3. Ernährung in der globalisierten Industriegesellschaft
Eine Auseinandersetzung wie die zwischen FleischesserInnen und VegetarierInnen und VeganerInnen vollzieht sich nicht im luftleeren Raum. Viele der Argumente pro und contra sind ohne den aktuellen gesellschaftlichen Zusammenhang gar nicht nachvollziehbar. Ernährung, einer der grundlegendsten natürlichen Vorgänge aller Lebewesen, vollzieht sich im Kontext der industrialisierten und globalisierten Moderne. Sechs typisen die Ernährung diese Epoche: 3
– Die Agrarrevolution hin zu immer zielgenauerer Züchtung, Maschinisierung und Chemisierung.
– Das Entstehen von wenigen global agierenden Lebensmittelunternehmen.
– Der Aufbau einer weltumspannenden Transportkette und Verkehrsinfrastruktur.
– Die Vervielfältigung der Konservierungsmethoden, die den Transport über weite Strecken ermöglichen.
– Die Kommerzialisierung: Praktisch alle Lebensmittel werden heute gekauft. Dies ist nur möglich durch die Privatisierung allen Landes, auch der früheren „Allmende“, also der allen Menschen einer Gemeinschaft miteinander gehörenden Flächen.
– Die räumliche Trennung von Arbeiten und Wohnen, die die räumliche Trennung von Essen und Wohnen zur Folge hat. Mahlzeiten werden zunehmend außer Haus und unter Zeitdruck gegessen.
Diese sechs Charakteristika umreißen gesellschaftliche Umbrüche, die kaum dramatischer gedacht werden können. Zwischen der Landwirtschaft vor 1800 und der nach 2000 bestehen fast keine Übereinstimmungen. Die technische und ökonomische Revolution hat alles von Grund auf verändert. Das gilt auch, ja ganz besonders für die Tierhaltung, die Verarbeitung und den Konsum tierischer Lebensmittel.
Im Folgenden gehe ich in vier Schritten vor:
Noch zu Teil I (Einleitung) gehört die Darlegung der wichtigsten Begrifflichkeiten und der verschiedenen Dimensionen veganen Lebens.
In Teil II (Sehen) untersuche ich den Trend zu vegetarischer und veganer Ernährung, der in den letzten Jahren zu beobachten ist, und frage nach seinen Hintergründen und Ursachen.
Teil III (Urteilen) ist einer vielschichtigen theologischethischen Diskussion über Vegetarismus, Veganismus und Fleischverzehr gewidmet.
Teil IV (Handeln) schließlich richtet sein Augenmerk auf die praktischen Konsequenzen, die sich aus der ethischen Analyse ergeben, und endet mit einer hoffnungsvollen Vision.
4. Vegan meint mehr als nur Ernährung
Der Begriff Vegetarismus ist – anders als die durch ihn bezeichnete Lebensform, die seit der Entstehung der Hochkulturen stets von kleineren oder größeren Gruppen gelebt wurde – erst im England der späten 1830er Jahre im Zusammenhang mit der Gründung vegetarischer Gesellschaften (vegetarian societies) erfunden worden. 4Um 1880 gelangt der Begriff nach Deutschland, wo er anfangs mit „Vegetarianer“ und später dann mit „Vegetarier“ übersetzt wird. Unter dem Sammelbegriff „Vegetarismus“ gilt es, verschiedene Formen des Verzichts auf Nahrungsmittel zu unterscheiden: 5
– Der Pescetarismus meint den Verzicht auf Fleisch, wobei Fisch, Eier und Milchprodukte gegessen werden. Streng genommen ist dies keine Form des Vegetarismus, sondern höchstens eine Vorform. Dennoch werden PescetarierInnen oft als VegetarierInnen betrachtet, sogar in Meinungsumfragen und Statistiken.
– Der Ovo-Lacto-Vegetarismus bezeichnet den Verzicht auf Fleisch bei gleichzeitigem Konsum von Milch, Milchprodukten und Eiern. Diese Form des Vegetarismus lehnt also ausschließlich das direkte Töten geborener oder geschlüpfter Tiere zum Fleischverzehr ab.
– Der Lacto-Vegetarismus geht einen Schritt weiter und verzichtet neben Fleisch auch auf Eier. Denn in Eiern könnte ja theoretisch der Keim eines Lebewesens liegen.
– Der Veganismus plädiert mit der Tierrechtsbewegung für die Auflösung der gesamten Tierwirtschaft, die er als reine Ausbeutung der Tiere betrachtet, und verzichtet daher neben Fleisch und Eiern auch auf Milch und Milchprodukte. Darüber hinaus tragen VeganerInnen keine Kleidung, die tierische Materialien enthält, und verzichten auf Kosmetika, die mittels Tierversuchen getestet wurden.
