Das Burnout-Syndrom, der Tablettenmissbrauch, der Alkohol-Abusus und verschiedenste Formen von Drogenabhängigkeit sind Erscheinungen unserer modernen Zivilisation. Die Menschen betäuben sich, um die innere Leere zu übertünchen. Sie fühlen sich entwurzelt.
Das Urwissen über den Wert, die Bedeutung und den Sinn des Lebens ist ihnen abhanden gekommen. Das Urwissen ist dem Unwissen gewichen. Und so taumeln die Menschen haltlos durch ihr Leben, wie ein angeschlagener Boxer durch den Ring.
Statistiken belegen, dass an zweiter Stelle der Todesursachen unter amerikanischen Studenten, nach den Verkehrsunfällen, der Selbstmord rangiert. Dabei ist die Anzahl der erfolglosen Suizidversuche etwa fünfzehn Mal so hoch. Eine Statistik der Idaho State University belegt, dass 85 % der missglückten Selbstmordversuche aus dem Motiv der Sinnlosigkeit begangen werden. In dieser Statistik wurden sechzig Studenten zum Motiv ihres Suizidversuches befragt. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Aussagen der Personen zu ihren persönlichen Umständen.
Demnach waren von den Personen, welche in ihrem Leben keinen Sinn mehr erkennen konnten, 93 % sowohl körperlich, als auch geistig vollkommen gesund. Sie kamen aus funktionierenden Familien, hatten keinerlei finanzielle Probleme und kamen auch im Studium zufriedenstellend voran.
Der Gründer der Logotherapie, Professor Viktor Frankl, beschrieb den Zusammenhang zwischen dem abgründigen Leeregefühl der Menschen und dem damit einhergehenden Sinnlosigkeitsgefühl. Er äußerte dazu, dass es wohl weniger darauf ankommt, ob das Leben eines Menschen lust- oder leidvoll ist, als vielmehr darauf, ob es sinnvoll ist.
Um den Sinn eines Spieles zu erkennen, muss man um seine Regeln Bescheid wissen. Und um den Sinn des Lebens zu verstehen, muss man seine Spielregeln kennen …
Die Geisteswissenschaft hat das Problem, bezüglich der Leere im Menschen, zwar richtig analysiert, doch welche Lösung bietet sie uns an, was sagt sie über den Sinn des Lebens? – Nichts, denn sie kennt ihn nicht.
Die westlichen Religionen sehen den Sinn des Lebens darin ein gottesfürchtiges Leben zu führen, um danach im Himmel, Hölle oder Fegefeuer zu enden. Einige Menschen geben sich mit dieser Antwort zufrieden, die meisten jedoch nicht …
Die Wissenschaft leugnet die Existenz Gottes, die Religionen halten in der Argumentation dagegen. Die Kontrahenten streiten sich, die Menschen sehen zu, zucken mit den Schultern und sagen: »Wenn die Gelehrten es nicht wissen, wie soll ich es tun?« Ratlos wenden sie sich von den philosophischen Fragen des Lebens ab.
Unsere Gesellschaft währenddessen ist mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Sie braucht wirtschaftlichen Profit um jeden Preis – sei es auf Kosten unserer Umwelt oder auf Kosten der Arbeitnehmer. Der Einzelne findet sich wieder im Karussell von Leere, Wertlosigkeit, Ratlosigkeit und Sinnlosigkeit …
Warum nun dieses Buch? Weil ich selbst mehr als zwanzig Jahre vergeblich nach solch einem Buch suchte und glaube, dass es vielen anderen Menschen gleich ergeht. Weil die Zeit dafür reif ist. Weil die Wirtschaft in Zeiten der Globalisierung auf der Suche nach Profit unseren Planeten zerstört – und weil der Mensch, der Einzelne, das Individuum in unserer Gesellschaft zunehmend auf der Strecke bleibt.
Einerseits steigt die Anzahl derer, die, angesichts der Ermangelung einer Erkenntnis eines höheren Sinnes, am Leben verzweifeln. Sie suchen Trost bei Sekten, Betäubung vom Alltag oder schlimmstenfalls gar die Lösung ihrer Probleme im Suizid.
Andererseits erwachen immer mehr Menschen aus ihrem schlafähnlichen Zustand und erkennen, dass der Sinn des Lebens woanders zu finden sein muss als im Erlangen von Gütern. Immer mehr Menschen spüren, dass ihre persönlichen Bedürfnisse ganz andere sind, als ihnen die Gesellschaft suggerieren will. Sie begeben sich auf die Suche nach ihren Wurzeln und damit auf die Suche nach dem wahren Sinn.
