Am stimulierendsten mag es sein, wenn Sie das Programm zeitgleich mit einem anderen von Schmerz Betroffenen durchführen, sodass Sie sich austauschen oder sich sogar zu bestimmten Übungssequenzen treffen können. Selbst eine Kleingruppe ist denkbar, die sich beispielsweise aus dem Freundes- oder Kollegenkreis, einer Meditations-, Yoga- oder Selbsthilfegruppe heraus rekrutieren kann. Das wäre sicher wunderbar! Doch klären Sie von vornherein, dass Sie trotz Gruppenkontext Ihre Freiheit beibehalten und auf individuelle Entwicklungen reagieren können.
Wie auch immer Sie vorgehen, Ihre Grundprämisse muss heißen: Alle „Erfolgsbooster“ sind willkommen. Alles, was Ihre Energie in Schwung bringt, was Ihnen Rückenwind gibt und Sie bestärkt, arbeitet in Ihrem Sinn. Jeder Mensch, der Ihr Programm unterstützt, ist für Sie gut.
Tägliche Routine
Wie bereits erwähnt, benötigen Sie täglich zwei halbe Stunden Extrazeit für das Programm, von denen die zweite halbe Stunde, wie Sie bereits wissen, am Abend liegen soll. Sie könnten auch eine volle Stunde für sich am Abend einplanen, aber das probieren Sie am besten aus, wenn es aktuell wird. Ich empfehle Ihnen, diese Zeiteinheit(en) möglichst zu derselben Tageszeit und an demselben Ort zu planen. Blocken Sie in Ihrem Terminkalender zwei halbe „Stunden X“, ob getrennt oder hintereinander, und kalkulieren Sie auch die räumliche Logistik ein. Insbesondere bei Familien kann dieser Punkt eine wahre Herausforderung sein.
Besetzen Sie zu Ihrer gewählten Zeit einen bestimmten Raum, in dem Sie sich wohlfühlen, und vergewissern Sie sich im Voraus, dass Sie beim Üben ungestört sind. Es wäre schade, wenn jemand unvorhergesehen zur Tür hereinplatzen würde.
In diesem Zusammenhang fällt mir Werner ein, der das Gefühl hatte, dass ihn seine Familie ausgerechnet in den Momenten dringend für etwas brauchte, in denen er sich zur Meditation zurückzog. Nachdem er viele Male darum gebeten hatte, ungestört zu sein, jedoch sein Sohn oder seine Frau immer wieder beteuerten, ihn nicht absichtlich zu unterbrechen, fiel ihm etwas ein. Er drapierte eine Lichterkette um seinen Türrahmen, die er sonst nur um die Weihnachtszeit herausholte. Sobald er sich zurückzog, schloss er sie an. Während sie rot und grün aufblinkte, machte er es seiner Familie unmöglich, die Türschwelle versehentlich zu passieren.
Wohlfühlklima
Außerdem möchte ich, dass Sie während des Programms das Wort „wohlfühlen“ zum Leben erwecken: Wenn Sie Ihren Übungsplatz wählen, verbannen Sie sich keinesfalls in die letzte Ecke des Kinderzimmers, weder in den Hobbyraum im Keller noch zwischen die mannshohen Bücherregale in Ihrem Büro. Sie werden Ihre Übungen definitiv als positiver erleben, wenn Sie Platz und Licht haben, in einem Wintergarten, einem Raum mit freundlichem Ambiente oder einem offenen Blick ins Freie üben. Eine helle und bejahende Atmosphäre entspricht dem Grundcharakter des Programms.
Kündigen Sie außerdem an, dass Sie das Telefon blockieren werden, wenn dieses in der Nähe Ihres „Retreatplatzes“ liegt. Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie alle digitalen Geräte, über die Sie mit „Piep“, „Ding“, „Dong“, „Swish“, „Swoosh“ und „Gong“ erreichbar sind, zur Zeit der Übungspraxis und idealerweise auch danach ausgeschaltet lassen.
Das Danach
Außerdem ist es gut, wenn Sie nach dem Absolvieren Ihrer Tagesaufgabe von physisch herausfordernden, extremen oder seelisch beanspruchenden Aktivitäten Abstand nehmen und sich vollkommen Ihrem aktuellen Befinden hingeben können. Diesen Punkt halte ich aus der Erfahrung heraus für besonders wichtig! Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie gerade eine sehr wertvolle Erfahrung mit sich gemacht haben, jedoch Ihre geplante halbe Stunde vorüber ist und Sie augenblicklich auf Ihren normalen Funktionsmodus umschalten müssen. Ich glaube, Sie sehen selbst, wie schade das wäre. Nicht selten habe ich das in der Praxis erlebt.
