1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 Doch der Farmer blieb ruhig. Dann nickte er und sagte: „Ja, vielleicht …“
Am nächsten Morgen hörte der Farmer das Geräusch von Pferden auf seinem Hof. Als er das Fenster öffnete, sah er, dass sein Pferd zurückgekommen war. Es hatte drei Wildpferde mitgebracht, die ihm auf seinem Ausflug offensichtlich gefolgt waren.
Wieder kamen die Nachbarn zu ihm. Dieses Mal riefen sie: „Wie toll! Großartig! Was für ein Glück, dass dein Pferd wiedergekommen ist! Und was für ein Wunder, dass du jetzt sogar gleich mehrere Pferde hast! Was für ein Glück!”
Der Farmer blieb wieder sehr ruhig. „Ja, vielleicht …”, antwortete er erneut.
Einige Zeit später versuchte der Sohn des Farmers auf einem der neuen wilden Pferde zu reiten. Dieses warf ihn aus dem Sattel und er brach sich ein Bein. Der Sohn konnte dem Farmer bei der Arbeit, die in vollem Gange war, nicht mehr helfen, sodass der Farmer die Ernte allein bewältigen musste. Dadurch würde er den größten Teil der Ernte einbüßen, was für ihn eine Existenzfrage war.
Wieder kamen die Nachbarn und gaben ihre Kommentare ab: „Was für ein Pech!”, riefen Sie. „Was für ein Unglück, dass das ausgerechnet jetzt inmitten der Ernte passieren muss!”
Der Farmer entgegnete wieder: „Ja, vielleicht …”
Gerade einen Tag später erschienen Offiziere auf dem Grundstück, um den Sohn des Farmers in die Armee zu holen, um in den Krieg zu ziehen. Doch weil dieser ein gebrochenes Bein hatte, sahen sie davon ab.
Die Nachbarn freuten sich für den Farmer und seinen Sohn. Ich denke, Sie wissen genau, was ihnen der Farmer geantwortet hat.
Bevor Sie die dreißig Tage nicht beendet haben, versuchen Sie einmal, die innere Haltung des Farmers einzunehmen und sich bewusstzumachen, dass alles, was Sie erfahren, nicht das Ende Ihrer Erfahrungen ist.
1. KAPITEL
Die Vorbereitung des
30-Tage-Programms:
Damit Ihr Neuanfang ein neuer wird
„Warm-up“ fürs Gehirn
Die Vorbereitung macht’s
Vor Ihnen liegen nun vier Wochen bewusstheitsorientierte Schmerzintervention, in denen Sie sich in Innenschau und Selbstreflexion üben werden. Der erste Schritt besteht in einer sorgfältigen Vorbereitung des Schmerzprogramms. Während ich mich um die inhaltlichen Aspekte gekümmert habe, passen Sie das Programm Ihrer konkreten Lebenssituation an und geben den Rahmen vor, in dem Sie explorativ tätig werden möchten. Gemeinsam sorgen wir dafür, dass Ihre Meditationspraxis nach dem Startschuss reibungslos vonstattengeht.
Sicher erinnern Sie sich an die einzelnen Aspekte der Schmerzintervention, die ich anfangs mit dem Ausgießen der beiden Gläser angesprochen habe. Einer bestand darin, dass Sie sich im Rahmen des 30-Tage-Programms von einem rein symptomorientierten Vorgehen lösen. Und das wird nun konkret. Damit Sie in der Vorbereitungsphase diesbezüglich die richtigen Entscheidungen treffen, möchte ich Ihnen vor dem Start aufzeigen, worum es im Inneren Ihres Organismus geht und was dieser braucht, wenn Symptombekämpfung als Strategie entfällt. Ich zeige Ihnen, welche Implikationen das auf das Schaffen der richtigen äußeren und inneren Bedingungen im Vorfeld hat.
Ihr Schmerz und Ihr Gehirn
Zuerst möchte ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, dass das Empfinden von Schmerz aus neurophysiologischer Sicht kein lokaler, auf den schmerzenden Körperbereich bezogener Vorgang ist. Das ist es nicht, weil der Schmerz als solcher nicht an der sensiblen Stelle im Körper entsteht, wo Sie ihn spüren, sondern die Verarbeitung von Schmerzsignalen im Zentralen Nervensystem, also fernab vom Schmerzherd, geschieht. Bevor die Meldung von Schmerzen in Ihre Wahrnehmung eingeht, wurde ein Mix aus Impulsen an Ihr Gehirn als Kontrollzentrum des Organismus weitergeleitet, das diese verarbeitet und in eine entsprechende Empfindungsqualität übersetzt. Es ist ein Fakt: Schmerzempfinden entsteht im Gehirn.
