1 ...8 9 10 12 13 14 ...19 »Ja!« Er schwitzte vor Begeisterung.
»Darfst du?«, fragte ich. »Darfst du einen von ihnen autopsieren?«
Es war immer sein sehnlichster Wunsch gewesen, ein Tloxi-Gehirn sezieren zu dürfen. Den demolierten Gefangenen, den wir bei G.R.O.M. an Bord gehabt hatten, hatten wir ihnen wieder ausgehändigt. Das war die Bedingung dafür, dass wir Jennifer von dem Planeten abholen durften. Aber anscheinend hatte seine Weigerung, das Wesen auf eigene Faust und gegen ihren Willen zu untersuchen, bei ihnen einen positiven Eindruck hinterlassen.
»Sie haben es sehr vage formuliert«, erklärte er. »Aber offenbar habe ich ihr Vertrauen gewonnen.«
»Das hast du ganz bestimmt«, strahlte Jennifer. »Dein Verhalten war ja auch völlig untadelig.«
Seine Weigerung, die zu unserem Zerwürfnis mit Rogers geführt hatte, hatte ihr vermutlich das Leben gerettet. Aber nicht nur deshalb war sie so begeistert.
»Was immer es ist«, sagte ich. »Du kannst dabei sicherlich nur profitieren.«
Die Tloxi waren uns technisch in einem Maße überlegen, der jeden Kontakt und jede Zusammenarbeit mit ihnen zu einer Lehrstunde machte. Das galt in erhöhtem Maße für unseren ehemaligen WO, den genialsten Wissenschaftler, den die Union je hervorgebracht hatte.
»Auf alle Fälle.« Er sinnierte zufrieden vor sich hin.
»Wir müssen dann«, sagte ich.
Die letzten Reisenden vor uns waren bereits im Verbindungstunnel, der sie an Bord der Fähre brachte. Der Offizier, der das Einsteigen überwachte, sah geduldig, aber unmissverständlich zu uns her.
»Wir bleiben in Kontakt«, fiel mir noch ein. »Halte uns auf alle Fälle auf dem Laufenden!«
»Habt ihr ein Kom dabei?«, fragte er.
»Ja«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass Jennifer während des Urlaubs offline bleiben wollte.
»Ich werde ab und zu Berichte ins Stabslog stellen«, versprach er.
Immer noch stand er da, die Hand auf meinem Arm. Wir kannten ihn lange genug, um zu wissen, dass er noch nicht fertig war.
»Die Sache hat einen kleinen Haken«, brachte er schließlich heraus.
»Was denn?« Jennifer nahm die Tasche, in dem sie ihre wenigen persönlichen Habseligkeiten transportierte. Ihr Blick nahm diese eindringliche Färbung an, die ich nur zu gut kannte.
Reynolds nickte zum Zeichen, dass er unsere Eile zur Kenntnis nahm.
»Sie wollen mich mit sich nehmen«, sagte er schnell. »Auf eine andere Station, die sie irgendwo weiter draußen unterhalten.«
»Das ist doch großartig«, sagte ich.
»Vermutlich wollen sie mich so unter Kontrolle haben«, meinte er.
»Auf alle Fälle wirst du faszinierende Einsichten bekommen.«
»Diese Station scheint sehr weit weg zu sein.«
»Im Zeitalter von Quantenboxen und oszillierendem Warp dürfte das keinen Unterschied machen.«
Der Offizier machte ein paar Schritte auf uns zu und wedelte mit der Zeitanzeige seines Handkoms.
»Es ist deine Entscheidung«, sagte ich, schon halb im Gehen. »Ich denke, es wird sich auf alle Fälle lohnen.«
»Ich werde es mir auch nicht entgehen lassen!« Wenn er grinste, sah er aus wie ein großer Junge. »Ich wollte euch nur bescheid sagen.«
»Danke, dass du persönlich vorbei gekommen bist.« Jennifer drückte ihm einen Kuss auf die bärtige Wange. »Hat diese Station einen Namen?«
»Ich wurde nicht ganz schlau daraus«, versetzte John Reynolds. »Da ist eine Tloxi-Hieroglyphe in den Protokollen, die ich nicht entziffern kann!«
»Du schaffst das schon!«
Wir gingen durch die Schranke.
Mit hässlichem Pfeifen schloss sich die Schleuse.
