Intervention mit Heimvorteil
Doch es gibt auch Effekte, die gegen einen Ortswechsel sprechen. Falls Sie Lust zum Verreisen bekommen haben, vergewissern Sie sich im Voraus, dass Ihre Reise nicht denselben Kurzzeiteffekt hat, der bei zahlreichen Urlauben, Retreats und Kuraufenthalten greift: Während der Reise ist alles bestens, Sie erholen sich und fühlen sich wohl. Doch sobald Sie Ihren Fuß wieder auf heimischen Boden setzen, bewegt sich der Erholungseffekt innerhalb weniger Tage in Richtung null. So schnell, wie Sie es gar nicht nachvollziehen können, stecken Sie in den alten Gewohnheiten wieder drin.
Falls Sie diesen Effekt kennen und von sich wissen, dass die Nachhaltigkeit Ihrer Reisen ein kurzfristiges Enddatum hat, spricht das definitiv für das Absolvieren des Schmerzprogramms in Ihrem gewohnten Umfeld. Anstatt sich aus diesem herauszuziehen, machen Sie Ihre Erfahrungen bewusst mittendrin in Ihrem realen Alltag. Dann werden die letzten Programmtage auch nicht von der Voraussicht überschattet, dass bald, wenn das normale Leben einsetzt, doch wieder alles beim Alten ist.
Entscheidungsbedarf
Kommen wir zur Entscheidungsfindung. Schauen Sie sich Ihren Schmerz jetzt vor dem Hintergrund Ihrer persönlichen Lebenssituation an: Welches „Klima“, welche „Atmosphäre“ brauchen Sie, damit Ihr Programm die größtmögliche Aussicht auf Erfolg hat? Bleiben Sie zu Hause? Oder fahren Sie lieber weg? Wäre eine Zwischenlösung hilfreich, die beide Vorteile miteinander vereint?
Am besten ist es, wenn Sie gar nicht lange darüber nachgrübeln, sondern kurz in sich hineinhören und derjenigen Antwort folgen, die Ihnen spontan in den Sinn kommt. Was immer Sie entscheiden, im Mittelpunkt steht, dass Ihre Entscheidung auf Realitätsnähe basiert und sich gleichzeitig gut und richtig anfühlt.
Zeit für sich
Ihre „Me-time“ konkret
Hier ein kurzer Vorausblick zur Intensität des Programms: An jedem Programmtag planen Sie mindestens zwei halbe Stunden Extrazeit ein, von denen die zweite halbe Stunde am Abend liegen sollte, damit Sie den zurückliegenden Tag reflektieren können. Am Morgen brauchen Sie mindestens ein paar Minuten, um sich die Tagestheorie und die Tagesbeobachtung durchzulesen. Falls das für Sie völlig ausgeschlossen ist, weil Sie ein Morgenmuffel oder ein notorischer Zu-spät-Aufsteher sind, können Sie sich aber auch schon am vorherigen Abend auf den nächsten Tag einstimmen.
Darüber hinaus sollten Sie tagsüber etwas Spielraum für sich haben, damit sich ein achtsamer Umgang mit sich selbst auch im Alltag etabliert. Sie können Ihre Arbeit, Ihre Freizeitaktivitäten, Ihre Vorhaben und Hobbys genauso organisieren wie bisher, nur wäre währenddessen ein wenig mehr „Luft“ oder Spielraum gut, damit Sie neuen und aktualisierten Bedürfnissen auch folgen können.
Vielleicht wird Ihnen jetzt erst bewusst, dass das Schmerzprogramm etwas Besonderes, „Ihre“ persönliche Zeit, und wenn Sie so wollen, ein Investment in Sie selbst ist. Anstatt in Aktien, Autos, Häuser oder Grundstücke zu investieren, stecken Sie hier Ihre Energie in Ihr Leben, in Ihre Gesundheit und in sich selbst. Und dabei knausern Sie bitte nicht! Seien Sie großzügig und investitionshungrig. Ich bin mir sicher, dass diese Art Investition Ihnen sehr gut bekommen wird.
Investitionsmangel erkennen
Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass damit noch ganz andere Implikationen ins Spiel kommen können. Ich habe einige Klienten kennengelernt, die gezielte Schritte zur Schmerzlinderung nicht wahrnahmen, weil sie hinsichtlich ihrer Investitionen mit ihrer Zeit geizten oder sich nicht imstande fühlten, innerhalb ihres Alltags Extraraum für sich freizuschaufeln. Stattdessen widmeten sie ihre volle Aufmerksamkeit jemand anderem, den sie pflegten, beaufsichtigten, betreuten oder dem sie sich verpflichtet fühlten.
