In dieser Zeit interessierte ich mich auch sehr für Literatur. In meiner Jugend fesselten mich zum Beispiel die grossen russischen Romane ganz besonders: «Der Idiot» oder «Die Brüder Karamasow» von Fjodor Dostojewski verschlang ich, die Werke von Leo Tolstoi, Alexander Puschkin oder Boris Pasternak machten mir grossen Eindruck. Aber auch die Romane des schwedischen Autors August Strindberg las ich mit Leidenschaft. Als ich das Gedicht «Im Nebel» von Hermann Hesse las, traf es mich wie ein Blitz. Es drückte genau das aus, was ich fühlte:
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein
Kein Mensch kennt den anderen
Jeder ist allein.
So erinnere ich mich an die Gymnasiumszeit vor allem als eine Zeit seelischer und intellektueller Qual. Die Dinge, die wir dort lernten, schienen mir sinnlos. Vor allem die Sprachen machten mir Mühe; in Englisch, Deutsch und Französisch pendelten meine Noten zwischen einer ungenügenden Drei und einer knappen Vier. Französisch war meine Hasssprache, in Latein brachte ich kein vernünftiges Wort heraus. In meinen Lieblingsfächern Chemie und Physik war ich den Lehrern jedoch schon weit voraus, sodass ich gezwungenermassen in die Oberrealschule wechseln musste, also in die mathematisch-physikalisch orientierte Abteilung. Im Sprachunterricht konnte ich mir einfach die Wörter nicht merken. Die schwierigsten chemischen und mathematischen Formeln zu behalten, fiel mir hingegen sehr leicht.
Die Oberrealklasse der Kantonsschule Im Lee von Lehrer Hans Läuchli (4. Reihe, 1. v. r.), 1951. Richard Ernst (2. Reihe, 3. v. l.) sitzt neben seinem Schulfreund Werner Hablützel (1. Reihe, 1. v. l.).
Ausflug mit den Kadetten Winterthur in die Schweizer Alpen, um 1946. Richard Ernst war als Jugendlicher einige Jahre Mitglied der Kadetten, der Jugendorganisation der Schweizer Armee.
Man erkannte in mir einen Legastheniker, der die Sprachen schlecht lernte, keinen geraden Satz hinkriegte, die Buchstaben verwechselte. Auch mein Vater litt an dieser Schwäche. Wenn er einen Brief oder einen Bericht schreiben musste, gab er diesen meiner Mutter, damit sie ihn korrigierte. Heute würde man mir wohl eher ein Aspergersyndrom attestieren, das als schwache Ausprägung im Autismusspektrum eingeordnet wird. Meine Frau Magdalena, die jahrelang Primarlehrerin war, sagt, sie habe bei mir so ziemlich alle Symptome, die dieser Störung entsprechen, entdeckt.
Denn nicht nur Fremdsprachen bereiteten mir Mühe, auch das Sprechen selbst. Ein Gespräch zu führen, vor allem in Gesellschaft, lag mir gar nicht; mir fehlte jegliche Schlagfertigkeit. Deshalb schwieg ich lieber. Meine Kollegen hielten mich für verschroben, vielleicht sogar arrogant, ein Muttersöhnchen aus guter Familie. Im Studium weigerte ich mich, eine Assistenz anzunehmen, obwohl mir eine angeboten wurde. Der Gedanke, vor einer Klasse von Studenten referieren zu müssen, bereitete mir unendlich viel Pein. Meine Mitstudenten glaubten, ich hätte es als Sohn aus wohlhabender Familie nicht nötig. Doch das war nicht der Grund. Ich war ein Einzelgänger, nicht weil ich es wollte. Ich konnte nicht anders.
Die Gesprächskultur in unserer Familie half nicht wirklich. Es gab nämlich keine. Am Mittagstisch hatten wir Kinder ruhig zu sein; das Einzige, was zu hören war, waren die Nachrichten von Radio Beromünster. Gab es einmal Streit unter uns Kindern oder in der Familie, beendete ihn mein Vater mit den Worten: «Streiten gehört sich nicht in unseren Kreisen, das macht man nur in Arbeiterfamilien.» So legten sich das Unausgesprochene, die Wortlosigkeit wie ein zäher Nebel über unser Familienleben. Ich erinnere mich an eine Einladung bei Bekannten. Wir sassen im Wohnzimmer, und niemand wusste, worüber man sich unterhalten sollte. Da nahm mein Vater ein Buch aus dem Regal und las daraus vor. Später gab es dann kaum noch Einladungen. Wir waren meistens für uns alleine. Einzig meine Grosseltern, die Eltern meiner Mutter, kamen jeden Sonntagnachmittag zu Tee und Kuchen. Doch statt bei dieser Gelegenheit etwa wichtige oder unwichtige Familienangelegenheiten zu diskutieren, verschwand mein Vater in sein Büro.
Ich schickte mich in diese Atmosphäre. Meine Schwester Verena sagte allerdings kürzlich, ich hätte sehr wohl darunter gelitten, dass nie diskutiert wurde. Vielleicht passte ich mich an, vielleicht kam mir die Situation aber auch entgegen. Auch ich verzog mich in mein Zimmer und beschäftigte mich mit dem, was mir wirklich Spass machte. Ich vertiefte mich in meine Bücher und arbeitete an meinen Experimenten. Dabei entwickelte ich einen unbändigen Willen, bis zum Ende zu gehen. Einen Versuch vorzeitig abzubrechen oder etwas unerledigt zu lassen, kam für mich nicht infrage. Bei meinen Schwestern galt ich als «Schanzknochen», als Streber, der einsam für sich lernt. «Du wirst einmal den Nobelpreis erhalten!», sagten sie – allerdings meinten sie das eher spöttisch als prophetisch.
Dieser unabdingbare Wille, dieser innere Drang, mich zu beweisen und dafür meine Ziele um jeden Preis zu erreichen, die Fähigkeit, mich zu fokussieren und die Arbeit im Labor fortzusetzen, all dies hat mir auf meinem beruflichen Weg wahrscheinlich nicht unwesentlich geholfen. Viele Jahre später sagte ein Forscherkollege einmal, er kenne niemanden, der so hart und ausdauernd arbeiten könne wie ich. Doch vorerst ging es einmal nur darum, mehr oder weniger unversehrt durch den Orkan der jugendlichen Gefühlswelt zu navigieren. Das pralle Leben draussen, die Versuchungen der Jugend, sie lockten mich weniger, als es mir vielleicht gutgetan hätte.
Bis zur Matura hatte ich meine Probleme in beinahe allen Fächern so weit im Griff, dass ich das Reifezeugnis mit keiner einzigen ungenügenden Note und mit blanken Sechsen in Mathematik, Physik und Chemie erlangte. Der Weg war frei für das Studium der Chemie, was ich schon immer gewollt hatte. Doch bald stellte sich heraus, dass auch das nicht die erhoffte Befreiung von Mühsal bedeutete.
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