Rupert Mayer hat den Ersten Weltkrieg „im Feld“ erlebt, an vorderster Front. Später geriet er in den Würgegriff der Nazis. Ohnmächtig musste er zusehen, wie sein geliebtes Vaterland in Trümmer ging. Ich dagegen habe nur Kindheitserinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Danach erlebte ich den Wiederaufbau Deutschlands und die Neugestaltung Europas. Rupert Mayer erlitt 1916 eine schwere Verwundung und musste sich seitdem mit Holzbein und Krücke fortbewegen. Ich bin körperlich unversehrt und wurde vom Militärdienst befreit.
Er trat im Jahre 1900 als junger Kaplan von gut 24 Jahren in den Jesuitenorden ein, ich 1959 mit knapp zwanzig Jahren, kurz nach dem Abitur. Bei seiner Priesterweihe 1899 war er 23 Jahre alt, ich bei meiner im Jahr 1969 dreißig.
Er ist in der Großstadt Stuttgart aufgewachsen und zur Schule gegangen, ich in der Kleinstadt Meppen/Ems. Seine Umgebung war durch und durch protestantisch, meine durch und durch katholisch. In Meppen bewahrt man die Erinnerung an den Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst, dem die Emsländer einen sicheren Wahlkreis garantierten.
Die Eltern von Rupert Mayer waren Kaufleute, standen beide im Geschäft und hatten ein sehr gutes Einkommen; meine Eltern standen wirtschaftlich auf wackeligen Füßen, bis mein Vater sich als Rechtsanwalt und Notar selbständig machen konnte. Rupert Mayers Familie war mit sechs Geschwistern und Kindermädchen groß; meine Familie, bestehend aus Eltern und zwei Geschwistern, war klein. Später kamen allerdings nacheinander zwei pflegebedürftige Großmütter hinzu und ein Onkel, der aus dem Krieg heimkehrte und vorübergehend eine Bleibe brauchte.
Was uns verbindet
Uns verbindet, dass wir weniger für Forschung und Lehre, dafür aber mehr für die Seelsorge geeignet sind. Beide waren wir Assistenten des Novizenmeisters, er ein Jahr lang (1904/1905), ich fünf (1970–1975). Hätten wir zusammen in einer Kommunität gelebt, wären wir begeistert gewesen von „Flädlessuppe“ und „Pfannenkuchen mit Kompott“ [vgl. ASch 7 und 83].
Die tiefere Gemeinsamkeit beruht auf der Prägung durch die 30tägigen Exerzitien, im internen Sprachgebrauch auch Große Exerzitien genannt. Exerzitien sind zunächst einmal Übungen (vgl. EB 1), wie sie auch Sportler kennen. Große Exerzitien gleichen einem religiösen Trainingslager von vier Wochen mit vier bis fünf Übungen pro Tag. Jede Übung dauert gewöhnlich eine Stunde und hat einen bestimmten Aufbau. Unterbringung, Ernährung, Schlaf und Freizeit sind auf die Übungen zugeschnitten. Das Übungsprogramm dient dazu, Jesus Christus und sich selber besser kennenzulernen, um klarer zu sehen, auf was man sich einlässt, wenn man ihm folgt. Die Zusammenstellung dieses geistlichen Ausbildungsprogramms ist das Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola (EB). Jeder Jesuit wird zweimal in seinem Leben in ein solches Trainingslager geschickt: am Anfang (im Noviziat) und am Ende der mehrjährigen Probezeit.
In seinem Lebenslauf schreibt Rupert Mayer über den Anfang seines Ordenslebens 1900 in Tisis/Vorarlberg: „… hier machte ich im Noviziat die großen Exerzitien (30 Tage lang), die einen nachhaltigen Eindruck hinterließen“ [RB1, 33]. Das zweite Mal machte er sie 1905. Ich kann bestätigen, dass die Großen Exerzitien auch auf mich einen nachhaltigen Eindruck gemacht haben. Ich erlebte sie 1959 und 1974 im Rahmen meiner Ausbildung, ein drittes Mal 2008 nach Beendigung meiner dreizehnjährigen Tätigkeit in der Ordenszentrale in Rom.
Unsere tiefste Gemeinsamkeit sehe ich jedoch in der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus. Er ist so etwas wie unser Ständiger Begleiter. Ob Rupert Mayer sich auf diese Wortwahl einlassen würde? Wahrscheinlich hätte er auf ein Wort verwiesen, das er einmal zu Schwestern sagte: „Noch etwas bewirkt der Wandel in Gottes Gegenwart: Wir werden Gott immer mehr lieben lernen in dem Bewusstsein, wie er uns liebt“ [K/R 162]. Jedenfalls ist uns in den Exerzitien klar geworden, dass Jesus Christus nicht nur Gegenstand des Nachdenkens und Forschens ist, sondern liebender Begleiter unseres Alltags. Wo immer ich bin, ist er bei mir. Mit ihm bin ich zu zweit, also plus 1 . Auch Rupert Mayer war immer plus 1 . Wenn wir uns zu einem Gedankenaustausch zusammentun, dann sind wir zwei in Wirklichkeit plus 1 , also zu dritt. Von diesem Dritten, so scheint mir, stammt auch die Idee, unser Gespräch an den Themen der Großen Exerzitien auszurichten.
