1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Leeren Sie Ihr Glas weiter, doch lassen Sie noch einen letzten Tropfen drin. Verinnerlichen Sie den Grundsatz Nummer dreizehn ganz und gar:
Indem Sie beim Meditieren die innere Kontrolle aufgeben, werden Sie nicht schwächer, sondern stärker. Sie erfahren, worin Ihre wahre innere Sicherheit liegt.
14. Individualität
Moment, werden Sie sagen, hier kommt es nochmals zu einer Wiederholung! Auch das Thema der Individualität haben Sie bereits ausgegossen. Das stimmt. Doch nicht nur Schmerzen sind eine individuelle Erscheinung, auch das Erleben von Meditation.
Holen wir hier kurz aus: Vielleicht erinnern Sie sich daran, dass ich Ihnen den Unterschied zwischen dem „Zustand Meditation” und dem Praktizieren einer Meditationstechnik aufgezeigt habe. In diese Zweiteilung haken wir uns hier ein, denn nicht jede Meditationstechnik ist für jeden Menschen gleichermaßen gut: Ein von Stress geplagter Mensch beispielsweise, der unter Dauerspannung steht, braucht andere Impulse als jemand, der sich müde und lethargisch fühlt. Ein mental beanspruchter Mensch muss eine andere Tagesroutine entwickeln als jemand, der eine physisch herausfordernde Tätigkeit hat. Ein Mensch, der einer repetitiven, wenig herausfordernden Arbeit nachgeht, muss sich innerlich anders ausrichten als jemand, dessen Hauptaktion in vielseitigster kreativer Beanspruchung besteht. Meditationstechniken müssen das konkrete Nervensystem ansprechen, und weil Nervensysteme individuell sind, ist Meditationspraxis, was Techniken und Methoden anbelangt, nicht weniger individuell. Diese Notwendigkeit potenziert sich dann noch einmal, wenn Schmerzen beim Meditieren eine Rolle spielen: Meditationspraxis zur Schmerzlösung greift nur dann, wenn sie somatisch stimmig, weil maßgeschneidert für das entsprechende Nervensystem ist.
Und weiter geht‘s: Während es also auf die Auswahl der adäquaten Meditationstechnik ankommen wird, ist das Erleben des Zustandes von Meditation ebenfalls kein einheitlicher Prozess. Das Eintreten des Zustandes von Meditation muss Ihnen nämlich nicht, wie das sehr viele Meditierende erwarten, während der Meditationspraxis unmittelbar widerfahren! Das kann es, muss es aber nicht. Es kann Ihnen genauso gut nach dem Praktizieren oder zu einem späteren Zeitpunkt geschehen.
Ein Beispiel: Sie haben eine Meditationstechnik praktiziert. Alles war stimmig, aber Sie konnten verfolgen, dass Ihre Gedanken währenddessen hellwach und auf demselben Erregungslevel geblieben sind. Irgendwann öffnen Sie die Augen, stehen auf und gehen vielleicht in den Garten hinaus. Und puff! Sie staunen. Erst im Vergleich mit der Außenwelt bemerken Sie, dass das Klima in Ihnen doch ganz still geworden ist.
Genauso gut kann es Ihnen passieren, dass Ihnen im direkten Zusammenhang mit Ihrer Übungspraxis, also weder währenddessen noch unmittelbar danach, rein gar nichts Nennenswertes geschieht. Doch ein paar Tage später, während Sie inmitten des Citytrubels stehen, in der Einkaufsschlange warten oder in der vollen S-Bahn stecken, wundern Sie sich, wie ruhig Sie sich fühlen und dass Sie das turbulente Treiben um Sie herum überhaupt nicht erreicht. Sie stehen wie in der Mitte eines sich drehenden Kreisels und sind einfach nur „da”, anwesend und zentriert.
Und schließlich greife ich noch auf meine eigene erste Meditationserfahrung zurück: Vor mehr als zwanzig Jahren rutschte ich in einem Feldenkrais-Training in der Pause einer Bewegungssequenz ganz unvorbereitet in einen Zustand der Stille hinein. Ich habe das damals gar nicht als meditative Erfahrung anerkannt, weil in meinem Kopf das Raster saß, dass einem solche Momente nur dann geschehen, wenn man eine „ordentliche” Meditationstechnik praktiziert.
Es gibt also sehr viele unterschiedliche Versionen, wie, wann und wodurch Ihnen der Zustand Meditation geschehen kann. Tatsächlich ist das ein absolut individuelles Geschehen, auf das ich in den nächsten Kapiteln noch einige Male zurückkommen werde.
