Es konnte nun wahrlich nicht überraschen, dass offenkundig das Meiste nicht ohne Weiteres auf deutsche Verhältnis zu übertragen ist. Wir hatten ja auch das liebevoll bösartige Diktum von irgendjemandem gehört, die Deutschen sollten endlich ihre eigenen missionarischen Hausaufgaben machen und aufhören, die englischen Gemeinden mit ständigen Besuchsreisen von der Arbeit abzuhalten.
Was aber habe ich in England gelernt?
Am Wichtigsten scheint mir die generelle Ausrichtung auf den missionarischen Auftrag der Kirche, „a strong mission focus“ – die Einsicht, dass es eine gesamtkirchliche Aufgabe ist, mit dem Evangelium neu auf bisher nicht erreichte Menschen und Milieus zuzugehen. Das ist zuerst keine Strukturfrage, sondern eine geistliche und theologische Herausforderung an die Menschen in der Kirche. Viele Papiere unserer deutschen Kirchen postulieren diesen Neuaufbruch seit Jahren, die Wirklichkeit ist noch längst nicht immer soweit. In England aber wird vieles davon erfahrbar, und zwar so, dass es ansteckt und einlädt. Vielleicht macht es die etwas gebrochene Wahrnehmung des Eigenen im Fremden leichter. So jedenfalls ging es unserer Reisegruppe. Ich glaube, dass war der Hauptertrag unserer Englandreise: Eine kräftige Ermutigung, sich auf eine missionarische Ausrichtung der kirchlichen Arbeit kreativ und auch mutig einzulassen. Diesem Geist konnte sich – so unterschiedlich die kirchlichen Vorprägungen waren – eigentlich keiner in unserer Gruppe entziehen. Das war bemerkenswert.
Die Sozialformen, mit denen das in England geschieht, sind bei uns noch relativ wenig in Erscheinung getreten. Sehr eingeleuchtet aber hat mir das Plädoyer für eine mixed economy , eine Pluralität an bewährten und neuen Gemeindeformen und Gemeindeprofilen. Mixed economy – das dürfte für unsere Volkskirche vor allem heißen: Unsere Mission muss plural sein in ihren Formen und auch in ihren Frömmigkeitsstilen. Und unsere Volkskirche muss in all ihrer Pluralität missionarisch sein.
Natürlich brauchen wir eine mixed economy in den Gemeindeformen und haben sie in Teilen schon. Ich bin inzwischen Landessuperintendent für einen Sprengel in der hannoverschen Landeskirche mit gut 200, meist ländlichen Kirchengemeinden. Nicht wenige sind strukturell relativ gesund und zukunftsfähig. Zu meiner Freude gibt es viele Kirchengemeinden mit einer beachtlichen missionarischen Ausstrahlungskraft. Noch weniger als früher halte ich jetzt etwas davon, unsere Kirchengemeinden klein – oder gar kaputt zu reden. Das stimmt geistlich nicht, und es stimmt – bei allen Problemen – oft auch empirisch nicht. Und vor allem: Das Allermeiste, was ich an gelingender missionarischer Arbeit in unserer Kirche kenne, läuft in und mit den Gemeinden.
Deshalb bin ich mir bei allem entschlossenen Ja zu einem missionarischen Neuaufbruch der Kirche auch nicht sicher, wie groß die historischen Metaphern sind, die man bemühen sollte. Die Antwort hängt sicher davon ab, wie stark man jeweils die Krise wahrnimmt, das variiert konfessionell und regional. Aber ob es sich wirklich um eine „kopernikanische Wende“ – so die Einleitung S. 19 – handelt oder doch eher um den stets nötigen Prozess der reformatio der ecclesia semper reformanda , darüber lasst uns in 30 Jahren noch einmal reden.
Mixed ecnonomy: Das muss besonders für die unterschiedliche Profilierung von Gemeinden gelten, ganz besonders im städtischen Bereich. Hier sind unterschiedliche Stile, Gottesdienstformen, Zielgruppen, Schwerpunkte hoch notwendig. Da ist noch einiges zu tun. Das war auch eines der Ergebnisse der Diskussion um das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“, das für 2030 nur noch 50% Parochialgemeinden im Blick hatte und 50% Profil- und Passantengemeinden. Nicht um die Relativierung der Gemeinde könne es primär gehen, so wurde in der Diskussion immer wieder gesagt, sondern um deren Profilierung. Das leuchtet mir für den Bereich, den ich überschaue, sehr ein. In den schwach besiedelten und entkirchlichten Gebieten Ostdeutschlands mag das noch einmal anders aussehen, in ausgeprägter Diasporasituation ebenfalls – da stellen sich ganz andere strukturelle Frage nach Gemeindeformen. Auch das ist dann mixed economy: Auf unterschiedliche Situationen unterschiedlich reagieren.
