Bitte! Wir müssen endlich weiterkommen. Sonst kommen wir nie zu unserer Villa im …
Auf …
Im!
Auf im mit Gebrüll!
Hallo, Lena!
Guck mal, die beiden Sternchen bedeuten, daß wir das beide gleichzeitig gesagt haben. Ist die Idee nicht phantastisch? So haben wir das Stereo-Lesen erfunden und außerdem noch eine ganze Zeile gespart. Papier ist kostbar. (Mäßiger Beifall)
Weißt du was? Für unser Happy-End könnte die Märchenfee die allerbeste Lösung finden. Ich sehe ganz deutlich einen Ameisenhaufen mit allen möglichen kargen Stuben, und überall sitzen die Leute herum und lesen.
Das hatten wir doch schon!
Warte nur ab. Der Witz ist, daß jedes lesende Individuum ein anderes Buch liest, sein eigenes, das nur für sie und nur für ihn geschrieben wurde. Ist das nicht märchenhaft?
Immer willst du nur, daß ich alles toll finde, was dir einfällt!
Na sicher. Ist das etwa keine schöne Vorstellung? Alle Leute, die was wissen wollen, kriegen ihr eigenes Buch, in dem genau das drinsteht, was sie interessiert.
Wenn du meinst. Nur hängen mir die Ameisen allmählich zum Halse raus.
Wirklich? Zeig mal!
Bäh.
Ja stimmt, da krabbeln welche.
Hör auf mit dem Scheiß!!! Es kribbelt mir schon richtig im Mund. Und im Hals!
Ja, ja, die Phantasie, da weiß man niemals nie.
Ist schon wieder in Ordnung.
Schade. Wo sind die Ameisen hin?
Die krabbeln jetzt hier vorne auf einem Bildschirm herum.
Das ist gemein. Hast du heimlich schlaue Bücher gelesen?
Du wolltest wohl, daß ich einen hysterischen Anfall bekomme. Da mußt du früher aufstehen!
Ich habe eine Idee. Wenn du erklärst, welchen Trick du angewendet hast, brauchen wir das später im Buch nicht mehr zu machen.
Meinetwegen. Wenn ich unter einem starken Gefühl unnötig leiden würde, kann ich mir dadurch helfen, daß ich mich selbst ganz klein auf eine Theaterbühne, eine Filmleinwand oder einen Bildschirm phantasiere und diese Person aus der Entfernung beobachte, wie sie sich mit dem Gefühl herumplagt. Notfalls verdreifache ich mich und schaue mir zu, wie ich mir zuschaue. Mit etwas Übung kann man so in fast jeder Lebenslage cool bleiben, wenn man will und dran denkt. Vorhin habe ich uns beide am Schreibtisch sitzen sehen, auf einem Bildschirm vor mir, und lauter Ameisen krabbelten der kleinen Annette auf der Zunge herum und winkten mit winzigen Büchlein.
Komm, ich nehme jetzt einen ganzen Haufen mit hungrigen roten Waldameisen und schütte sie dir über den Kopf. Die winken nicht, die beißen!
Nee, mein Gutster, nicht mit mir. Das entzückende Weib da vorne hat dir eben eine geknallt. Und außerdem schmecke ich den Ameisen nicht. Die stürzen sich gerade alle auf dich, krabbeln dir zu Tausenden in Mund und Nase, Ohren, Augen, die Beine rauf…
Guten Appetit! Der Ekki in meinem Monitor sitzt jetzt da als abgenagtes Gerippe, und seine Liebesfreundin versinkt in Trauer ob ihrer schändlichen Tat.
Nix da! Die klimpert fröhlich auf seinen Knochen herum. Ich laß mir doch von dir nichts anhexen. Warum hast du das überhaupt probiert?
Ich war etwas sauer, als du plötzlich sagtest, die Ameisen würden dir zum Hals raushängen.
Ich habe an unsere Leser gedacht. Die lesen das Buch, weil sie sich möglicherweise mit komplizierten Konflikten herumschlagen. Frau Erna F. aus K. zum Beispiel…
Entschuldige bitte! Für die ist es wirklich zu früh.
Wieso zu früh?
Wir hatten ausgemacht, daß diese Einzelbeispiele erst später kommen.
Die Erna F. aus K. kommt genau dann, wenn ich sie hole! Die sitzt nämlich nicht in einem Ameisenhaufen, wo jeder sein eigenes Privatbuch hat, sondern sie liest unser Buch. Und das muß ihre Fragen beantworten und gleichzeitig die Fragen von ein paar anderen Leuten.
Entschuldige bitte, von Millionen anderen Leuten!
