Selbst wenn Little Bighorn als bis dato größte Niederlage der amerikanischen Armee gilt: Es ist historisch erwiesen, dass weder Sitting Bull noch Crazy Horse die Schlacht am Little Bighorn geplant und ausgeführt haben. Die Niederlage der Regierungstruppen ist wohl vielmehr Custer selbst zuzuschreiben: Er wollte den sicher geglaubten Sieg nicht teilen und stieß daher allein gegen die Lakota vor. Diese hatten sich für ein Stammestreffen versammelt, als plötzlich die Nachricht vom Anmarsch amerikanischer Truppen kam. Tausende von Lakota standen lediglich Hunderten von Soldaten gegenüber. Die 7. US-Kavallerie wurde praktisch ausgelöscht – bis auf wenige Männer, die, so sagt die Überlieferung, „erzählen sollten, was sie erlebt hatten“. Diese Überlebenden rächten sich furchtbar: Sie waren beim Gemetzel von Wounded Knee im Jahre 1890 dabei, bei dem im sehr kalten Winter etwa 300 wehrlose Indianer – Frauen, Kinder und Männer – gnadenlos getötet wurden. Wounded Knee gilt bis heute als letzter tragischer Punkt in der Geschichte der Indianer.
Sitting Bull war beim direkten Kampf bei Little Bighorn gar nicht dabei, sondern er blieb im Lager und betete. Crazy Horse stieß erst später mit seinen Männern dazu, als der Sieg quasi schon errungen war. Die Schlacht trägt definitiv nicht die Handschrift von Crazy Horse, der beispielsweise das Skalpieren, zu dem es bei diesem Kampf kam, ablehnte. Dennoch wird die Schlacht am Little Bighorn als größter Erfolg von Crazy Horse und Sitting Bull gewertet, während die einundzwanzig anderen dokumentierten großen und kleinen militärischen Auseinandersetzungen, die er tatsächlich federführend oder wesentlich mitverantwortlich gestaltete und dabei seinen Ruf der Unverwundbarkeit festigte, nur wenigen Experten bekannt sind.
DER PLAN ZUR VERNICHTUNG DER LAKOTA
Nach der Schlacht am Little Bighorn wurde vonseiten der Weißen nichts mehr ausgelassen, um die Lakota, die letzten freien Indianer, zu unterwerfen, am besten jedoch völlig auszulöschen. Man schenkte Kindern vergiftete Decken, die sie in die Lager trugen. Man tötete von einstmals Millionen von Büffeln, die Lebensgrundlage für die Lakota, alle bis auf wenige Hundert. Und man jagte die Indianer, allen voran Crazy Horse. Dieser hatte sich zwar seinen Namen als großer Krieger erworben, doch mit der Schlacht, an der er nicht entscheidend teilgenommen hatte, die er weder wollte noch leitete, lenkte er die Zerstörungswut der Weißen auf sein Volk. Und damit den Zorn seiner Nation auf sich.
Ab dem Spätsommer 1876 verfolgte die amerikanische Armee die letzten freien Indianer in einem gnadenlosen Feldzug. Der strenge Winter 1876/77 tat ein Übriges: Die Lakota flüchteten vor der Verfolgung, erlitten in kleineren Scharmützeln Niederlagen und kapitulierten letztendlich – nicht aus Feigheit, sondern weil sie kurz vor dem Hungertod standen. Und weil ihnen ihre Lebensgrundlage entrissen wurde: Die Bisonherden waren so drastisch dezimiert worden, dass ihnen zum Leben nichts mehr blieb. Am 8. Januar 1877 kam es bei Wolf Mountain in Montana zur letzten großen Schlacht gegen die US-Kavallerie. Vier Monate später ergab sich Crazy Horse der Armee in Fort Robinson in Nebraska. Sein Kampf und der Kampf der Lakota waren sinnlos geworden; sein Volk war durch Kälte und Hunger geschwächt, es ging nur noch ums nackte Überleben.
DER LETZTE HÄUPTLING DER LAKOTA
Im Spätsommer 1877, in den späten Tagen der Kapitulation, war Sitting Bull wie manch anderer großer Häuptling schon entmachtet. Wegen seines Bekanntheitsgrads unter den Weißen kam die Idee auf, Crazy Horse zum Häuptling aller Lakota zu ernennen. Doch wie sollte das gehen? Wer sollte ihn ernennen? Einen einzigen Chef zu haben, waren die Lakota nicht gewohnt, so etwas gab es nicht bei ihnen. Und dann ausgerechnet Crazy Horse, der Reden nicht mochte, der nie außerhalb seiner Jagdgründe war, der sich nie Häuptling nannte und sich nichts aus materiellen Dingen machte. Sogar in seiner Spiritualität unterschied er sich von der Stammesreligion.
