
Weihnachten im Familienkreis, um 1946. Vordere Reihe (v.l.n.r.): Onkel Erwin Brunner, Marina Brunner-Sulzer, Grosspapa Brunner, Evi Brunner, Grossmama Brunner, Richard Ernst, Mutter Irma Ernst-Brunner, Georg Brunner. Hintere Reihe (v.l.n.r.): Verena Ernst, Lisabet Ernst, Vater Robert Ernst.
Richard Ernst mit Onkel Erwin Brunner auf dem Zugersee. Die Familie Ernst verbrachte ihre Sommerferien einige Male in einem Kurhaus in Risch.
Und ich als kleiner Junge befand mich mittendrin in dieser ansteckenden Atmosphäre! Oft sah ich die Künstlerinnen und Künstler von Angesicht zu Angesicht, wenn sie nach ihrem Galaauftritt zur Villa Reinhart spazierten, wo sie sich mit ihrem Gönner und Kulturförderer Werner Reinhart zum Stelldichein trafen oder dieser ihnen eine Übernachtungsgelegenheit anbot. Der Weg dahin führte über den Bahnübergang vor unserem Haus, und nicht selten warteten die bekannten Künstler vor der geschlossenen Schranke. Als Kind kannte ich die Musiker nicht, und ich getraute mich auch nicht, mich ihnen zu nähern. Doch allein ihre Präsenz und Ausstrahlung im ehrfurchtgebietenden Konzertaufzug beeindruckten mich.
Meine Flötenlehrerin Linda Bach bewunderte meine Hände und sagte immer wieder, wenn ich zu ihr in die Stunde kam, ich hätte die Finger eines begabten Cellospielers. Das muss mir wohl geschmeichelt haben. Mit elf Jahren begann ich mit dem Cellounterricht. Doch ein Meisterschüler wurde ich nicht, obwohl ich es doch so sehr wollte. Ich schaffte es einfach nicht, die Töne auf den Saiten richtig zu greifen; meine manuellen Fähigkeiten entsprachen zu meiner eigenen Enttäuschung nicht meinem Gehör. Und den Unterricht fand ich langweilig, es schien mir wie ein mühevolles Erlernen eines Handwerks, das dem Hochgefühl, das ich beim Hören empfand, so gar nicht entsprach.
Letztlich war mir die Musiktheorie sowieso lieber. Im Musikunterricht mussten wir Schüler jeweils Musikdiktate üben – und darin war ich regelmässig der Beste. Ich erkannte die Intervalle blitzschnell und konnte sie korrekt notieren. Ich liebte es auch, die Musik zu analysieren – und zu komponieren. Mit zwölf Jahren schrieb ich kleine Stücke für zwei Streichinstrumente, später fügte ich einen Part für Klavier hinzu, und dann führte ich meine «Werke» mit meinen Schwestern an den Geburtstagen unserer Eltern vor deren halb offener Schlafzimmertür auf.
Bald wollte ich auch Klavier spielen lernen, um meine eigenen Kompositionen mehrstimmig testen zu können. Doch mein Vater erlaubte mir nicht, ein «zweites» Instrument zu erlernen; ein Schreibmaschinenkurs schien ihm nützlicher. Dabei könne man auch «Tasten» anschlagen, sagte er. Ich war sehr enttäuscht, aber was sollte ich tun? Ich zeichnete die Klaviertasten auf ein Blatt Papier und übte sozusagen tonlos. Und sobald meine Eltern aus dem Haus waren, setzte ich mich doch an unser familieneigenes Piano und versuchte, mir das Klavierspiel selbst beizubringen oder meine Kompositionen darauf zu üben.
Die auf Papier gebannten Melodien faszinierten mich fast mehr als die Musik. Von meinem Taschengeld kaufte ich mir die Partituren aller mir bekannten Werke und ging mit diesen in die Hauptproben der Abonnementskonzerte, die wir als Musikschüler kostenlos besuchen durften. Dort verfolgte ich das auf der Bühne Gespielte in meinen Partituren, die ich nicht selten mit ebenso musikbegeisterten Kameraden diskutierte und tauschte. So machte ich mir die Musik zu eigen. Mir gefiel die Idee, mit den Partituren die Musik quasi zu «besitzen» und die transzendente Kraft der Melodien auf diese Weise «fassen» zu können.
