Das Problem sind somit nicht Identitäten an und für sich, insofern diese meist flexible, wabernde, an den Rändern offene Gebilde sind. Das Problem ist ihre Kodifizierung, ihre dogmatische Verengung, ihre gewaltsame Theoretisierung und ihre Repräsentation durch machthungrige Narzissten, die Menschen nicht in ihrer lebendigen Einzigartigkeit begreifen, sondern als Figuren auf dem Schachbrett der Macht. Sie sehen in Menschen stets nur Repräsentanten und Repräsentationen einer Kultur, einer Identität, einer Religion, einer „Rasse“, einer Partei, einer Ideologie, und immer so weiter. Sie sehen nur Schatten, nie Sonnen. Dabei eliminieren sie nicht nur die faktische Vielfalt, die jeden einzelnen Menschen innerlich wie äußerlich kennzeichnet: „Jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“, schrieb Heinrich Heine. Sie reduzieren auch Sympathie oder Solidarität auf die Zustimmung zu nur einem oder einigen wenigen Aspekten einer Identität.
Im Jahr 1949 sagte der damalige Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss: „Wir dürfen nicht immer sagen: Er ist ein Franzose – also; er ist ein Engländer – also; er ist ein Deutscher – also; er ist ein Jude – also. Nein, so geht es nicht. Wir müssen im Verhältnis Mensch zu Mensch eine freie Bewertung des Menschentums zurückgewinnen.“ 29Seine Worte sind weiterhin aktuell. Aus einer vulgarisierten identitätspolitischen Haltung heraus wäre es ein Leichtes, Heuss abzukanzeln: Was ist schon das Wort eines alten weißen Mannes wert, der 1933 im Reichstag für das Ermächtigungsgesetz stimmte! Bezieht man aber die konkreten Umstände von Heuss’ Votum ein, etwa die Präsenz von SS und SA im Parlament und die Gewaltanwendung gegen diejenigen, die dem Gesetz nicht zustimmten, verkompliziert sich das Bild. Umso bewundernswerter die SPD-Abgeordneten, die mit „Nein!“ votierten. Wie viele der heutigen Social Justice Warriors hätten damals den Mut zum Dissens aufgebracht? Wir wissen es nicht und können es nicht wissen. Aber es ist doch bemerkenswert, wie viele Helden es immer dann gibt, wenn es keinen Heldenmut erfordert.
In allen bislang genannten Zusammenhängen gilt es, nicht denjenigen Scharfmachern oder aufmerksamkeitsökonomischen Schlangenölverkäufern auf den Leim zu gehen, die eine weltanschauungs- oder marktkonforme Zurichtung von Identitätspolitik anstreben. Für politische Schachspieler haben scharf umrissene Identitäten den Vorteil, dass sie gegeneinander ausgespielt werden können. Für Marktschreier den, dass sie sich wunderbar inszenieren und anpreisen lassen. Stattdessen will ich in diesem Essay, inspiriert von liberalen Denkerinnen und Denkern wie John Rawls ( Eine Theorie der Gerechtigkeit , 1971), Judith Shklar („Der Liberalismus der Furcht“, 1989), Mohomodou Houssouba ( Teaching the Diaspora: Beyond Identity Politics , 1998), Martha Nussbaum ( Kosmopolitismus. Revision eines Ideals , 2020), Amartya Sen ( Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt , 2007), Jan-Werner Müller ( Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus , 2019) und Ayishat Akanbi ( The Awokening: Clarity, Culture and Identity in the Web of Chaos , 2021) die Frage nach Gerechtigkeit und Fairness unter den Vorzeichen praktischer Philosophie ins Zentrum rücken: Welche Elemente der Identitätspolitik können dazu beitragen, das Leben gerechter, fairer, freiheitlicher zu gestalten? Und von welchen Elementen, vor allem im Bereich Doing Identity Politics , sollte man sich am besten verabschieden? Politisch leitend für mich sind die Begriffe Gerechtigkeit, Pluralismus, Freiheit, Langfristigkeit.
Im letzten Kapitel werde ich mich als Romantiker outen und für einen weiteren Begriff plädieren, den der „Imagination“. Kein Identifizieren ohne Imaginieren. Wer seine Fantasie verliert, und damit einen spielerischen, ironischen Umgang mit seinem Umfeld, arbeitet auf den sozialen Erstickungstod hin. Mitunter muss man Menschen begegnen, als ob sie andere wären als sie selbst, damit sie anders werden können, als sie es sind. Vorsicht, nun wird es ein wenig kitschig: Es schläft ein Lied nicht nur in allen Dingen, sondern auch in allen Menschen – „und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort“ (Joseph von Eichendorff). Dieses Zauberwort lautet nicht „Identität“. Wer die Dynamik des Sozialen und die metaphysischen Mucken des Individuums ausblendet, wer Menschen auf ihren Ist-Zustand reduziert oder aufgrund nicht selbst gewählter Merkmale – wobei: welche Merkmale sind eigentlich genuin „selbst gewählt“? – vorverurteilt, trägt zu Verrohung bei. Im Sinne Rawls’ ist eine Konzeption nur dann gerecht und fair, wenn ihr „nicht nur zugrunde liegt, wer und was wir sind, sondern auch, wer und was wir sein könnten“. 30
Identitätspolitik wird in diesem Buch folglich nicht als monolithischer Block verstanden, sondern als eine Maschine mit vielen Komponenten, die auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, aber auch mit anderen Maschinen verbunden werden kann. Im wahren Leben müssen wir nur selten zwischen Skylla und Charybdis wählen. Wenn nicht gerade Ausnahmezustand herrscht, können wir auf kritisch-pragmatische, aber auch spielerische Weise das Beste aus unterschiedlichen Bereichen nutzen – man muss nicht religiös sein, um der Losung „Prüft alles, das Gute behaltet“ (1 Thess 5,21) etwas abgewinnen zu können.
Das Gute aber bedarf der Kriterien. Wie oben erwähnt, ist mein Kriterium ein liberales: Ziel ist es, Gerechtigkeit in Vielfalt und Freiheit zu ermöglichen und dabei auf langfristig orientierte Verfahren zu setzen. Ich verorte mich in der Tradition dessen, was mit „egalitärem Liberalismus“ etwas missverständlich benannt ist, nämlich eines Liberalismus der Chancen gleichheit, wie ihn Rawls entwickelt hat. In diesem Liberalismus ist nicht nur das Gerechte dem Guten vorgeordnet, es spielt auch die Verfahrengsgerechtigkeit eine herausragende Rolle: Ist nur das Ergebnis gerecht oder auch der Weg dorthin? Ich bin überzeugt: Ist der Weg, sind die Mittel ungerecht, wird auch das Ergebnis ungerecht sein.
Ungleichheiten werden im „egalitären Liberalismus“ nur dort akzeptiert, wo sie dem Wohl der – unverschuldet und ungewollt – Schlechtergestellten dienen. Ich betone „unverschuldet“ und „ungewollt“, denn Menschen können sich aus guten Gründen etwa dagegen entscheiden, mehr Geld zu verdienen als ihr Nachbar, weil sie weniger Stress haben wollen. Auf dem Papier sind sie nun „schlechtergestellt“, in ihrer Lebensrealität sind sie es nicht. Um was es hier dezidiert nicht geht, ist eine Identitätsolympiade, bei der die beste Identität gekürt wird. Wo die Grauzonen enden, beginnt im Politischen das Grauen.
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