Dazu kommen die zwingend notwendigen Ergänzungen zur Parochialgemeinde: Die Menschen, die sich um Bildungszentren sammeln oder um Klöster und Kommunitäten, in der Schule oder auf Freizeiten (unsere Jugendarbeit läuft ja selten nur noch im klassischen Modell der Parochie). Auch um missionarische „Leuchttürme“ wie etwa den Expo-Wal in Hannover. An der Küste erlebe ich die unerhörten missionarischen Chancen der kirchlichen Arbeit unter Urlaubern. Es gibt schon manche fresh expressions – aber es können noch viel mehr werden.
An dieser Stelle sehe ich auch strukturelle Probleme und Hausaufgaben: Das System der Geldverteilung in unserer Kirche führt leicht zu einem Verteilungswettbewerb zwischen Gemeinden und anderen Formen kirchlicher Vergemeinschaftung. Dabei ziehen neue und innovative Formen (aus verständlichen Gründen) zu oft den Kürzeren, denn über die Verteilung entscheiden Gemeindevertreter. Und nachdenklich gemacht hat mich in England: Kommunikativ und missionarisch begabte Leute – und allermeist sind wir solchen in den besuchten Projekten begegnet – gibt es dort wiehier, Gott sei Dank. Die anglikanische Kirche aber ist weiter darin, solchen Personen durch spezielle Aufträge Freiräume zu verschaffen, ihre Gabe für eine missionarisch frische Kirche einzusetzen. Bei uns besteht die Gefahr, dass die Routineaufgaben in Kirchengemeinde und Kirchenkreis viel Energie absorbieren. Hier könnten wir im Blick auf missionarisch-strategischen „Unternehmergeist“ (entrepreneurial spirit) – das Wort fiel in England einmal – einiges lernen, denke ich.
Übrigens: Rechtlich gibt es in unserer Kirche jede Menge Möglichkeiten, neue Gemeindeformen zu etablieren. Die hannoversche Kirchenverfassung etwa sieht eine ganze Reihe von Gemeindemodellen vor. Ich befürchte hier auch keinen kirchenleitenden Strukturkonservativismus. Auch finanziell bekommt man für eine gute Idee aus irgendeinem Fördertopf oft eine Anschub-finanzierung. Schützen muss man frische Ideen in unseren evangelischen Strukturen allerdings wohl vor Bedenkenträgern und vor der Fülle der zu beteiligenden Gremien, die mürbe machen können. Nötig sind vor allem aber Menschen, die mit geistlichem Elan neue Ideen entwickeln und anpacken. Ich würde mich sehr freuen, in den kommenden Jahren die eine oder andere fresh expression in meinem Sprengel mit fördern zu können.
Zwei Dinge vor allem sind es, die ich an diesem Buch und der dahinter stehenden Bewegung hervorragend finde: Einmal die leidenschaftliche Suche nach neuen Wegen, missionarisch ausstrahlungsfähige Volkskirche zu sein . Ich nehme in all unserem Nachdenken – auch in diesem Buch – ein Suchen wahr nach neuen Wegen. Den missionarischen Königsweg kennt ja offensichtlich im Moment niemand. Es sind viele kleine Schritte, die erprobt werden. Aber diese missionarische Pfadfinderarbeit ist nötig – im Vertrauen auf Gottes Auftrag und auf seine Verheißung.
Und dann den ökumenischen Charakter . Und der ist ja doppelt. Einmal das Lernen bei den anglikanischen Geschwistern. Und dann das gemeinsame Lernen durch evangelische und katholische Christen. Beides habe ich im konkreten Vollzug als außerordentlich bereichernd erlebt.
Besonders bemerkenswert finde ich die gar nicht alltägliche evangelisch-katholische Zusammenarbeit. Sie ist noch einmal etwas anderes als der offizielle ökumenische Dialog über Apostolizität, Amt und Eucharistie einerseits und die Basisökumene auf Gemeindeebene. Offizielle Vertreter und Multiplikatoren in Bistum und Landeskirche stellen sich gemeinsam den Herausforderungen des Kircheseins von morgen. Das finde ich zukunftsweisend, auch für die Ökumene. Dass das in kollegialer Inspiration und großer Geschwisterlichkeit möglich ist, dafür bin ich besonders dankbar.
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