Die klassische Musik war mir in meiner Jugend sehr wichtig, sie half mir, trotz meines kümmerlichen Selbstbewusstseins zu «überleben». Mein erstes Berufsziel war sogar Musiker oder Dirigent, doch dafür hatte ich dann doch zu wenig Talent. Heute wage ich zu behaupten, dass mir die Beschäftigung mit den Partituren den Zugang zu den Geheimnissen der Chemie erleichterte. Denn ist die Chemie nicht im weitesten Sinn vergleichbar mit einer Symphonie? Wie hier die einzelnen Instrumente, die Geigen, die Celli, die Hörner und Pauken zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfinden, mischen sich dort die Elemente, die Atome und Moleküle, und lassen etwas Neues entstehen. Und wie der Dirigent die einzelnen Partituren, so muss der Chemiker die Materie und deren Eigenschaften vollständig durchdringen, damit statt einem Chaos etwas Schönes entstehen kann.
Die Leidenschaft für die klassische Musik ist mir bis heute geblieben. Noch immer habe ich eine Sammlung von Taschenpartituren, die ich mir als Jugendlicher von meinem Taschengeld gekauft hatte. Heute, in meinem fortgeschrittenen Alter, ist mein Gedächtnis nicht mehr das beste, aber die Melodie einer Solosuite von Bach oder das Oktett von Igor Strawinsky summt mir immer wieder wohltuend durch den Kopf.
«Du wirst einmal den Nobelpreis erhalten, grosser Bruder»
Meine jugendliche Sturm-und-Drang-Zeit endete eines Nachts in Polizeigewahrsam. In Winterthur gab es ein traditionsreiches Restaurant an der Marktgasse: das Restaurant Walfisch. Damals fanden dort regelmässig Volksmusik- und Oberkrainerkonzerte statt. Vor und während des Krieges war das Lokal als Treffpunkt der Fröntler, der Schweizer Nazi-Sympathisanten, berüchtigt gewesen. Nach dem Krieg blieb es vor allem in rechtsgerichteten, konservativen Kreisen beliebt.
Diese waren die «natürlichen» Feinde von uns Kantonsschülern. Deshalb versuchten wir, ihre Versammlungen immer wieder zu stören, mehr aus einer jugendlichen Rebellion heraus als aus politischer Überzeugung. Im Jahr 1951 brachte uns unser Rebellentum in erhebliche Schwierigkeiten. Im Restaurant Walfisch fand wieder einmal eine politische Veranstaltung statt. Ein etwas älterer Kollege hatte sich illegal Tränengaspetarden aus Armeebeständen beschafft. Diese warfen wir durch die Fenster, mitten in den Versammlungsraum. Die Teilnehmenden stoben auseinander und retteten sich mit einem Sprung durch Türen und Fenster auf die Marktgasse. Ob ich selbst eine Granate warf, weiss ich nicht mehr, aber ich war dabei. Mit Genugtuung verfolgten wir das Geschehen, doch unsere Schadenfreude verging uns schnell, als die Polizei eintraf. Passanten hatten uns an die Ordnungshüter verraten, die uns umgehend in Gewahrsam nahmen und aufs Revier brachten. Als sich herausstellte, dass wir aus angesehenen Winterthurer Familien stammten, entschärfte sich die Situation für uns. Eine Busse setzte es dennoch – und mein Vater regte sich mächtig auf, dass sein Sohn in eine solche Affäre verwickelt war und sein Name beschmutzt wurde.
Trotzdem wäre der Eindruck, dass ich ein besonders rebellischer Schüler war, falsch. Mehrheitlich war ich ein ruhiger, eher unauffälliger Gymnasiast. Zu Hause war ich gehorsam, die strenge Erziehung meiner Eltern nahm ich stoisch hin, genauso wie meine Schwester Verena. Wir hatten ja alles, es mangelte uns an nichts, ausser vielleicht an Liebe und Anerkennung. «Dumm geboren und nichts dazu gelernt», schalt mich mein Vater oft, wenn er unzufrieden mit meinen Leistungen war oder schimpfte. Ich litt sehr unter Selbstzweifeln und mangelndem Selbstvertrauen. Ich war nie zufrieden mit mir selbst, und ich weiss nicht, ob das Fluch oder Segen ist. Der Begriff «Zufriedenheit» existiert schlicht nicht in meinem Vokabular, noch heute nicht. Manchmal frage ich mich sogar, ob ich den Nobelpreis überhaupt verdient habe. Mit diesen Zweifeln zu leben, ist nicht einfach – für mich nicht, aber auch nicht für meine Nächsten.
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