Doch das städtische Dreckschwein war – gedankenschnell – eben im Begriff, den Pfuhl der Sünde auf gekommenem Weg zu verlassen. Und als sie, „Verruchtes Weibsstück!“ schreiend, ihrer Tochter einen Funken Aufmerksamkeit widmete, war er längst am Fenster und tastete mit zitternden Knien den ersten Sprossen nach. Der Besenstiel flog als sirrendes Geschoss an ihm vorbei und blieb geradenwegs im benachbarten Kirschbaum hängen. Doch so sehr sich Rainer auch eilte, die Matrone erwies sich als schneller und kippte mit kräftigem Schwung die Leiter in den Rasen, so dass er wie weiland Dorfrichter Adam in die unvermeidlichen Rosen hinab stürzte. Es stach ihn mehrfach im Bein und er hatte sich zu allem Übel auch noch den Fuß verrenkt. Die Hose war hin. Bibbernd stand er nun unten, klagend um die abwesende Hose, und schaute erwartungsvoll hinauf in das erleuchtete Kammerfenster. Die Matrone füllte es gediegen aus.
„Meine Hose!“, rief er bescheiden und bedeckte seine Scham, von der in der Dunkelheit leider nichts zu erkennen war …
„Die kannst du dir morgen auf der Wach’ abholen!“, kreischte die Mutter ohne Rücksicht auf nachbarliche Neugier. Entschlossen zog sie das Fenster zu. Er durfte froh sein, nicht einen Eimer Unrat über seinem Haupt entleert zu sehen.
Hinter ihm begann es zu kichern. Dieses kam ihm sehr bekannt vor.
„Oh, der Mond is aufgange!“, sagte eine vertraute Stimme.
„Ach Juliane!“, seufzte Rainer verzweifelt. „Hab’ ich mich doch im Haus geirrt!“
„Naa, naa,“ beschwichtigte sie ihn. „Ich wollt’ nur der Sigi aach mal was Guts zukomme lass’.“
„Verfluchtes Weibsstück! Warum hast du mich betrogen? Warum hast du mich belogen?“
„Beloge?“, fragte sie.
„Ja, belogen, hinterfotzig. Ich hab’ gemeint, ob das dein stilles Kämmerlein ist?“
„Naa, du hast gefragt, ob’s ihr stilles Kämmerle is.“
„Ja, dich hab’ ich gemeint, ob es Ihr stilles Kämmerlein ist. ,Ihr‘ großgeschrieben damals, verdammt!“
„Ja mei, wie soll i denn wissen, wie du apostrophierst? ,Ihr‘ groß oder ,ihr‘ klaa?“
Zur Untermalung zuckte ein Blitz vom Himmel, bald gefolgt von höllischem Donner. Zwischen den Ästen rauschte der Regen herab.
„Du kannst mich doch nicht stehen lassen!“, flehte er. „Juliane! So ganz ohne Hosen! Wie soll ich denn ins Gasthaus kommen?“
„Ja, dös waaß i do net. Aber um fümfe wird der Schwof umi sei. Do is kaa Schwanz mehr af de Baa!“
„Aber Juliane!“
„’s reengt fei rei!“, sagte sie kurz und schloss mit hellem Lachen ihr Kammerfenster. Bald darauf erlosch das Licht.
Sieglindes Licht indessen erlosch nicht. Noch immer ging es hoch her „in derer Kemenat“. Und ehe er sich neue Schläge einhandelte, entfernte sich Rainer vorsichtshalber auf leisen Sohlen. Hinten übern Gartenzaun.
Der Rest ist schnell erzählt. Er schlich bis in die Nähe des Wirtshauses und verharrte im Gewitter bei strömendem Regen unter einem Baum. Tatsächlich, erst gegen halber sechs, als der neue Tag schon zu grauen begann, erlosch auch das letzte Licht im Dorf und er konnte mit gewisser Sicherheit unerkannt durch die Hintertür ins ausgelärmte Haus schlüpfen. Nur gut, dass alle Türen offen geblieben waren. Unbekümmert, wie die Leute vom Dorf nun mal sind! Er zog sich an – nun musste er notgedrungen, oder glücklicherweise?, in kurzen Lederhosen reisen. Den kläglichen Rest verstaute er in seine Reisetasche. Er machte drei Kreuze und verließ voller Missmut das Haus in Richtung Bahnhof, harrend wann immer ein Zug kommen möchte. Bezahlt hatte er ja, im Voraus – leider. FÜR ALLE EXTRAS.
Rainer hütete das Bett und meldete sich vierzehn Tage krank. Er war wahrhaftig stark verschnupft. Inklusive.
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