WAS ZEITZEUGEN BERICHTEN
In ihrem Buch „To kill an Eagle“ haben Edward und Mabell Kadlecek Aussagen von Zeitzeugen der Lakota und deren direkten Nachkommen zusammengetragen. So konnte man die Vorgänge im September 1877 aus verschiedenen Perspektiven rekonstruieren. Darunter befindet sich ein Bericht, wie Crazy Horse mit einem Freund auf einem alten Leiterwagen im späten August 1877 nach Fort Robinson fuhr und quasi als Letzter davon hörte, dass er Häuptling aller Lakota werden sollte. Er soll darüber sehr erstaunt und irritiert gewesen sein. Dass es einen Sonnentanz gab, den letzten in Freiheit, bei dem Tänzer für ihn als Häuptling beteten, zeigt aber, dass er zum Schluss kurz der Häuptling aller Lakota gewesen sein muss. Das war wichtig, denn so hatte er die Kompetenz zu Verhandlungen mit der Regierung.
EIN QUERKOPF ALS NEUES OBERHAUPT
Ausgerechnet Crazy Horse, der Strange Man, sollte anstelle von Red Cloud, dem „Chef“ des größten Zweiges der Lakota (die Oglala) zum Präsidenten nach Washington eingeladen werden. Crazy Horse wurde zwar für seine kriegerische Leistung durchaus sehr respektiert, aber er galt stets als Sonderling. Nicht von ungefähr überschreibt Mary Sandoz ihre Biografie mit dem Titel „Crazy Horse – The Strange Man of the Oglala“. Er hatte kein Talent für große Reden und wurde meistens falsch verstanden. Sogar im Stammesrat nahm er sich deshalb einen Sprecher, dem er sagte, was er meinte, und der es dann so ausdrückte, dass die anderen es richtig verstanden. Tanzen und Singen waren seine Sache ebenfalls nicht – durchaus problematisch in einem Volk, dessen zentrale gesellschaftliche und religiöse Aktivitäten genau dies in den Mittelpunkt stellen.
FRÜHE TRAUMATISCHE ERLEBNISSE
Als Heranwachsender war Crazy Horse Zeuge eines Zwischenfalls geworden, bei dem nicht nur sein Onkel, sondern vor allem Soldaten der US-Armee starben: Der betrunkene Sergeant Grattan schoss 1854 mit einer Kanone in das Dorf seiner Verwandten – als Vergeltung für eine alte, angeblich gestohlene Kuh. Bei den Verhandlungen wurde Häuptling Conquering Bear, wohl ein Onkel von Crazy Horse, in den Rücken geschossen, und es kam danach zu einem Kampf. Grattan selbst fiel zusammen mit 29 weiteren Soldaten der US-Armee. Sinnloses Töten und Ungerechtigkeit überall – so empfand es der junge Lakota, so hatte er es wieder und wieder erlebt. Auch bei der Rache der US-Armee für das Grattan-Massaker, in der sogenannten Schlacht von Ash Hollow ein Jahr später, bei der am Bluewater Creek 600 Kavalleristen eine weitaus geringere Anzahl von Lakota angriffen. 85 Indianer starben, Frauen und Kinder wurden verschleppt.
DIE VISION VON CRAZY HORSE
Weder im Sonnentanz noch in der rituell vorgeschriebenen Visionssuche fand Crazy Horse seine Bestimmung. Ihm war ein anderer Weg vorgegeben. Kurz nach dem Zwischenfall 1854, bei dem sein Onkel starb, ging Crazy Horse allein in die Prärie und stieg auf die Sandhills, eine Hügellandschaft in der Nähe von Scott’s Bluff in Nebraska.
Vier Tage und Nächte – wie es die Zeremonie verlangte – wollte der junge Lakota fasten und beten, um von den Geistern zu erfahren, wie er seinem Volk helfen könne. Vier Tage und Nächte auszuhalten – das war sein Ziel, darin wenigstens stimmte Crazy Horse mit den rituellen Regeln einer Visionssuche überein. Doch nach drei Tagen und Nächten gab er auf – seine Gebete schienen nicht erhört zu werden. Mit letzter Kraft kroch der Junge zu seinem Pferd, um ins Lager zurückzukehren. Beim Versuch, das Pferd zu erklimmen, verlor Crazy Horse das Bewusstsein – er fiel in Trance und erhielt so doch noch seine Vision. Crazy Horse berichtete später, dass in diesen drei Tagen und Nächten nichts, überhaupt kein Wesen, kein Tier, zu sehen war. Der Himmel war klar und wie leer. Nur eine Ameise sei einmal des Weges gekommen.
Читать дальше