Im weiteren Verlauf des Retreats werden die Kontemplationen – zum Beispiel über die Vergänglichkeit oder das konstruierende Denken – zunehmend tief greifender und in jedem Moment des Erlebens erstaunlich real. Eine freundlich natürliche, klare Bewusstheit wohnt hinter jedem Moment. Obwohl die Kämpfe eines Retreats vielleicht weitergehen – der schmerzende Körper, gelegentliche Langeweile –, bemerken wir, wie Anzeichen von Weisheit und Mitgefühl aufblühen und im Moment des zwischenmenschlichen Kontakts die Zartheit und Unberechenbarkeit des Lebens enthüllen.
Weil diese Praxis zwischenmenschlich ist, kultivieren wir Achtsamkeit und das Annehmen von anderen und streben an, dass diese Qualitäten immer weiter wachsen. Wir sehen immer und immer wieder, mit unterschiedlichen Meditationspartnern und in Gruppen, dass jeder ähnliche Stress-Situationen, Zweifel, Freuden und Einsichten hat. Wir sind alle empfindlich, wir sind alle brillant, wir hungern alle nach Freundlichkeit. Mitgefühl wächst auf die natürlichste Art, die möglich ist: durch schlichten, ehrlichen Kontakt. Die Meditationspraxis enthüllt den Schmerz und die Isolation, die aus Verurteilen und Egoismus entstehen. Die Freude an liebevoller Güte und unsere Fähigkeit, der Angst vor der Leere ins Auge zu blicken, inspirieren uns. Wenn wir unserer eigenen Verwirrung nicht mit Bewusstheit begegnen können, können es oft unsere Meditationspartner. Im Kraftfeld liebevoller Bewusstheit lässt krampfhaftes Festklammern nach, lösen sich die Fesseln. Schädliche Gewohnheiten werden klar gesehen und fallen ab, wie bei einer Häutung.
Im Licht dieser Güte und Weisheit beginnen einengende und belastende Charakterzüge sich zu lockern. Selbsttäuschungen, wie etwa, wir seien nichts wert, seien sehr wichtig oder leicht zu erschüttern, beginnen sich aufzulösen. Die hartnäckigsten und schmerzhaftesten Knoten in unserem Wesen – die, die mit den Beziehungen zu anderen Menschen zu tun haben – entwirren sich. Wir bemerken in uns eine tiefe Ruhe und erkennen durch den Kontrast, wie verkrampft wir gewesen sind. Die Tendenz des Denkens, dauernd etwas Neues zu fabrizieren, wird so gesehen, wie sie ist. Die Strukturen, nach denen wir unser Leben formen, unsere Selbstbilder, transformieren sich auf einer sehr tiefen Ebene. Achtsamkeit und Konzentration beleuchten den Moment zwischenmenschlichen Kontakts, und wir entdecken, dass diese Formen der Bewusstheit mitfühlend sind. Wir haben die Natur unserer Gefangenschaft und unser einmaliges Potential, frei zu sein, begriffen.
1 Im Original „ease“, einer dieser unnachahmlichen englischen Einsilbler mit einer ganzen Palette von Bedeutungen: Leichtigkeit, Unbefangenheit, Wohlgefühl, Behagen, Entspannung etc.; hier meist mit „Gelassenheit“ oder „Gelöstheit“ wiedergegeben (Anm. d. Übers.)
2 Im Original zwei Schlüsselbegriffe: „relational“ und „interpersonal“. „Relational“ wird, je nach stilistisch-grammatischem Kontext, übersetzt mit „in Beziehungen“, „beziehungsmäßig“, „zwischenmenschlich“ oder „im zwischenmenschlichen Bereich“. „Interpersonal“ wird wiedergegeben durch „zwischenmenschlich“, „personal“ durch „persönlich“ (Anm. d. Übers.)
3 Im Original „tranquillity“: „Beschaulichkeit, Ruhe“; da vom Autor als technischer Begriff für die meditative Versenkung benutzt, hier der Versuch einer neutralen Übersetzung (Anm. d. Übers.)
4 Im Original „awareness“
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Eine Praxis entsteht
Die zwischenmenschliche Meditation ist ganz natürlich aus meinem persönlichen Leben und meinem Leben im Zusammenhang mit den buddhistischen Lehren entstanden. Sie ist entstanden in dem sozialen und philosophischen Milieu des im Westen neu angekommenen Buddhismus und aus den speziellen Bedürfnissen und Eigenheiten unserer heutigen Zeit, darunter Wissenschaft, moderne Entfremdung und sich verändernde Lebensbedingungen. Unter diesen Bedingungen hat sich die Praxis des „ Einsichts-Dialogs“ entwickelt – und gleichzeitig, Schritt für Schritt, entwickelte sich ein zwischenmenschlicher Blickwinkel auf den Dhamma (Sanskrit: Dharma). Die zwischenmenschlichen Übungen und Lehren haben sich aus einer Unmenge von Möglichkeiten phasenweise entwickelt. Jede Phase fühlte sich an, als sei das Ziel nun erreicht; die neuen Perspektiven, die sich später daraus jedesmal ergaben, sah ich nie voraus.