– Der Bio-Veganismus ist eine Variante des Veganismus und legt mehr als dieser Wert auf eine ökologische Erzeugung der pflanzlichen Produkte. Gegessen werden nur Pflanzen aus ökologischem Landbau. Allerdings steckt der vegane Ökolandbau noch in den Kinderschuhen, denn der klassische Ökolandbau verwendet tierischen Dünger. Die Frage darf als offen gelten, ob beide Kriterien – vegan und ökologisch – im strengen Sinne gemeinsam verwirklicht werden können.
– Der Fructarismus oder Fruganismus als radikalste denkbare Form will über die Tiernutzung hinaus auch auf das Töten ganzer Pflanzen verzichten und konsumiert daher nur Früchte, die die Pflanzen ohnehin mit dem Ziel hervorbringen, dass sie von Tieren oder Menschen gegessen werden, um mit ihren Exkrementen den Samen zu verbreiten.
– FlexitarierInnen hingegen sind Menschen, die zeitweise vegetarisch oder vegan leben, dann aber wieder Fleisch verzehren. Allerdings konsumieren sie relativ bewusst und gezielt Fleisch aus ökologischer und artgerechter Tierhaltung. Sie sind gleichsam „Teilzeit-VegetarierInnen“ oder „Teilzeit-VeganerInnen“. Mir scheint, dass FlexitarierInnen in vielen Statistiken als VegetarierInnen oder VeganerInnen gezählt werden. Selten wird hier präzise unterschieden.
Im Folgenden werde ich mit dem unspezifischen Begriff „Vegetarismus“ den Ovo-Lacto-Vegetarismus bezeichnen. Sofern eine der anderen Formen des Vegetarismus gemeint ist, verwende ich die spezifischere, präzise Begrifflichkeit für diese Form.
Das Wort „vegan“ geht auf den Engländer Donald Watson (1910–2005) zurück, der 1944 die Vegan Society als eine Abspaltung der englischen Vegetarian Society gründete. Der Begriff verbindet die ersten drei und die letzten zwei Buchstaben des Wortes „vegetarian“. Während der Vegetarismus mindestens zweieinhalb Jahrtausende alt ist und eine lange Geschichte hat, handelt es sich beim Veganismus also (abgesehen von der Religion der Jainas, an die man aber kaum anknüpft) um eine sehr junge Bewegung. Ein konsequent veganes Leben ist in einer vorindustriellen Gesellschaft nur sehr schwer möglich gewesen.
Veganismus umfasst – im Unterschied zum Vegetarismus – weit mehr als die Ernährung. Da jegliche Tiernutzung abgelehnt wird, betrifft das auch Kleidung, Kosmetik und sogar Medikamente.
4.1 Vegane Lebensmittel
Das Erkennen rein veganer Lebensmittel ist aufgrund der vielfältigen Verwendung von Stoffen tierischer Herkunft keine einfache Angelegenheit. So wird Gelatine mitunter zum Filtern von Weinen und Fruchtsäften eingesetzt. Bäckereien verwenden tierische Fette. Im Lebensmittelhandel werden vegane Produkte daher, besonders wenn es sich um verarbeitete Produkte handelt, zunehmend öfter gekennzeichnet. Hierzu gibt es das europaweit einheitliche Label der European Vegetarian Union, das eine grüne Pflanze in V-Form darstellt. Im umlaufenden Schriftzug enthält es jeweils die exakte Zuordnung zu einer der vier Kategorien vegan, ovo-, lacto- oder ovo-lacto-vegetarisch. Allerdings darf das Label völlig unabhängig von der ökologischen oder sozialen Qualität der Herstellung eines Produkts verwendet werden. Die gekennzeichneten Produkte stammen meistens aus der konventionellen Landwirtschaft und sind mitunter sogar aus gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt. Letzteres erfährt man ausschließlich im Kleingedruckten, denn in der Europäischen Union besteht eine Kennzeichnungspflicht für alle Lebensmittel mit gentechnisch veränderten Bestandteilen.
Während vegetarische Produkte auch im Segment ökologisch erzeugter Lebensmittel vorhanden sind, gilt dies für vegane Produkte bisher kaum. Denn ökologische Landwirtschaft basiert üblicherweise auf dem Kreislaufprinzip und setzt daher tierischen Mist und Gülle sowie andere „Abfallprodukte“ aus der Tierhaltung ein. Ökolandbau und Veganismus schließen sich nach klassischer Lehre also gegenseitig aus. Dennoch gibt es mittlerweile vereinzelt „bio-vegan“ wirtschaftende Betriebe, die Mitglied eines anerkannten Verbands der Ökolandwirtschaft sind. In Großbritannien und den USA existiert darüber hinaus bereits die Möglichkeit, den landwirtschaftlichen Betrieb nach den „Stockfree Organic Standards“, also den nutztierfreien ökologischen Standards, zertifizieren zu lassen. KonsumentInnen können auf dieser Grundlage biovegan angebaute Produkte am entsprechenden Label klar von anderen Produkten unterscheiden. In Deutschland gibt es derzeit noch keine vergleichbare Zertifizierung.
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