Ich hingegen, - nun, ich drehe mich wieder in Richtung Verkehrt-Herum um, wische noch einmal meine triefende Nase mit dem Handrücken, richte meinen Blick zurück in eine längst verblasste Vergangenheit und humple tapfer drauf los! Mit weichen Knochen und müden Gliedern, aber dennoch guten Mutes und festen Willens. Denn ich habe einen Auftrag zu erfüllen, der da lautet: Schreib! Den kann ich nur erfüllen, indem ich in die Vergangenheit zurück reise, anstatt in die Zukunft, wie alle anderen auch. In die Vergangenheit muss ich zurückstapfen! Nicht ins Jura oder früheste Pleistozän, sondern in meine eigene Vergangenheit, meine ganz eigene! Langsam und stetig, eifrig darauf bedacht, nicht zu straucheln über die letzten Jahre meiner persönlichen Vergangenheit!
Ein Jahr lege ich zurück, und weiter, immer weiter, dann das zweite Jahr, und jedes weitere vergangene Jahr, das sich vor mir auftut, ist angefüllt von ungezählten chaotischen Begebenheiten und bizarren Erfahrungen! Drei Jahre, auch nicht besser; dann vier Jahre, die wir nun geschafft haben, das rückblickende Kaleidoskop dreht und dreht sich, die bunten Scherbenbilder fügen sich und trennen sich und fügen sich und stieben wieder auseinander; und neues Vergangenes kommt mir wieder in den Sinn, die Erinnerung an Peinlichkeiten und Gemeinheiten überschwemmt mich, und ich hinke zäh weiter zurück auf der Suche nach meinem ganz persönlichen Start, nach der einen Stelle, die den Punkt markiert, an dem alles angefangen hat! Das fünfte Jahr, wir sind fast vorbei, dieses fünfte Jahr, als ich mir erstmals einzureden versuchte, dass das alles so schlimm ja nun doch nicht sei, während ich mir vor sechs Jahren darüber klar wurde, dass es schlimmer eigentlich nicht mehr kommen könne. Indes ich vor sieben Jahren mit mir selbst im Streit über meine Empfindungen von Schlimm und Nicht-So-Schlimm lag, mit mir haderte und mich fragte, was denn da wohl über mich hereingebrochen war! Aber um all das erklären zu können, muss ich noch weiter zurück, immer weiter, während die Vergangenheit an mir vorbeizieht wie bleischwerer Dunst, eine einzige Katastrophe, die ich bis heute nicht ganz zu verstehen und deuten mag. Aber ich darf nicht stehen bleiben, um darüber zu philosophieren, dazu ist später noch Zeit! Denn nun vermag ich ihn auf meinem Stolperweg auszumachen, einen ganz schwachen, grauen Klecks am sachte leuchtenden Firmament der Konturlosigkeiten! Ein formloses Stück Grau oder Dunkel vor den verwaschenen Schlieren einer von mir oft verleugneten Vergangenheit! Eine Vergangenheit, die ich nur zu gern vergessen würde, aus meinem Gedächtnis, ja, meinem ganzen Dasein einfach löschen, tilgen! Aber das geht nicht, denn diese verhasste, so heiß geliebte Vergangenheit ist Teil von mir, sie gehört zu mir, ist ein Stück meiner selbst, und sie hat mich begleitet bis hier in die Gegenwart, in welcher ich mich ramponiert und demoralisiert bewege, und sie wird weiter bei mir sein in eine ungewisse Zukunft hinein, der ich mit kaltem Grauen entgegen starre und sie dennoch mit weit geöffneten Armen willkommen heiße!