Das Fundament für diesen Weg wurde gelegt, als ich den Weg der buddhistischen Meditation betrat. Meine erste Lehrerin, Anagarika Dhammadina, war angesichts meines Egoismus gütig, grimmig und hartnäckig. Sie lehrte mich meditieren; als die Meditation mir zeigte, welcher Schmerz in meiner Egozentrik verborgen lag, half sie mir, mich in Richtung Selbstlosigkeit und Klarheit zu orientieren. Anagarika zeigte mir, dass der Weg des Buddha ein Weg der Menschenbildung ist, ein Weg, der Anstand und Weisheit miteinander verbindet.
Sie machte mich auch mit anderen Lehrern bekannt, Lehrern, von denen sie selbst lernen wollte. Ananda Maitreya Mahanayaka Thero wirkte auf mich zunächst wie ein freundlicher alter Mönch; nur allmählich wurde mir die Tiefe seiner Weisheit bewusst. Man hatte mir gesagt, er sei der älteste und geachtetste Mönch auf Sri Lanka. Schritt für Schritt entdeckte ich, dass er auch ein Mystiker und Gelehrter höchsten Ranges war. In der Arbeit mit ihm vertiefte ich mein formales Wissen über den Dhamma und studierte buddhistische Psychologie, den Abhidhamma. Durch unsere gemeinsame Zeit im Retreat und wenn er bei mir zu Hause Gast war oder ich ihn auf seinen Besuchsreisen zu Retreat-Zentren oder Universitäten begleitete, lebte mir Ananda Maitreya auch ein eindringliches Beispiel liebevoller Güte vor – ein wortloser Unterricht, der sich später als absolut zentral für meinen Weg und mein Verständnis der buddhistischen Lehren erwies.
Anagarika machte mich auch mit Achan Sobin Namto bekannt, einem thailändischen Mönch, der fünfzehn Jahre lang mein hauptsächlicher Meditationslehrer sein sollte. Sein präziser Unterricht war mit einem genauso präzisen Verständnis der Dynamik des Geistes verbunden. Die Strenge seiner Retreats, verbunden mit den tiefgründigen und aufrichtigen Lehren von Anagarika und Ananda Maitreya, nährten in mir einen tiefen Respekt für formelle und gründliche Meditationspraxis. Dieser Aspekt war der Dreh- und Angelpunkt dafür, dass sich schließlich der Einsicht-Dialog als Retreat-Praxis herausbildete.
Anagarikas Einladung zu einem Retreat mit Punnaji Maha Thero erwies sich als Abschiedsgeschenk für mich – sie starb eine Woche vor dem Retreat, bevor ich sie wiedersehen konnte. Unsere Zusammenkunft wurde Gedenkfeier und Retreat zugleich. Sie hatte mir diesen Lehrer nachdrücklich ans Herz gelegt, indem sie sagte: „Gregory, wir haben viel zu hart gearbeitet. Die Lehren des Ehrwürdigen Punnaji sind frisch. Von ihm habe ich die ersten neuen Einsichten in den Dhamma seit Jahren gehört.“ Sie hatte recht: Bhante Punnaji beeinflusste mich tief. Er betonte die Entspannung, was sehr aufschlussreich war, und als ich lernte, ruhig zu werden, war Achtsamkeit ganz leicht. Sein Mehrfach-Ansatz als Meditationslehrer begann mit Kontemplationen, die er aus Buddhas Lehren heranzog; ich staunte, wie konzentriert mein Geist wurde, wenn ich meine Gedanken auf traditionelle Themen wie etwa die Wahrheit der Vergänglichkeit in meinem Leben richtete. Nach Tagen des Eintauchens in diese Kontemplationen und anschließend in die Meditation über liebevolle Güte war der Geist entspannt und konzentriert, und es war einfach, präsent zu bleiben, wenn ich die Aufmerksamkeit auf den Atem lenkte. Seine Lehre, dass Entspannung ganz grundlegend sei, und sein Einsatz traditioneller Kontemplationen haben die Entwicklung des Einsichts-Dialogs beeinflusst.
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