***
Die Planetenfähre war nicht allzu groß. Einhundert Passagiere. Der Aufenthaltsbereich sah aus wie eine Lounge in einem Club. Offiziere, Ingenieure und Geschäftsleute waren unsere Mitreisenden. Der Flug erfolgte bei oszillierendem Warp. Allerdings war es ein ziemlich altertümliches Aggregat, so dass die Reise mehrere Stunden dauerte. So etwas waren wir gar nicht mehr gewohnt! Wir genossen es allerdings in vollen Zügen. Hostessen gingen herum und brachten einem, was immer man wünschte. Es gab eine kleine Bar. Jennifer hatte ihren gravimetrischen Sessel ganz nach hinten gefahren und die Beine hochgelegt. Ich unterhielt mich mit einem Mann vom Stab, der zu den Besatzungstruppen nach Sin Pur kommandiert war. Später auch mit einem Spezialisten für Wasseraufbereitung, der die einschlägigen Anlagen in Pura City wieder in Betrieb nehmen sollte.
Als wir den Warp drosselten und das Doppelsystem anflogen, weckte ich Jennifer, die sich in ihrer Liege aufrichtete. Schweigend sahen wir aus dem Fenster, während die Fähre über der zerstörten Stadt in Sinkflug ging. Pura City war in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Innenstadt war völlig ausgebombt. Immerhin waren Pioniertrupps dabei, die schwersten Schäden zu beheben. Überall ragten gravimetrische Kräne in den Himmel. Ganze Viertel wurden niedergelegt und neu aus dem Boden gestampft. Die Infrastruktur würde nach der Instandsetzung in einem besseren Zustand sein als vor unserer Invasion. Materiell würde es den Leuten bald wieder mindestens so gut gehen wie vor dem Krieg. Wie man hörte, kam sogar der Tourismus langsam wieder in Gang. Wenn es auch vor allem Techniker und Geschäftemacher waren, die den Planeten anflogen.
Etwas anderes war der Hass, der der Union dort noch auf Generationen entgegenstehen würde. Wir bekamen einen Eindruck davon, als wir im Transitbereich des Raumhafens der Hauptstadt abgefertigt wurden. Er war die einzige Einrichtung dieser Art auf Sin Pur, wie Pura City die einzige größere Stadt der Wasserwelt war. Beizeiten würde man damit beginnen, ein Terminal im Orbit zu errichten. Aber dieser war noch immer voller Schrott und Trümmer, den Hinterlassenschaften der gewaltigen Schlacht, die dort getobt hatte. Es würde noch eine Weile dauern, bis man die Bahnen, die für eine solche Einrichtung in Frage kamen, so weit gesäubert hatte, dass man mit dem Bau beginnen konnte. Einstweilen mussten auch Transitpassagiere die Einrichtung am Boden anfliegen, um dort umzusteigen.
Der Laya, der unsere Papiere prüfte, war ein Beamter des alten Regimes. Er legte unsere IDs auf seinen Schirm und studierte die Daten, als müsse er eine Expertise darüber verfassen.
»Jennifer Ash und Frank Norton«, knurrte er. Sein Dialekt war fast nicht zu verstehen.
»So ist es«, sagte ich munter.
»Offiziere der Union?«
»Die ranghöchsten ihrer Art.«
Er grunzte etwas.
»Sie können sich ruhig erkundigen.« Ich nickte in Richtung der großen Fensterfront. Über das Flugfeld der provinziellen Anlage hinweg sah man die Hangars und Kasernen der Union. Rogers hatte eine starke Garnison errichtet.
Jennifer stieß mich hinter der Schranke an, aber der Laya ging mit keiner Regung darauf ein.
»Was wollen Sie hier?«, fragte er, als er unsere Viten ausgiebig studiert hatte.
»Gar nichts«, sagte ich freundlich. »Um ehrlich zu sein, wir wollen so schnell wie möglich wieder von hier weg.«
Jennifer trat mir auf den Fuß.
»Das wird auch das beste sein«, zischte der Beamte. »Auf Leute wie Sie haben wir hier gerade gewartet.«
»Alles, was es hier zu sehen gibt, haben wir bereits gesehen.«
»Sie waren schon einmal hier?«
»Vor vielen Jahren.« Ich blinzelte ihn an. »Wir haben unsere Flitterwochen hier verbracht.«
Jetzt wurde er doch neugierig. Er fing von vorne damit an, sich durch unsere Daten zu scrollen.
Jennifer stöhnte genervt.
»Und dann noch einmal vor nicht allzu langer Zeit. Aber davon wird nichts in den Papieren stehen.« Ich zwinkerte.
»Sie waren bei dem verbrecherischen Kommando, das uns besetzt hat!«
»Sagen wir so: wir haben uns damals über die Einreisebestimmungen hinweggesetzt.«
»Das war ein völkerrechtswidriger Akt«, knirschte er mit tödlicher Verachtung in der Stimme.
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