Indem Sie diese Tatsache als Ausgangspunkt für das vor Ihnen liegende Schmerzprogramm anerkennen, wird auch klar, worauf sich Ihr Fokus beim praktischen Vorgehen richten muss: Eben weil Schmerzverarbeitung im Verantwortungsbereich des „Dirigenten“ des menschlichen Organismus liegt, richten sich die Impulse im Übungsteil genau auf diesen, das Schmerz produzierende Gehirn. Weil das so ist, sind alle Praxistools neurologisch durchdacht und gehirnkompatibel aufbereitet. Sie sprechen die natürliche Wirkungsweise des Gehirns an und vertrauen auf dessen erfahrungsbezogene Wandelbarkeit, die so genannte Neuroplastizität.
Die Kraft von Bewusstheit
Diesen Anspruch erfüllen die Übungen besonders deshalb, weil sie unter dem Vorzeichen der Achtsamkeit und der bewussten Innenschau stehen. Bewusstheit verändert alles. Tatsache! Jedes Mal, wenn Sie sich bewusst wahrnehmen und Ihren Fokus auf innere Qualitäten Ihres Körpers richten, bringen Sie Bewegung in Ihr Gehirn. Die dort angesiedelten Aufmerksamkeitsnetzwerke erfahren eine Adaptation. Auch wenn das ein Prozess ist, der durch langfristigere Impulse im Gehirn erst „Form“ annehmen muss, ändert dies nichts an der Tatsache, dass Bewusstheit zu einer Umorganisation der Hirnfunktionen führt und deshalb im Zuge der Schmerzintervention das Zünglein an der Waage ist.
Wir werden auf die fundamentale Kraft von Bewusstheit später noch zurückkommen. Für jetzt merken Sie sich am besten eines: Diejenigen Qualitäten, auf die Sie Ihre Aufmerksamkeit richten, bestärken Sie. Diejenigen Aspekte, die außerhalb Ihrer Bewusstheit liegen, die Sie vernachlässigen, ausblenden oder negieren, ziehen Sie aus inneren Verarbeitungsprozessen heraus. Genau: Wohin Ihre Aufmerksamkeit fließt, dort entfachen Sie die meiste Aktivität in Ihrem Gehirn.
Auf dieser Grundlage verursacht ein bewusster Fokuswechsel eine Umstrukturierung auch derjenigen Gehirnbereiche, die unter anderem in die Produktion von Schmerzen involviert sind. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass das Einschleusen von Bewusstheit in Ihr Leben der Beginn einer besseren Schmerzverarbeitung ist. Nach zwei Jahrzehnten Hirnforschung zu den Wirkungen der achtsamkeitsbasierenden Innenschau ist das keine Hypothese mehr, sondern ein längst etablierter Fakt.
Damit das nicht als bloße Theorie stehenbleibt, werden Sie anhand zahlreicher Techniken und Methoden erfahren, wie sich die beiden Vorgänge, die der Schmerzverarbeitung und die der Meditationspraxis, in Ihrem Organismus „mixen“ und wie sich das in Ihrem Körperempfinden bemerkbar macht.
„Oje …“, seufzen Sie jetzt womöglich. „Jetzt muss ich auch noch das Gehirn verstehen.“ Aber nein, das müssen Sie nicht, jedenfalls nicht im Detail. Dazu bräuchten Sie einen Magnetresonanztomografen, der Ihre Gehirnleistungen aufzeichnet, damit es für Sie optisch nachvollziehbar wird. Weil ein solcher vermutlich nicht zu Ihrer Wohnungseinrichtung zählt, besteht Ihr Part darin, zunächst einmal determiniert zu üben und so viel Achtsamkeit und Körperbewusstsein wie möglich zu entwickeln.
Die Bewusstheits-Aufwärtsspirale
Gewissermaßen steigen Sie in einen Wahrnehmungskreislauf ein: Sie versorgen Ihr Gehirn mit achtsamkeitsbezogenen Informationen, mit „Brain food“ sozusagen, und beobachten aufmerksam, was geschieht. Sie nehmen wahr, welche Reizantworten Ihr Körper empfängt, und je nachdem, wie sie ausfallen, passen Sie diese an die darauffolgende Impulsgebung an. Übend erzeugen Sie gehirnaffine Reize, empfangen Feedbacks und spüren, was geschieht. Mit jedem „Response“ lernen Sie hinzu und werden sicherer in Ihrem Vorgehen. Dabei bekommen Sie ein Gefühl dafür, auf welche Art von Impulsen Ihr Organismus besonders positiv anspricht, was ihm behagt und was ihn stimuliert.
Schmerzamplituden
Und Ihr Schmerz? Ja, auch dieser wird antworten. Obwohl er nicht im Mittelpunkt des unmittelbaren Geschehens steht, stimmen als willkommener „Nebeneffekt“ auch Ihre Beziehung zu ihm, seine Routine und sein Charakter in die Veränderungen ein. Wie das im Einzelnen geschieht, kann ich Ihnen nicht vorhersagen. Es mag sein, dass Ihr Schmerz sofort die Sachlage erkennt und sich zum Rückzug entschließt. Oftmals passiert es, dass er sich Zeit lässt und klare, lange Informationen braucht, bevor er sich adaptiert. Und es kommt auch vor, dass er unschlüssig reagiert und zunächst Schwankungen unterliegt.
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