»Den Scheiß höre ich jedes Mal«, gab er unwirsch zurück. »Bisher hat es stets geklappt, sonst säße ich jetzt nicht hier.«
»O. K., Horst«, sagte John nach einer weiteren Pause gedehnt. »Wir arbeiten eine Offerte aus. Zwei Varianten, wie üblich.«
»Es eilt!«
»Ich weiß, Horst. Trotzdem brauchen wir Zeit, um so eine große Sache seriös anzugehen. Wir dürfen uns keine Fehler leisten und du auch nicht. Die Stimmung im Volk ist äußerst aufgeheizt. Dein Kollege Scholz …«
»Scholz!«, unterbrach von der Lippe ärgerlich. »Man soll nicht schlecht über Tote reden, aber der hat nun wirklich alles verbockt, was man als Lobbyist verbocken kann. Wir hätten ihn schon viel früher aus dem Verkehr ziehen müssen.«
»Ihr werdet doch nicht …«
Er wagte den Gedanken nicht auszusprechen. Horst klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und brachte gar ein Grinsen zustande.
»Komm wieder runter, John. Wir sind doch nicht die Mafia.«
»Guten Tag, Phil«, grüßte das Sicherheitsschloss am Drehkreuz zur verbotenen Zone eine Etage unter John Steins Büro.
Außer dem Chef und seinem blonden Gift mit dem bösen Blick hatten nur er und Kollegin Leni Kraus Zugang. Leni saß im Cockpit vor der Wand aus großen Monitoren. Kein natürliches Licht störte die Arbeit in diesem ovalen Hochsicherheitsbereich im Kern der 38. Etage. Dennoch schimmerte Lenis rotes Haar und strahlte eine Wärme aus, die nicht zur unterkühlten Technik passen wollte, die sie umgab. Sie arbeiteten in einer künstlichen Gebärmutter, zwei verlorene Keimlinge. Ihm gefiel das. Sie sprang sofort auf, als er eintrat.
»Phil!«
Es war ihre gewohnte Art, ihn zu begrüßen, jeden Tag, freudig, als hätten sie sich lange nicht gesehen. Peinlich genau hielt sie den Abstand von einem Schritt ein, um ihm nicht die Luft abzuschneiden. Leni Kraus war nicht nur eine disziplinierte, zuverlässige Programmiererin. Leni war auch ein gutes Mädchen. Vielleicht sollte er ihr das eines Tages sagen. Wie gewohnt erwiderte er den Gruß mit freundlichem Kopfnicken. Der Sprechapparat blockierte, sobald sein Blick die Information auf den Bildschirmen erfasste. Ohne Anstrengung verschaffte er sich sofort den Überblick. Die News blendete er aus. Mehr als einige Schlagzeilen zu konsumieren lohnte sich nicht, da konnten die TV-Anstalten noch so viele Sondersendungen einschalten. Im Moment war einzig sein Projekt wichtig. Alles andere ging den gewohnten Gang, wie die Displays bestätigten.
»Nicht viel los heute«, klagte Leni.
Der Becher mit kaltem Wasser stand bereits neben den Tastaturen, als hätte sie sein Kommen vorausgeahnt. Sie fragte nicht nach dem Grund für das späte Erscheinen kurz vor Mittag. Gutes Mädchen , ging ihm wieder durch den Kopf. Er verspürte nicht die geringste Lust, überhaupt nur an den verlorenen Vormittag zu denken. Bereits zum dritten Mal hatte ihn dieser unmögliche Kommissar Fischer zur Nacht der Morde in Aachen vernommen. Zum dritten Mal hatte er dieselben Fragen gehört. Zum dritten Mal hatte er ihm wortwörtlich dieselben Sätze an den Kopf geworfen. Zum dritten Mal wäre er fast gestorben, erstickt in der giftigen Atmosphäre voller Misstrauen und latenter Gewalt im LKA Düsseldorf.
Sein Projekt entwickelte sich überraschend gut. Während er die Protokolle studierte, wuchs die Zuversicht, nah am Ziel zu sein. Künstliche Intelligenz stand erst am Anfang der Entwicklung. Als Spezialist war ihm das bewusst wie keinem Laien. Stand er jetzt wirklich vor dem großen Durchbruch, ausgerechnet hier in John Steins verbotener Zone mit modernstem Computerequipment, das für eine Uni gereicht hätte, dem Symbol von Johns Hybris? Hatte er den Durchbruch schon geschafft? Würde sein Algorithmus den Turing-Test bestehen? Würde man das Verhalten seines Programms von demjenigen eines intelligenten Menschen nicht mehr unterscheiden können? Entwickelte sein Algorithmus echte Intelligenz? Das zu entscheiden, war keine leichte Aufgabe, denn auch Computerintelligenz entwickelte sich allmählich, fast unbemerkt. Sie war nicht plötzlich da. Um die notwendigen Tests durchzuführen, brauchte er Unterstützung von unabhängigen Wissenschaftlern und Laien. Leni würde helfen aber bei Weitem nicht genügen. Zurück an die Uni? Irgendwann gab es wohl keine andere Lösung mehr. Vorderhand hielt ihn allerdings zu viel in Köln fest.
