Johanna Siebel und die Autorinnen und Autoren der zahlreichen Nachrufe betonen, Marie Heim-Vögtlin sei eine wunderbare Hausfrau und keine emanzipierte Frauenrechtlerin gewesen. Sie verstanden es als Kompliment. Spätere Generationen übernahmen diese Wertung unkritisch und machten Marie die Häuslichkeit zum Vorwurf. Wer die Quellen mit heutiger Brille liest, entdeckt eine junge Frau, die das überlieferte Frauenbild radikal in Frage stellte. Dass Marie daneben eine tüchtige Hausfrau und fleissige Gärtnerin war, sollte niemanden erschrecken. Sie war ebenso eine weit überdurchschnittlich sportliche Bergsteigerin, die einige Professoren von der Gleichwertigkeit der Studentinnen ausgerechnet auf strengen Touren überzeugte, wo sie und ihre amerikanische Freundin mehr Ausdauer als die jungen Männer zeigten.
Von Anfang an war sich Marie bewusst, dass sie im Interesse der Frauen nicht scheitern durfte. Als sie die nachgeholte Maturitätsprüfung bestanden hatte, jubelte sie: «Ich bin doch so froh; niemals dachte ich, dass es so gehen würde; mehr froh noch wegen der Frauen im allgemeinen als wegen mir selbst.» 2Diese Vorbildfunktion war nicht immer einfach.
Maries Gatte, Albert Heim, war bedeutender Geologe und Kynologe und wichtiger Professor am Polytechnikum (ab 1911 Eidgenössische Technische Hochschule ETH). Die Familie überliess seinen und den Nachlass des Sohnes Arnold der ETH. In diesen Nachlässen befinden sich Dokumente, die sich direkt auf Marie Heim-Vögtlin beziehen. Andere Papiere sind indirekt mit ihr verknüpft, wie die betont wissenschaftliche Chronik der Hochzeitsreise oder das Tagebuch, das der Vater über seinen kleinen Sohn Arnold verfasste und das einen Einblick in Alberts Gemütsleben erlaubt. Im Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich sind vor allem Dokumente aus der Studienzeit verfügbar.
Mehr noch als heute lebten die Menschen im 19. Jahrhundert in einem engmaschigen Netz. Auf kleinem Raum wohnte man nahe beieinander, so dass es kaum private Rückzugsmöglichkeiten gab. Innerhalb der Familie besuchte man sich regelmässig oder pflegte fortwährend schriftlichen Kontakt. Marie schrieb beispielsweise ihrer Schwester Anna jede Woche einen Brief. Diese Korrespondenz ist zum grössten Teil verloren, weshalb die Persönlichkeit Anna Vögtlins blass bleiben muss. Von Maries Vater ist kein einziges privates Schriftstück überliefert.
Lauter tüchtige Hausfrauen: Die Schwestern Roth aus Lenzburg, später Elise Ringier-Roth und Emilia Louise Tobler-Roth, Trogen, waren mit Marie befreundet. Im Album für Arnold gibt es immer wieder knappe Hinweise auf Begegnungen. Marie, zweite von links, sitzt im Vordergrund.
Freundinnen waren wichtige Vertraute. Glücklicherweise schrieb Maries Jugendfreundin Marie Ritter aus Schwanden ihre Lebenserinnerungen auf, die einen ausgezeichneten Einblick in das Leben einer unverheirateten, hochintelligenten Frau ihrer Epoche erlauben. Hätte Marie keine Gelegenheit zum Studium gehabt, wäre ihr Leben vielleicht in ähnlichen Bahnen verlaufen. – Für die historische Überlieferung wirkte sich der frühe Tod von Maries amerikanischer Studienfreundin Susan Dimock ebenfalls günstig aus. Die geschockten Freunde sammelten Erinnerungen und veröffentlichten sie als «Memoir», das Einblicke in Studien- und Arbeitsbedingungen jener Zeit gibt.
Andere Freundinnen Maries kennen wir höchstens mit Namen. So gab es mehrere Schwestern Roth aus Lenzburg, die gemäss Alberts Kindertagebuch als «Frau Tobler-Roth oder Frau Ringier-Roth» zu Besuch kamen, aber weiter nicht fassbar sind.
