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Abb. 1: Haus am Kaiser-Wilhelm-Ring in Oberkassel
»Eines Tages erscheint er zum Wochenende in Oberkassel. Vom Verandafenster her sehe ich ihn mit Arthur aus dem Schiff steigen, die Rheinwiese durchschreiten. Plötzlich ist mir’s, als ob eine Hand in mein Herz griffe, dessen Tempo auf Sturm umzuschalten. Wie ein Gebot erschlägt mich die Leidenschaft, ich bedenke nichts mehr, werde Carls Frau.«[50]
Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Der kreative Mann ist nicht nur Schriftsteller und Augenmensch, sondern auch noch durch und durch musikalisch. Abends wird gemeinsam musiziert, Carl singt mit einem wunderbaren Tenor, Thea begleitet ihn am Flügel, Arthur schläft erschöpft von der Arbeit ein. Thea ist auf einmal hellwach und voller Initiative. Sie beschließt, ihren schon lange geplanten Besuch bei ihrer Freundin Louisa Merck in Brüssel in die Tat umzusetzen. Seit ihrer Internatszeit liebt sie die belgische Metropole mit ihrem Grand Place und der Kathedrale St. Gudule, wo Rogier van der Weyden begraben liegt. Sie liebt die Malerei der frühen Niederländer und die Literatur der belgischen Symbolisten, Maeterlinck und Verhaeren, überhaupt die französische Sprache und Kultur. Ihr Blick aus dem Zugfenster gleitet über die vorbeiziehende Landschaft, die aufbrechenden Felder, das erste Frühlingsgrün, und ihre Vorfreude wächst. Auf halber Strecke in Aachen steigt Carl Sternheim zu ihr in den Zug. Losgelöst von Ehepartnern und Alltagswirklichkeit scheint der Widerspruch zwischen Schicksal und freiem Willen vorübergehend außer Kraft gesetzt. Einspruch werden andere erheben. Sie wohnen im Grand Hotel auf dem Boulevard Anspach, keine fünf Gehminuten vom Grand Place mit dem gotischen Rathaus entfernt. Als Thea zurück nach Düsseldorf fährt, ist sie schwanger.
Frisch kuriert wird Carl regelmäßiger Gast bei Löwensteins in Oberkassel. Am 1. April feiert man dort seinen Geburtstag, zu dem sich kurzfristig auch Eugenie aus München ankündigt. Es ist Karfreitag, aber auch ohne dieses dunkle Vorzeichen erfasst die eifersüchtige Ehefrau die unheilvolle Situation mit einem Blick. Es kommt zum Eklat, und die Ereignisse überschlagen sich im Stil eines Groschenromans: Der betrogene Ehemann droht, sich oder den Ehebrechern Gewalt anzutun, Carls Vater wird aus Berlin herbeitelegrafiert, Thea flieht zu ihren Freunden nach Neuss. Der Geschäftsmann Sternheim senior will seinem Sohn den Monatswechsel streichen und zeigt der verheirateten Geliebten die kalte Schulter, solange er noch nicht um deren wohlhabende Herkunft weiß. Ohne wirtschaftliche Unterstützung kommt für Carl eine Scheidung nicht in Frage, und auch Thea wagt ihren Eltern nach dem ersten Eheskandal kein weiteres Drama zuzumuten. Sie sieht keinen Ausweg, besorgt sich Schlaftabletten und schreibt einen Abschiedsbrief. Doch die ihr ergebene Kinderfrau, Dora Paradies, bricht den Schreibtisch auf, findet den Brief und alarmiert den wütenden Ehemann. Angesichts dieser Verzweiflung bleibt Arthur nichts anderes übrig, als einzulenken, mehr noch, in den Monaten Mai und Juni kommt es sogar zu einem harmonischen Einvernehmen zwischen Thea, Arthur und Carl. Letzterer wohnt im renommierten Hotel Dreesen in Rüngsdorf bei Bad Godesberg mit Blick über den Rhein und das Siebengebirge, kommt aber übers Wochenende nach Oberkassel. Im Rausch seines Liebesglücks beginnt er dort sein dramatisches Gedicht Ulrich und Brigitte zu schreiben, das er Thea widmen wird. In dem neuromantischen Liebesdrama über eine vermeintliche Geschwisterliebe, die sich erst im inzestuösen Vollzug als glücklicher Irrtum herausstellt, sucht Sternheim die der menschlichen Freiheit durch bürgerliche Regeln und Konventionen gesetzten Schranken zu überwinden. Es ist nicht schwer zu erraten, auf wen sich Ulrichs alias Sternheims schrankenlose Hoffnung im dritten Aufzug der zweiten Szene richtet:
in diesem Augenblick
füllt uns beide, dich und mich,
überwältigend der Gedanke,
der uns die Besinnung raubt:
plötzlich fiele jede Schranke,
was wir wollen, wär erlaubt.[51]
In diesem Augenblick scheint sich zumindest auf Arthurs Seite die Ehe-Schranke zu lockern, und manches Wollen wird, wenn auch nicht erlaubt, so doch geduldet, allzumal Thea unter Schwangerschaftsbeschwerden leidet und viel liegen muss. Bei gemeinsamen Ausflügen ruht sie sich auf den Rheinwiesen aus, an Arthurs Schulter gelehnt, Carls Kopf in ihrem Schoß liegend. In seliger Dreieinigkeit zieht Carl sogar in der zweiten Junihälfte nach Oberkassel, wo eine Reise der beiden Männer in das Sternheim’sche Sommerdomizil nach Tabarz im Thüringer Wald für Mitte Juli geplant wird. Mit dieser Reise beginnt für die Liebenden jedoch eine unabsehbare Zeit der Trennung, der die Nachwelt einen der aufregendsten Liebesbriefwechsel der Literaturgeschichte verdankt. Knapp 500 erhaltene Liebesbriefe aus zweieinhalb Jahren belegen bis auf wenige Unterbrechungen fast Tag für Tag den Beginn einer verhängnisvollen Affäre.[52] Immer wieder müssen postlagernde Schleichwege und vertrauenswürdige Hintermänner gefunden werden, um den heimlichen Briefwechsel aufrechtzuerhalten und noch heimlichere Treffen zu arrangieren. Im Strudel der Ereignisse wechseln Liebesbeteuerungen und verzweifelte Sehnsucht mit Betrachtungen über Literatur, Kunst und Philosophie. Aber im Zentrum des Strudels, der Thea und Carl wie eine Urgewalt erfasst, befindet sich ein Drittes, um das beide gleichermaßen kreisen: Sternheims Werk.
Kaum angekommen in Thüringen, schreibt Sternheim am 19. Juli 1904 vom Hotel Weißer Hirsch an seine geliebte Thea:
»Alles was in diesen Tagen kaleidoskopartig vorbeigegangen ist an mir, verbleicht vor der überwältigenden Erkenntnis gestern Abend im Bett: ich erkannte, daß ich auf Erden nur einen Verwandten besitze, der mir alles ersetzt. Dich.
[…] Dies ist nun ganz wahrhaftig der Wendepunkt meines Lebens gewesen. Mein Gott, wo war ich hingeraten! Ich hatte mich ja vollständig verloren und habe mich wieder, ganz und gar. Ich fühle mich durch Dich. Durch Dich einzig, [aber] Du hast mich gelehrt, an mich [zu] glauben, weil Du an mich glaubtest. Ein Wunder ist geschehen. Ein köstliches. Und ich bin glücklich.«[53]
Niemand kann einen unbekannten Dichter so glücklich machen wie eine liebende Frau, die an sein Talent glaubt. Die Seelenverwandte antwortet tags darauf aus ihrem Kölner Elternhaus am Hansaring, wo sich die Schwangere während der heißen Sommerzeit besser aufgehoben fühlt:
»[…] Du mein geliebtes Menschenkind, mußt mir immer bleiben, verstehst Du, und wie’s auch kommt Carl, für Dich ist ein grenzenloser Platz in meinem Innern, und Du magst kommen wie Du willst, als Mann oder Freund oder als einer der müde ist – immer und immer mach’ ich Dir auf und kann Dir sein, was Du willst: auch Mütterchen und Schwester. Du verstehst mich. Ich habe Dich lieb. Daran liegts und daran hängt alles.
[…] Ach – und Dein Kind, Dein Stück. Ich denke viel an Deine Arbeit, mit einer unnennbaren Zärtlichkeit. […] Und sie gleicht Dir Carl und ist doch anders wie Du; Dein Bestes und Dein Innerstes und das was göttlich in Dir ist. – Deine liebe, liebe Arbeit.
[…] Und denke Dir, ich glaube, daß Du und ich nun auf dem rechten [Weg] sind. Weil wir das Göttliche gefunden haben: das Ewige: Deine Kunst und mein Kind.
So eng verwandt ist sich beides, daß es sich gar nicht zu trennen vermag. Und birgt das Höchste in sich.«[54]
Von Anfang an unterscheidet Thea den Künstler von seinem Werk. Sie liebt nicht das Werk wegen seines Schöpfers, sondern sie liebt den Schöpfer wegen seines Werks. Und sie liebt ihn wegen des werdenden Kindes. Seine Kunst und ihr Kind – beides sind seine Geschöpfe. Sie ist die Empfangende.
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