Schmerzlösung live
Wolfgang
hat sich in diesem Kontext besonders in meine Erinnerung eingeprägt. Seine Herausforderung bestand darin, vor seiner Frau dafür geradezustehen, dass er überhaupt Extrazeit für sich in Anspruch nahm, in die sie nicht involviert war. Nachdem er sich seine Übungszeiten regelrecht „erkämpft“ hatte, fühlte er sich schon einmal überhaupt nicht gut. Doch noch mehr quälte ihn seine „Selbstsucht“, wie er es nannte, wenn er über seine Übungszeit hinaus lieber in sich gekehrt blieb und weniger auf äußere Aktionen ausgerichtet war.
Als er sich wieder einmal selbst überging, machte er eine wertvolle Erfahrung: Wider Willen sah er sich gemeinsam mit seiner Frau direkt nach seiner abendlichen Meditationsübung einen Thriller an. Während in den ersten zehn Minuten drei brutale Morde über den Bildschirm liefen, wäre Wolfgang am liebsten geflüchtet. Er spürte in „Slow motion“, wie sein Körper gefror und der unmittelbare Effekt der Meditation verblasste. Doch das war noch nicht alles. Wolfgang hatte in der nachfolgenden Nacht Albträume und wachte am Morgen schweißgebadet, zermartert und uneins mit sich auf. Er fühlte sich, wie er sagte, als sei er „frisch verprügelt“ worden, und sein Nacken kündigte eine größere Revolte an. In diesem Moment wurde ihm klar, dass seine Regenerationsphasen einen anderen Rahmen brauchten. Er hatte für seine Bedürfnisse einzustehen, damit eine Abnahme seiner Nackenbeschwerden realistisch wurde.
Esther
berichtete von einigen Tagen, an denen sie nach der Meditationspraxis gern allein gewesen wäre und am liebsten „nur so herumgetrödelt“ hätte, was jedoch aufgrund der Kinderbetreuung undenkbar war. Die Kinder forderten das Gute-Nacht-Ritual ein, und während sie es erfüllte, war sie dem Weinen nahe. Sie spürte, wie sie sich gegen ihren Körper stellte, der gerade weder Gute-Nacht-Lieder singen noch die Puppen tanzen lassen wollte. Sie sah regelrecht, wie sie gegen sich vorging und ihre taufrische Erfahrung mit jeder Minute vertrieb.
Weil sie das kein zweites Mal so habe wollte, verlegte sie ihre Praxisaufgaben auf den Morgen, wenn die Kinder noch schliefen. Auch wenn sie nun früher aufstehen musste, gab ihr dies genug Spielraum, um danach „einfach so“ für sich allein zu sein.
Wie Sie sehen, gibt es während des Schmerzprogramms einiges zu bedenken. Besonders im familiären Rahmen tun sich hier oftmals wahre Herausforderungen auf. Fakt ist, dass Sie neue Erfahrungen mit sich machen werden und Sie sich deshalb für deren innere Verarbeitung genügend Spielraum geben sollten.
Der Starttag: Das richtige Timing
Bleiben Sie noch bei der Zeitplanung und setzen Sie jetzt den richtigen Termin für den Start: Für viele Menschen ist ein Wochenende ein guter Ausgangspunkt, um in eine neue Routine zu starten, andere nutzen lieber den Wochenbeginn. Manche Klienten bevorzugen den Beginn einer Urlaubswoche oder wählen den ersten Frühlingstag, ihren Geburtstag oder den ersten Tag im neuen Jahr.
Und jetzt bringe ich einen anderen Aspekt in Ihre Planung ein: Aus neurophysiologischer Sicht wäre der ideale Beginn ein Zeitpunkt, zu dem Sie am stressfreisten, schmerzärmsten und stimmungsvollsten sind. Vielleicht staunen Sie jetzt. Es ist eine Tatsache, dass Ihr Gehirn die größte Empfänglichkeit für neue Impulse zeigt, wenn Sie „gut drauf“ sind, sich in Ihrer „Hochform“ oder Ihrer besten Verfassung befinden. Das mag der menschlichen Logik widersprechen, weil der Antrieb zu Veränderung dann am massivsten ist, wenn Dinge schwierig sind und die Nachfrage nach Lösungen am meisten drängt. Doch dann, und das mag Ihnen einleuchten, ist das Gehirn am wenigsten dazu bereit, seine Strategien der Informationsverarbeitung zu revidieren. Während es Probleme lösen muss, verlässt es sich lieber auf die eingespielten Mechanismen und ist weniger bereit, neue und deshalb unsichere Impulse entgegenzunehmen.
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