Während der Vorbereitung des Buches habe ich mir die Anamnesen Schmerzbetroffener unter diesem Aspekt noch einmal angesehen. Ich war selbst erstaunt, als ich sah, dass die Hälfte der Menschen, die sich aus Schmerzgründen bei mir vorgestellt hatten, die Bedürfnisse anderer ganz oder teilweise über die eigenen stellten. Fünfzig Prozent! Viele von ihnen gaben dies als Grund dafür an, dass sie bestimmte therapeutische Maßnahmen, Aufgaben oder Bewusstheitsübungen, die ich ihnen empfahl, vernachlässigten oder negierten. Während sie andere Menschen umsorgten, betreuten oder verwöhnten, fanden sie keine Viertelstunde für sich selbst.
Schmerzlösung live
Thea
litt unter schubweisen Rückenschmerzen. Doch diese standen nicht im Mittelpunkt ihrer Heilungsversuche. Hauptsächlich kümmerte sie sich um ihren depressiven Partner, der ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie habe deshalb keine Zeit für Eigenübungen. Auch kürzere Aufgaben im Alltag, die keine Extrazeit verlangten, seien ausgeschlossen. Selbst wenn sie unterwegs war, rief sie ihren Mann viele Male an und erkundigte sich nach seinem Befinden. Wenn er nicht ans Telefon ging, wurde sie sofort von schlechtem Gewissen geplagt, weil sie glaubte, nicht genügend für ihn da zu sein.
Nach einem Moment der inneren Einkehr wurde Thea bewusst, dass ihr Körper mit der Zeit immer schmerzempfindlicher geworden war und ihre Bandscheibenvorfälle nicht mehr alle zwei Jahre, sondern zweimal jährlich auftraten. Aber auch das veranlasste sie noch nicht, an ihren Gewohnheiten etwas zu verändern. Erst als ihre Beinnerven taub wurden und der Orthopäde zur Operation riet, begann sie zu handeln. Ihre Schmerzen lösten sich erst, als ihr Partner eine Tagesbetreuung erhielt und sie sich täglich eine dreißigminütige Auszeit nahm.
Ilona
weigerte sich, während der Sitzungen das Handy auszuschalten, weil ihr Vater eventuell anrufen könnte. Wie häufig er das pro Tag tue, fragte ich sie. „Nicht so oft …“, Ilona überlegte: „So … einmal im halben Jahr.“ Doch ausschalten könne sie das Handy trotzdem nicht. Sie wolle nicht die Schuld tragen, wenn ihm etwas passiere. Ilona stand permanent unter Strom. Als sie ihr Handy erstmals auf „lautlos“ stellte, saß sie stocksteif vor mir und hielt den Atem an. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass sich ihr Schmerz wie ein Wahnsinniger benahm.
Ich habe dieses Thema des „Für-sich-Daseins“ nicht ohne Grund so ausführlich thematisiert. Es ist tatsächlich nicht für jeden Menschen selbstverständlich, sich selbst gegenüber aufmerksam zu sein und die eigenen Bedürfnisse zu stillen. Bei nicht wenigen Schmerzerfahrenen spielt dieses Geschehen eine maßgebliche Rolle. Sie rangieren in der Reihenfolge der Wertigkeiten ihres Lebens grundsätzlich auf Platz zwei, fünf oder zehn.
Auch wenn die von mir angegebenen Zahlen wissenschaftlichen Standards nicht genügen, sind es ernstzunehmende Beobachtungen, die im Vorfeld des Schmerzprogramms durchaus die Frage rechtfertigen, ob in Ihrem Alltagsleben genügend Zeit und Freiraum für das Schmerzprogramm vorhanden ist. Es wäre schade, wenn Sie das Programm beginnen würden, es aber entweder nur halbherzig durchführen könnten oder es sogar abbrechen müssten, weil Ihnen alles über den Kopf wächst.
Die Fallhöhe
Falls Ihnen diese Szenarien bekannt vorkommen, das Schmerzprogramm aber dennoch attraktiv für Sie ist, steht an dieser Stelle für Sie ein wenig Klärungsarbeit an. Vielleicht können Sie zeitweilige Hilfe organisieren oder andere Arrangements treffen. Möglicherweise ist es sowieso längst an der Zeit, umzudenken. Und ganz nebenbei: Es ist ja niemandem geholfen, wenn Sie als betreuende, therapierende, versorgende Person selbst unter Schmerzen leiden und am Ende Ihrer Kräfte sind. Aus der Nähe betrachtet, können Sie nicht wirklich hilfreich für einen anderen Menschen sein, wenn Ihre Anspannung hoch, Ihr Stresspegel bedenklich und Ihr Schmerz im Kriegszustand ist.
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