Peter Spans - Von Herzen

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Eckerd von Herzen hat eine Mission. In seiner Bar soll jeder Zuflucht finden, der nicht mehr weiterweis, sich nach einem offenen Ohr, einem gemeinsamen Drink, nach jemandem wie Eckerd sehnt. Denn der empathische Gastgeber weiß, was seine Gäste brauchen. Und wie er sie von ihren Sorgen befreien kann. Den besonders hoffnungslosen Fallen hilft er auf ganz spezielle Art: indem er sie mit der Keule seines Großvaters erlöst. Eines Abends verschlagt es den maßlos gescheiterten Polizisten Paul ins ›Von Herzen‹. Eigentlich hat er vor, sich das Leben zu nehmen, aber Eckerd sieht etwas in ihm und macht ihn zu seinem Kellner. Paul findet neue Freunde – und neuen Mut. Doch dann bekommt er mit, was in der Bar vor sich geht …

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Heuchelei. Ein Punkt auf deiner langen Warum-ich-mich-töten-will-Liste.

Paul brauchte nicht hinzusehen. Er wusste, dass er gerade in das Blickfeld des nächsten Spinnenauges eintrat. Der Adjutant der Spinne streunte durch den Parallelgang und empfing Spinnenbefehle über einen Knopf in seinem Ohr. Paul umrundete das Ende des Ganges und trat in den nächsten. Er hätte zu gerne eine Jumbotüte Chips mitgehen lassen.

Zu groß, zu laut.

Eine Frau mit einem quengelnden Kind kam ihm entgegen.

Mist!

Um unbehelligt stehlen zu können, war ein leerer Gang vonnöten. Dafür würde Paul einen weiten Bogen laufen müssen, und so, wie er aussah, kreidebleich mit verklebtem Vollbart und einer Kappe tief im Gesicht, zöge er die Aufmerksamkeit des Spinnenadjutanten auf sich.

Dann fiel Paul auf, dass die Frau nur auf ihr Kind einredete, als ob es quengelte. Sie ließ sich Zeit, studierte die Inhaltslisten auf den Produkten, um plötzlich aus heiterem Himmel mit ihrer Tochter zu schimpfen, die nichts Besonderes tat oder sagte. Während jeder ihrer Tiraden beugte sie sich zu ihr hinunter und ließ ein Produkt in ihre große Handtasche fallen. Schlau. Aber sie war kurz davor, in die nächste Spinnenaugenzone zu treten. Paul ging auf sie zu. Hätte er nicht einen Blick dafür, wäre ihm entgangen, dass sie drei weitere Teile eingesackt hatte, bis er in ihrer Nähe war. Er trat seitlich neben sie, nickte zur Decke und murmelte vor sich hin, als ob er ein Selbstgespräch führte.

»Sie sind im Sichtfeld der Kamera da drüben. Aber die hintere Hälfte des Ganges liegt im toten Winkel. Das ist bei den anderen Gängen auch so. Und Achtung vor dem Mann in der schwarzen Jacke. Das ist der Sheriff hier.«

Sie musterte ihn von der Seite, dann flüsterte sie auch. »Wow. Das ist aber … nett. Wissen Sie … ich mach das nur für meine Tochter.«

Das Mädchen sah Paul ausdruckslos an.

»So unter Dieben … Bei wem darf ich mich bedanken?«

»D-Dennis. Mein Name ist Dennis.«

Die Frau schien nachzudenken.

»Haben wir uns nicht schon mal irgendwo gesehen, Dennis?«

Paul senkte den Kopf. »Ich glaube kaum. Nein.«

Der schwarze Adjutant bog in den Gang ein.

»Die Dame, dürfte ich einen kurzen Blick in Ihre Tasche werfen, bitte?«

Die Frau zeigte mit spitzem Finger auf Paul.

»Wissen Sie, wer das ist?!«

Der Ladendetektiv schaute Paul müde an.

»Nein, aber er kommt öfters mal her.«

»Das ist der Typ aus den Nachrichten!«

Paul hob abwehrend die Hände. Sie baute sich auf.

»Das ist der Perverse! Der perverse Polizist!« Sie wurde schrill. »Dass Sie so einen hier reinlassen! Hier sind Kinder!«

Es war kaum zu merken, aber sie blinzelte dem Mädchen zu. Es begann zu schreien.

Die Frau schrie auch wieder, bis ihre Stimme kippte. »Meine Tochter musste mit ansehen, wie er mich bedroht!«

Der Ladendetektiv drehte Paul nur halbherzig einen Arm auf den Rücken. Pauls steifen Knochen tat es trotzdem weh, er ließ seinen Oberkörper bereitwillig nach unten klappen. Der Adjutant stützte sich auf Paul wie auf einen Tisch.

»Keine Sorge, der tut Ihnen nichts. Darf ich jetzt bitte einen Blick in Ihre Tasche werfen?«

Die Frau blinzelte. Das Kind schrie.

»Verhaften Sie ihn! Sehen Sie nicht, dass meine Tochter einen Schock hat?! Der ist gefährlich! Schauen Sie keine Nachrichten?!«

Der Ladendetektiv drehte Pauls Arm in die entgegengesetzte Richtung, was seinen Oberkörper nach oben klappen ließ. Er musterte ihn.