»Du denkst an deine Mutter«, stellte Leni fest, die sein Mienenspiel aufmerksam beobachtete.
Er schüttelte den Kopf. »Nein – ja, doch, irgendwie schon.«
»Sie tut mir so leid, Phil. Ich habe sie ja nur einmal kurz gesprochen …«
»Kurz bevor sie der Zufall umgebracht hat«, unterbrach er düster. »Es gibt Zufälle, die töten wie die Kugel eines Wahnsinnigen den alten Rosenblatt getötet hat.«
»Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, ist leider viel höher als die, von einer Kugel getroffen zu werden«, versuchte sie zu trösten. »Entschuldige«, fügte sie hastig an, als sie sein betroffenes Gesicht sah.
»Du musst dich nicht für eine Tatsache entschuldigen. Das ist unlogisch.«
Ihre leise Antwort ging in Chopins Trauermarsch unter. Das blonde Gift rief an.
Die Chefstrategen der PR-Agentur Stein waren im Wolkenkuckucksheim versammelt, wie er das Sitzungszimmer mit der besten Aussicht Kölns nannte. Das übliche Brainstorming für einen neuen Auftrag war im Gang. Er verspürte den starken Drang, sich gleich wieder in die Gebärmutter zurückzuziehen. Brainstorming hielt er für verlorene Zeit. Beauty Contests, um den Chef zu beeindrucken, wäre seiner Meinung nach die korrekte Bezeichnung für Brainstormings.
Greta winkte ihn zur Seite. Während die andern sich weiterhin mit abenteuerlichen Vorschlägen an der Pinnwand überboten und Lösungsansätze zu gewichten suchten, für die es keine Gewichte gab, klärte sie ihn auf.
»Wir werden eine Kampagne starten, um ein positives Klima für Verhandlungen mit China zu schaffen«, begann sie.
»Freihandel mit China – die Stahlbarone werden begeistert sein.«
Sie wischte den Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg. »Im Moment haben wir tatsächlich fast das ganze Volk gegen uns. Genau deshalb werden wir diesen Auftrag an Land ziehen. Wer sind wir denn? Wenn es jemand schafft, die Stimmung im Volk zu drehen, dann doch wohl wir, nicht wahr?«
Ihrem selbstsicheren Gesichtsausdruck nach zu urteilen glaubte sie, was sie sagte.
»Im Übrigen lohnt es sich für uns alle«, fügte sie lächelnd hinzu.
Geld interessierte ihn nicht. Er verdiente genug für ein anständiges Leben. Allerdings – seine Schwester könnte einen Zuschuss gut gebrauchen, fiel ihm rechtzeitig ein, bevor er eine abschätzige Bemerkung machte. Pias Bar musste dringend saniert werden.
»Und was habe ich damit zu tun?«, fragte er.
»Abwarten.«
Sie wandte sich mit einem Wink an John. Der gebot dem Durcheinander Einhalt. Alle setzten sich mit geröteten Wangen an den Tisch.
»Leute, wo stehen wir?«, fragte der Chef, die Zettel an der Pinnwand im Blick.
Es war die Aufforderung an den Jüngsten, den Stand des Gedankenaustauschs zusammenzufassen. Phil erkannte, worauf es hinauslief, bevor der nervöse junge Mann ein Wort sagte. An der Seite der Pinnwand, die schlicht mit positiv überschrieben war, hefteten nur wenige Zettel mit Ideen, keine davon überzeugend, fand er. Die negative Seite enthielt eine Menge Zettel aber auch nichts wirklich Neues. Einige Vorschläge schrammten hart an der Grenze der Legalität vorbei. Die würden Steins Anwälte in der Luft zerreißen. Prominente Gegner des Freihandels und Wortführer der Protestbewegung wie Lotte Engel durch Diffamierung und Mobbing mundtot zu machen, wären zwar die wirksamsten Mittel, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, wie John scherzhaft bemerkte.
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