Training für Reich-Gottes-Politiker
Die großen Exerzitien
Die Großen Exerzitien möchte ich hier als ein vierwöchiges Training für Reich-Gottes-Politiker bezeichnen. Unter Reich Gottes verstehe ich die Menschheit, deren Wohl und Wehe Gott in seine Regie genommen hat. Das Wehe der Menschheit ist ein fundamentaler Schaden, nämlich der Tod. Ihr Wohl ist die Heilung dieses Schadens: Gott bricht die Allmacht des Todes durch Liebe. Das ist seine Politik. Bürger des Reiches Gottes sind Menschen, die diese Politik und ihre Grundsätze für richtig halten und danach leben.
Trainingsziel
Die Übungen haben ein doppeltes Ziel: das tiefere Kennenlernen Jesu Christi und seiner Politik und die bessere Selbsterkenntnis meiner Person. Wer ist er? Wer bin ich? Kann er mich als Helfer gebrauchen? Ich sehe in ihm den Ur-Politiker des Reiches Gottes. Seine Politik-Formel lautet: „In allem lieben und dienen!“ Seine Liebe knickt nicht ein, auch wenn der Widerstand gegen sie wächst. Sein Dienen unterläuft die Herrschaft derer, „die mit dem Tod uns regieren“ (Kurt Marti, 1970, vgl. auch Weisheit 1,16). Die Helfer-Formel lautet: „sich selbst zu überwinden und sein Leben zu ordnen, ohne sich durch irgendeine Neigung, die ungeordnet wäre, bestimmen zu lassen“ (EB 21). Es kommt also darauf an, in der Spur Jesu Christi zu bleiben und sich nicht auf Abwege locken zu lassen.
Die Empfindsamkeit für gefährliche Abwege soll durch ein Grundprinzip gestärkt werden. Es lautet: „Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten. Die andern Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen und um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist. Hieraus folgt, dass der Mensch sie soweit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem Ziele hin helfen, und soweit zu lassen, als sie ihn daran hindern. Darum ist es notwendig, uns allen geschaffenen Dingen gegenüber gleichmütig (indifferentes) zu machen, überall dort, wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist, dergestalt, dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dementsprechend in allen übrigen Dingen, einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziele hin fördert, zu dem wir geschaffen sind“ (EB 23).
Die Zielführung in Richtung Gott soll so eindeutig sein, dass kein anderes Ziel an seine Stelle tritt. Die Sorge um die Gesundheit ist wichtig, aber nicht erstrangig. Die materielle Absicherung ist wichtig, doch nicht erstrangig. Ehre, Rang und Name mögen wichtig sein, doch ebenfalls nicht erstrangig. Mit „Gleichmut“ („Indifferenz“) ist ein seelischer Fühler oder Sensor gemeint, der anzeigt, ob ich in den Sog des Zweitrangigen und damit des Eigennutzes gerate. Wenn das geschieht, weiche ich vom Weg zu meinem eigentlichen Lebensziel ab. Dieser Sensor, so könnte man auch sagen, ist eine Warn- und Steuerhilfe gegen Bestechung hin zu einer Haltung der Unabhängigkeit (vgl. EB 189).
Übungsleiter
Der eigentliche Leiter des Übungsprogramms ist mein Ständiger Begleiter Jesus Christus selbst, der Ur-Politiker des Reiches Gottes. Wie ein gewissenhafter Politiker kümmert er sich um das Wohl und Wehe der Menschen. Er ist Reich-Gottes-Politiker, weil er sich an die Grundsätze und Richtlinien hält, die Gott dem Volk Israel anvertraut hat. Sie gehören nicht Israel allein, sondern sind für alle Menschen da. In der Bibel sind sie dokumentiert. Zugleich dokumentiert die Bibel auch die Weise, wie das Volk mit den Grundsätzen und Richtlinien Gottes zurechtgekommen ist. Von Abraham bis zu Jesus Christus schwankt das Volk zwischen Zustimmung und Ablehnung. Erstaunlich ist jedoch dieses: Das Volk Israel hält die Richtlinien Gottes hoch, obwohl es, daran gemessen, selber schlecht aussieht. Noch erstaunlicher ist: Gott bleibt geduldig. Die Verkörperung seiner Geduld ist Jesus Christus. Aus ihm ist die Kirche hervorgegangen; durch ihn bleibt sie im Volk Israel verwurzelt. Bei ihm ist, wie bei einem guten Politiker, das Handeln wichtiger als das Reden. Wer in die Reich-Gottes-Politik einsteigen will, muss ihn kennenlernen und bei ihm in die Lehre gehen.
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