Aber um dies alles zu erklären, muss ich erst diesen schwachen, grauen Klecks in der Vergangenheit erreichen, der nun seinerseits näher rückt, wenn auch langsam und quälend, aber allmählich an Konturen hinzu gewinnt. Ganz langsam – mein Gehumpel wird etwas rascher – wird sich das Erkennen dieser Schemen in das eigentliche Erkennen des Objektes hinein wandeln; ja, tatsächlich! So nach und nach erweitert die Erkenntnis mein Bewusstsein, und hinter dem heillosen Gewusel von Erinnerungen, die als die letzten sieben Jahre an mir vorbeiziehen wie eine lückenlose Abfolge blanken Wahnsinns, tut sich langsam dieser dunkle, größer werdende Schemen vor mir auf! Ein kastenförmiges Gebilde, noch im Nebel sich lichtender Erinnerungen, ein Kasten wie ein Wagen etwa! Ein Wagen auf Rädern vielleicht! Näher! Ich muss noch näher heran, und die nebulösen Fetzen verdrängten Wissens heben sich langsam, geben mehr Blick auf das wagenartige Ding frei, noch immer nur irgend ein Kasten auf Rädern. Doch die eine, uns zugewandte Seitenfront zeigt sich geöffnet von ganz links bis ganz rechts, und in der Mitte dieser Öffnung, da bewegt sich etwas; dieses Etwas arbeitet, werkelt inmitten dieses Kastens, und wenn man näher herankommt, dann kann man diesen Kasten erkennen als keinen Wagen im Sinne von einem Wagen, sondern es ist ein ganz besonderer Wagen! Ein Wagen mit einer ganz speziellen Eigenschaft, einer ganz besonderen Bestimmung! Ein Wagen, der einen leisen, köstlichen Duft verströmt und einen wie ein erpresserisches Versprechen heranlockt! Ein Duft, der Verbotenes verheißt, Gelüste für einen ganz bestimmten Sinn, Gelüste für den Gaumen, Reizmerkmal an die Zähne, Sinnesfreude an die Zunge; Kalorien, ja, Kalorien, fetttriefend, gehaltvoll und absolut verboten! Ja, da ist er wieder! Da steht er wieder in vollem Glanz, herausgeschält aus dem wabernden Dunst verdrängter Erinnerungen! Da ist er wieder, duftend, lockend, bereit, mir das Geld aus der Tasche zu ziehen und in abgewandelter Form wieder auf die Hüften zu packen! Da ist er, seit acht Jahren rigoros aus meinem Gedächtnis gestrichen und nun, beim einsamen Einhumpeln in meine ganz persönliche Zielgerade, präsent wie einst im Sommer 2005! Da ist er wieder! Mein – …
BRATWURSTSTAND!!!
Mein Wurststand …
An dem alles begann, nunmehr vor über acht Jahren, als das Böse über mich hereinbrach in Form einer eigenartigen Kreatur. Ein – ein Ding, das mir in wochenlanger, mühseliger Kleinarbeit auflauerte, mich so lange umzingelte, ausspähte, begutachtete und schlussendlich für gut genug befand, um einen folgenschweren Zugriff zu unternehmen, in dessen gnadenloser Umklammerung ich mich bis zum heutigen Tage vergeblich winde und zapple und aus der ich mich schätzungsweise bis zu meiner Einäscherung nicht mehr werde wieder herauswursteln können …
Dies alles fand seinen Anfang an meinem Wurststand. Diesem harmlosen Wurststand, dem ich bis vor acht Jahren mein dienstägliches, mittagspausendes Wohlbefinden anvertraute und durch den mein bis dahin wohl behütetes, ruhiges und vollkommen in mir ruhendes Dasein ins blanke Chaos gestürzt wurde. Von diesem eigenartigen Etwas, das mich entdeckte, einkassierte, und das ich nun an der Backe kleben habe, solange ich noch eines Atemzuges fähig bin. Ich kriege es nämlich nicht mehr los, dieses komische Subjekt. Ich kann mich dessen hartnäckiger Präsenz nicht mehr erwehren. Ich kann es abzuschütteln versuchen, wegschleudern, ich kann daran kratzen und darauf herumtrampeln, - es ist dennoch stets da. Ist immer bei mir und nicht mehr wegzuleugnen aus meinem Leben. Es ist da, klebt an mir wie eine hässliche, riesengroße und widerwärtige Warze, die alle Welt sehen kann! Und – was noch viel entsetzlicher ist und meinem ansonsten absolut makellosen Leumund nicht unbedingt günstig – auch hören! Denn sobald dieses Etwas den Mund aufzumachen gedenkt, und dies zu allem Unglück auch noch während meiner Anwesenheit, so wird aller Welt einmal mehr die Fundamentalität eines Zitates aus der legendären Bergpredigt klar gelegt, in welcher unser Lieber Herr Jesus unter anderem feststellte: Selig sind die, die arm im Geiste. Ja. Diese Tatsache muss man in dem Moment anerkennen, sobald die warzenartige Kreatur, die wie eine Klette an mir hängt, das Wort ans Volk richtet.
Selig sind die, die arm im Geiste …
Oh ja …
Aber Sie merken schon, ich greife vor. Oh, du lieber Himmel, ich glaube, ich verzettle mich hier schon ganz zu Anfang, und dabei wollte ich das alles doch in aller Gemütsruhe angehen. In Ruhe und Vernunft. Doch Gemütsruhe gibt es bei mir schon lange nicht mehr, ehrlich. Meine bis dahin hoch gerühmte innere Ruhe habe ich in jenen folgenschweren Wochen am Wurststand zurückgelassen, und meine Vernunft ist von ganz alleine auf der Strecke geblieben. Wie also soll ich ein solches Projekt, das ich nun in Angriff zu nehmen gedenke, stilistisch handfest und in der Abfolge logisch aufgebaut angehen, nachdem all diese charakterlich notwendigen Attribute, die zum Entstehen einer Geschichte nötig sind, bei mir nicht mehr vorliegen? Grundlegende Stärken, deren Existenz aufs Drastischste hinweggefegt wurden mit einer einzigen, einwörtigen und alles entscheidenden Frage, die da lautete: „Schmeckt’s?“
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