Verschiedene Männer spielten in Maries Leben eine grosse Rolle. Mit ihrem Vater muss sie zutiefst verbunden gewesen sein. Ihr erster Verlobter, Friedrich Erismann, öffnete ihr den Blick auf eine grössere Welt. Als er sie verliess, um Nadejda Suslova, die erste russische Ärztin zu heiraten, fand Marie nach einer schweren Krise die Kraft, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Ihr Ehemann Albert Heim liebte seine Frau und legte ihr keine Steine in den Weg. Seine eigene Berufstätigkeit nahm ihn allerdings voll in Beschlag, sodass Marie in vielem auf sich selbst gestellt war. Eine enge, teils recht konfliktreiche Beziehung verband sie mit ihrem erwachsenen Sohn Arnold. Ihre Freundschaft mit dem Vater ihres Pflegekindes, Johannes Hundhausen, lässt sich nicht mehr dokumentieren, war aber zeitweise sehr herzlich. 3
Maries Leben spielte sich vor dem Hintergrund eines rasanten politischen und gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen und technischen Wandels ab. In ihrem Leben spiegelt sich immer wieder diese bewegte Epoche. Marie war zwei Jahre alt, als die erste Eisenbahn zwischen Zürich und Baden den Betrieb aufnahm. Am 3. Oktober 1898 überquerte ihr Gatte im Ballon «Wega» die Alpen, vier Jahre nach ihrem Tod kaufte sich Sohn Arnold 1920 ein Flugzeug. Marie erlebte die Einführung der Elektrizität und des Telefons. Sie war drei Jahre alt, als der Bundesstaat gegründet wurde, als Studentin verfolgte sie 1871 die Entstehung des deutschen Kaiserreichs mit, sie starb mitten im Ersten Weltkrieg, der den Untergang des alten Europa einläutete.
Als Marie zum Studium nach Zürich kam, zählte die Stadt rund 20 000 Einwohner. Im Jahr von Arnolds Geburt, 1882, verkehrte in Zürich das erste Rösslitram. Mit der Eingemeindung der umliegenden Dörfer – auch Maries Wohnort Hottingen gehörte ab dem 1. Januar 1893 zur Stadt – schnellte die Einwohnerzahl auf 121 057. 1901 lebten bereits 150 000 Menschen in Zürich, 1912 über 200 000.
Solche Veränderungen kannten nicht nur Gewinnerinnen und Gewinner. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts taten sich Frauen zusammen, um den Menschen auf der Schattenseite des Lebens beizustehen. Marie Heim-Vögtlin nahm ihre soziale Verantwortung wahr und engagierte sich nicht nur in privater Wohltätigkeit, sondern auch in der Sittlichkeits- und Abstinenzbewegung. Als eine der Gründerinnen der Schweizerischen Pflegerinnenschule schuf sie ein Frauenwerk, das rund 100 Jahre Bestand hatte. Die Privilegien, die sie dank ihrer akademischen Ausbildung genoss, empfand sie – ganz im Geist des 19. Jahrhunderts – stets als Verpflichtung.
Das Kind vom Land – Leben in Bözen
«Ich erlebte meine ganze Kindheit auf dem Lande. Da ich in dem einsamen Dorfe Bözen keine Gespielen hatte, so suchte ich meine Vergnügungen in Feld und Wald und es ist wohl dieser Umstand, dem ich meine spätere Liebe zu Naturwissenschaften verdanke. Die Freude meiner frühesten Kinderjahre, zu denen meine Erinnerung zurück reicht, waren Blumen und Wurzeln auf Wiesen und Feldern zu Hausmitteln zu suchen; ich sammelte Schneckenschalen von allen Arten, erzog Raupen zu Schmetterlingen, beobachtete die verschiedenen Arten von Ameisen und brachte ihnen allerlei Futter […].» 1Mit dieser Beschreibung einer idyllischen Welt beginnt die 25-jährige Studentin Marie Vögtlin einen Lebenslauf, den sie für die Aargauer Erziehungsdirektion schrieb.
Am Zürcher Schreibtisch erinnert sich die junge Frau 1870 an die Abgeschiedenheit ihres Dorfes, an das Fehlen seelenverwandter Freundinnen, an beglückende Naturerlebnisse, an erste wissenschaftliche Neugier. Dann kokettiert sie mit Wissen, das sie sich wohl vor nicht allzu langer Zeit erworben hatte: «Die Glanzpunkte meiner Tage waren die Entdeckungsreisen auf die benachbarten Hügel, wo ich in glühender Sonne stundenlang umher kroch, um die im Jura häufig versteinert vorkommenden Ammonites und die gegliederten Stiele des Haarstern Cuerium liliformis zu suchen.» 2Maries Liebe zur Botanik begleitete sie ein Leben lang, wie Briefe aus der Studienzeit und Fotos der alten Frau belegen.
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