Und „last but not least” auch bei den meditativen Effekten verhält sich das so: Was für den einen die größte Erkenntnis des Lebens ist, kann für einen anderen Menschen nur eine Albernheit sein, für einen weiteren ein Irrtum und für den nächsten die langweiligste Sache der Welt. Was wir im Zuge der Innenschau erfahren, wie wir es erleben und insbesondere, wie es sich dann in unser Leben integriert, könnte unterschiedlicher nicht sein. Alle drei Aspekte, das Finden der richtigen Technik, das Meditationserleben an sich und der Zeitpunkt, wann uns dieses bewusst wird, sind von Mensch zu Mensch so unterschiedlich wie sein Aussehen und sein gesamtes Sein.
Kommen wir zum vierzehnten und letzten Guss, in den Sie nun Ihre allergrößte Aufmerksamkeit legen:
Lösen Sie sich von der Idee, dass Vergleichbarkeit beim Meditieren entsteht. Meditatives Erleben ist immer einzigartig, differenziert und individuell.
„Ja, vielleicht”
Zwei leere Gläser
Nun haben Sie zwei leere große oder kleine Gläser vor sich stehen und das bedeutet in diesem symbolischen Kontext, dass Sie sich empfänglicher und aufnahmebereiter für das dreißigtägige Schmerzprogramm gemacht haben. Wenn es mir dabei gelungen ist, etwaige Vorurteile, skeptische Meinungen oder vorschnelle Bewertungen über das Gebiet der Meditation aufzuweichen, genügt mir das an dieser Stelle voll und ganz.
Im Folgenden wird es für Sie verstärkt darum gehen, neue Erfahrungen zu sammeln, gewissermaßen wieder zu lernen, vielleicht sogar zum blutigen Anfänger zu werden, der leer genug ist, um aufnahmefähig zu sein. Und das ist ein wunderbarer Moment! Aus meiner Sicht ist es einer der kostbarsten Momente überhaupt, in einer eingefahrenen oder feststeckenden Situation wieder von vorn beginnen zu dürfen.
Eine Zenparabel
Wie Sie bereits beim Lesen der vierzehn Punkte bemerkt haben, liegt ein großes Potenzial zur Heilung darin, dass wir uns von Bewertungen, Vorurteilen und Schubladendenken lossagen. In der Schmerzintervention spielt diese Tatsache keine geringe Rolle. Im Gegenteil.
In vielen Schmerzfällen ist es nicht der Schmerz als solcher, der den Betroffenen die allergrößten Probleme bereitet, sondern das Verhältnis, das sie zu ihm einnehmen, die Bewertung, die sie ihm geben, und die Prognosen, die sie ihm anheften. Tatsächlich ist der ständig bewertende, nach Urteil bohrende und problemverliebte Verstand das größte Hindernis, wenn sich eine Schmerzsituation verändern soll.
Vielleicht haben Sie das bereits ganz von selbst beim Ausgießen der beiden Gläser sehen können. Dieser Fakt potenziert sich dann noch einmal, wenn es bereits eine Reihe negativer Erfahrungen und schiefgegangener Therapieversuche gab. Dann ist es schwer, wieder von vorn zu beginnen und sich in eine offene Stimmung zu versetzen. Aus genau diesem Grund gebe ich Ihnen hier eine Zenparabel mit auf den Weg, die Sie gern im Hinterkopf behalten können. Wie es bei diesen überlieferten Kurzgeschichten üblich ist, geht es nicht darum, die Inhalte wörtlich zu nehmen, sondern ihren Sinngehalt „intern“ zu verstehen, ihn mehr zu erfühlen, als den Sachverhalt im Detail auf die Goldwaage zu legen. Lehnen Sie sich nun noch entspannter zurück und lassen Sie die Essenz der Parabel in sich einsickern.
„Ja, vielleicht …“
Ein Farmer arbeitete über lange Zeit hart daran, den Boden für die Getreideaussaat optimal vorzubereiten. Gewissenhaft kümmerte er sich darum, dass er nichts übersah.
Kurz vor der Aussaat aber lief sein Pferd davon, das sein Hauptarbeitsmittel war. Ohne Pferd war er aufgeschmissen. Sollte denn alle Mühe umsonst gewesen sein?
Die Nachbarn des Farmers hatten davon gehört und waren voller Mitgefühl. Sie kamen, um ihn zu trösten: „Was für ein Unglück!“, riefen sie. „Was für eine Tragödie! Wie konnte das nur passieren!“
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