Beiden Gruppen kann der Weg gezeigt werden. Man kann nämlich den Wert, die Bedeutung und den Sinn unseres Lebens schlüssig erklären. Doch nur unter der Voraussetzung, den falschen Vorstellungen der Wissenschaft und der Religionen den Rücken gekehrt zu haben.
Darum wollen wir uns den Spielregeln des Lebens zuwenden, um den Sinn des Lebens zu verstehen. Wir werden in eine Zeit zurückblicken, in der die Menschen noch tief verwurzelt waren und über die Zusammenhänge im Universum Bescheid wussten.
Eine Zeit, in der die moderne Wissenschaft noch nicht existierte und die Religionen, um ihre Existenz kämpfend, noch in ihren Windeln lagen.
Wer den Sinn des Lebens mit seinen fünf Sinnen
in der materiellen Welt sucht,
wird ihn niemals finden.
Friedrich Scholz
Wenn man sich in unserer »modernen«, westlichen Welt die Frage nach dem Sinn – und den Spielregeln des Lebens stellt, findet man sich sehr schnell alleingelassen auf weiter Flur. Die Wissenschaft zerlegt unser Leben von der Zeugung bis zum Tod. Doch was sie uns dann mit ihrem materiellen Weltbild als Erklärung für den Sinn des Lebens anbietet, stellt die meisten Menschen nicht zufrieden. Dass der alleinige Sinn die Fortpflanzung und die Evolution sei, ist für einen selbstständig denkenden Menschen zu wenig.
Zugegeben, wenn man sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens auf den Zeitraum zwischen Zeugung und physischem Tod eines Menschen beschränkt, ist es unmöglich, einen solchen Sinn zu erkennen. Zu unterschiedlich sind allein die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen die Menschen ins Leben treten. Auch die Lebensdauer wirft Fragen auf. Warum werden die einen Menschen in Wohlstand und Gesundheit alt, während andere arm und krank schon in jungen Jahren sterben? Was ist der Grund dafür? Worin liegt da der Sinn? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?
Selbst die westlichen Religionen gelangen in ihrem Redefluss ins Stocken, wenn die Sprache auf den Sinn des Lebens kommt. Sie sprechen davon, dass es wichtig ist, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, um nach dem Tod ins Paradies zu gelangen. Sie befassen sich zwar mit dem Thema: »Was kommt nach dem Tod?«, sie versprechen den Menschen die Vergebung ihrer »Sünden« und das »Eingehen ins Paradies«; aber nur, wenn die Menschen so tun, wie ihnen gesagt wird. Religionen versprechen den Menschen ein besseres Leben nach dem Tod, wenn diese dem Klerus finanziell ein besseres Leben vor deren Tod bescheren. Nach dem Motto: »Tauschen Seelenheil gegen Geld.«
Religionen bieten vielen Menschen zwar eine tröstlichere Antwort als die Wissenschaft, doch für die meisten sind diese Perspektiven nicht wirklich der Weisheit letzter Schluss. Wenn man die Geistlichen nach der Gerechtigkeit im Leben fragt, bekommt man die Antwort: »Die Wege des Herrn sind unergründlich« – und das sind sie auch – für den, der keine Ahnung hat …
So ist der Tod für die Menschen der westlichen Welt etwas Unbekanntes, und vor Dingen, die einem nicht vertraut sind, fürchtet man sich. Wir leben zwar in einer nekrophilen Gesellschaft, welche sich in mehrfacher Hinsicht am Leiden oder Tod der anderen ergötzt, wenn es aber um den Vorgang des Sterbens und die Geschehnisse um den Tod an sich geht, schieben die meisten Menschen dieses Thema beängstigt und verschämt weit von sich.
In früheren Hochkulturen war das Sichbefassen mit dem Tod und dem Sterbeprozess etwas Natürliches. In China, in Tibet, in Ägypten – es gab viele Kulturen, die sich mit dem Tod und dem Geschehen »danach« aktiv auseinandersetzten. Aus den zuletzt erwähnten Kulturen stammen sowohl das »Ägyptische Totenbuch« als auch das »Tibetanische Totenbuch«. Auf beide Bücher werden wir noch genauer eingehen.
Selbst im frühen Christentum hatten Sterben und Tod eine andere Wertigkeit als in unseren Tagen. Jesus meinte diesbezüglich, dass man erst durch den Tod das Leben erringt; und im Tibetischen Totenbuch steht geschrieben: »Wer nicht das Sterben gelernt hat, kann nicht das Leben lernen.«
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