Die Frau setzte nach. »Stellen Sie ihn sich ohne Bart vor.«

Die Augen des Ladendetektivs weiteten sich. Diesmal drehte er Paul den Ellenbogen mit erbarmungsloser Härte ins Kreuz. Paul klappte ab.

»Entschuldigen Sie bitte. Ich kümmere mich um ihn.« Er stieß Paul unnötig brutal zum Hinterausgang.

Verdreht, wie er war, konnte Paul sehen, wie die Frau noch mehrere Tüten Lakritz mitgehen ließ, während sie ihnen folgte.

»Wegsperren müssen Sie das Schwein! Wegsperren!«

Der Ladendetektiv stieß die Tür des Hinterausgangs auf. Die Frau rauschte mit ihrer Tochter an ihnen vorbei nach draußen.

Der Ladendetektiv stieß Paul hart aus der Tür, sodass er über seine eigenen Beine stolperte. In Zeitlupe sah er den Asphalt auf sein Gesicht zukommen. Dann kam der Schmerz. Und die Schokoriegel, die der Aufprall aus seiner Tasche schleuderte. Der schwarze Adjutant trat hart zu.

Paul hatte ihn zu oft freundlich gegrüßt.

DREIZEHN TEUFEL

Bestimmt stinkt es widerwärtig.

Wahrscheinlich schrumpft es.

Es wird zäh.

Wahrscheinlich beides.

Raphael starrte das große tiefrote Stück Fleisch an.

Gleich kommt ein Lebensmittelkontrolleur unangemeldet rein und fragt, was das ist. Und woher das ist. Dann lüge ich, er merkt es und nimmt es mit. Und dann bin ich für immer am Arsch. Wir sind alle am Arsch.

Seine Hand zitterte.

Gleich fliegen alle Kühlschranktüren auf.

Dreizehn Teufel springen heraus und reißen mich in die Hölle.

Raphael ließ das Fleisch in die Pfanne gleiten.

Feine Marmorierung, immerhin.

Er wartete angespannt.

Nach einer Minute duftete es nach feinem Filet, ein wenig nach Lamm, ein wenig nach Schwein. Und leckeren Röstaromen. Es schrumpfte kein bisschen.

Wüsste ich nicht, was es ist, wäre ich begeistert.

Raphael nahm das Steak aus der Pfanne und legte es in den Warmhalte-Garer, in dem er Fleisch für gewöhnlich bei fünfundsechzig Grad ruhen ließ. Nach acht Minuten nahm er es heraus.

Kein Lebensmittelkontrolleur war gekommen. Keine Kühlschranktür war aufgeflogen. Kein Teufel war herausgesprungen, um ihn in die Hölle zu reißen.

Bisher jedenfalls nicht.

Raphael prüfte das Fleisch mit einem geübten Druck seines Daumens.

Frank war sehr zart.

HUBERTINE

Nachdem der Adjutant der Spinne alle Aggression an ihm ausgelassen hatte, war Paul auf dem Asphalt liegen geblieben, um eine Art Systemcheck durchzuführen. Alles tat weh, aber offensichtlich waren keine vitalen Systeme beschädigt.

Steh auf! Du fühlst dich nur so scheiße wie sonst auch.

Er machte sich auf Richtung Werkstatt. Seine Rippen schmerzten von den Tritten, sein Gesicht war um den linken Wangenknochen herum geschwollen, und der trocknende Schorf spannte unangenehm auf den Schürfwunden, aber insgesamt tat ihm das Gehen gut.

Es war völlig anders, wenn man verprügelt wurde, als wenn man es selbst tat. Vielleicht, weil die Geringschätzung in den Schlägen des anderen mehr schmerzte als die Schläge selbst. Wenn man sich selbst schlug, tat es weh, aber es ließ sich besser aushalten. Man wusste ja ungefähr, wann man aufhören würde.

Paul konnte sich erinnern, dass er vor einiger Zeit über eine Morgenerektion so wütend geworden war, dass er sich selbst in die Hoden geboxt hatte. Da es nichts in seinem Leben gab, das eine Erektion verdiente, fühlte er sich von seinem Penis verhöhnt und hatte seine Hoden dafür bestraft. Nachdem er sich wimmernd auf der stinkenden Matratze gewälzt hatte, stellte er fest, dass die Hoden um das Vierfache angeschwollen waren. Er hatte gehofft, daran zu sterben, aber zu seiner Enttäuschung war die Schwellung nach drei Tagen abgeklungen. Immerhin hatte er eine Weile lang richtig Eier in der Hose gehabt.

Paul hatte das Hodenboxen noch einige Male praktiziert, es aber aufgegeben, als seine Morgenerektionen tatsächlich ausblieben. Das hatte ihm Sorgen gemacht, und noch mehr Sorgen zu haben, hatte ihn so wütend gemacht, dass er begonnen hatte, den Kopf gegen die Wand zu schlagen. Da, wo all die Probleme saßen. Er hatte sie sich aus dem Schädel rammen wollen.

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