rucksack und bietet ihren zwei jüngsten Kindern Apfelstückchen daraus an. Nächstes Jahr könnten wir noch mehr Brutflöße bauen, sagt sie zu Niks. Herrmann wird das beantragen.
Als hätte Herrmann sie gehört, nimmt er die fünf Stöcke in die rechte Hand, dreht den Kopf und winkt mit der Linken. Dann wendet er sich wieder dem Feuer zu.
Ich hoffe, dass er dieses Jahr daheim bleibt, nickt Julia. Max ist in der vierten Klasse und wird sie nicht so leicht schaffen wie die zwei anderen. Es ist eine schwierige Zeit für ihn und für uns, und Herrmann muss mithelfen. Er hat eine Vollzeitstelle bei Greenpeace angeboten bekommen. Das Meiste wäre einfacher Redaktionskram, den er von daheim aus erledigen kann. Höchstens ein Mal in der Woche würde er nach Stuttgart fahren. Er wollte unbedingt fünf Kinder, also soll er sich auch Zeit für sie nehmen. Julias hageres Gesicht ist alltäglich, ein Gesicht, das sich in sprechende Quer- und Längsfalten legen lässt.
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