Meinetwegen! Ich garantiere dir, diese Leute kotzt es an, wenn wir hier unseren Spaß haben, dabei aber ihre echten Sorgen und Nöte überhaupt nicht ernst nehmen.
Entschuldige bitte, wir sind noch bei den Vorbereitungen, beim Kennenlernen, bei geistigen Lockerungsübungen …
Verdammt, warum entschuldigst du dich andauernd?!
Verzeihung, ich bin wohl auf dem Rückzug. Mit welchem Konflikt schlägt sich Frau Erna denn herum?
Willst du jetzt doch ein Beispiel hören?
Ich brenne darauf.
Es sind verschiedene. Ich meinte vorhin, nur als Beispiel, daß sie ihre Tochter ab und zu ziemlich fest schlägt. Hinterher tut ihr das jedesmal leid, sie versucht sich bei der Tochter zu entschuldigen und so, aber sie hat eben die jahrelange Erfahrung, daß es immer wieder passiert. Sie schwört Stein und Bein, daß sie sich jedesmal wirklich fest vornimmt, dem Kind nicht mehr weh zu tun. Sie will das Kind nicht schlagen, das ist ganz eindeutig. Aber in bestimmten Situationen tut sie es doch, und hinterher ist sie nicht mehr auf ihre Tochter wütend, aber auf sich selber. Sie sagt, wenn sie darüber nachdenkt, daß sie ihr Kind einerseits abgöttisch liebt, andererseits doch ab und zu so ausrastet, das bringt sie regelrecht zur Verzweiflung.
Klar. Wenn ich mir was vornehme und schaffe es dann nicht, bin ich auch unzufrieden.
Die Frau ist nicht unzufrieden, die Frau ist verzweifelt!
Hat sie dich womöglich angesteckt?
Ich bin sauer, weil du immer so locker daherredest und gar kein Verständnis dafür zeigst, wie dreckig es manchen Leuten geht, die nicht so toll mit allem klarkommen wie du.
Ja, was? Will Frau Erna F. aus K. jetzt Mitleid von uns, oder will sie nützliche Ideen?
Natürlich will sie beides!
Also gut. Wenn sie jetzt hier bei uns säße, würde ich ihr bestimmt mein Verständnis und Mitgefühl ausdrücken. Aber in echt ist sie doch gar nicht rund um die Uhr verzweifelt. Im Augenblick zum Beispiel liest sie ganz ruhig und neugierig unser Buch. Sie ist also nicht in einer mitleiderregenden, sondern in einer beneidenswerten Lage.
Ich weiß nicht recht, ob sie das auch so sieht.
Was willst du? Sie kriegt genau die Ideen, die ihr zu fehlen scheinen, um tatsächlich das zu tun und zu lassen, was sie tun und lassen will.
Eben nicht! Sie hat von Ameisen gelesen und von Villen – trau dich nur! –, jedenfalls haben wir stundenlang herumgeredet, und Frau F. aus K. fühlt sich von uns verarscht. Wenn wir schon eine Kunstfigur aus dem Hut zaubern …
Bist du belämmert? Das kannst du doch nicht verraten!
Wieso? Es sind ja echte Fälle und echte Menschen, die Frau Erna F. aus K. für unser Buch vertritt. Und echte Leser, nebenbei. Die haben unser Herumgerede auch langsam satt.
Ich rede hier nicht herum, sondern tue meinen Job. Im Augenblick ist es unsere Aufgabe, in das Buch einzuführen, also möglichst viele richtige und möglichst wenig falsche Erwartungen zu wecken. Unser Buch ist wie ein Reiseführer oder eine Wanderkarte …
Das hat sooo’n Bart. Die Landkarte ist nicht die Landschaft. Ein Kochrezept macht nicht satt. Was soll das?
Nun ja, wenn deine Frau Erna in der Landschaft herumstolpert, weil sie keine vernünftige Landkarte hat oder überhaupt unvorbereitet losgezockelt ist, dann hat sie es schwer, die richtigen Wege zu finden.
Aber jetzt will sie sich orientieren!
Das ist ja auch sehr schlau von ihr.
Und von uns wäre es schlau, wenn wir endlich zu der »Gemeinsamen Erklärung« kämen, mit der wir die Leser darüber orientieren wollten, was von unserem Buch zu erwarten ist.
Was heißt »wollten«? Wir wollen es, und wir machen es. Frau Erna hat ein Recht darauf, daß ihr Buch eine anständige Einleitung bekommt. Ich schlage vor, daß wir jetzt endlich anfangen, sie auszuhecken.
Ha! Dies »endlich« deute ich mir um in meinem Sinne, Knabe! Wie fangen wir an?
Als erstes beglückwünschen wir die Millionen Leser, daß sie dieses wunderprächtige Buch entdeckt haben.
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