»[…] Ich kann nicht. Gebe Gott: ich kann es nie mehr. Du sollst mein einziges Weib sein.«[90]
Die Tage werden spürbar kürzer, und an den langen Herbstabenden wird Arthur für Thea immer unerträglicher. Nur der Ausblick auf die sorgfältig als Besuch bei den Schwestern Ninie Hauman und Louisa Merck getarnte Reise mit Carl durch Belgien und Holland taucht die trübe Novemberstimmung in ein milderes Licht. Zehn gemeinsame Tage durch die flämische Kunstlandschaft, zurück an die Orte ihrer Anfangszeit, verlocken wie der Glanz des Goldenen Zeitalters und hinterlassen doch dunkle Schatten. Auf der Rückreise über Bremen schreibt Thea in ihr Tagebuch:
»Er sagt mir den zweiten Teil des Don Juan. Ich glühe!
Und wiederum hasse ich dieses Stück: Weil es ihm seine Kraft nimmt und Gott weiss wohin treibt.
Und doch liebe ich ihn grade um diese Schwäche, und weil er kein acht auf sich hat. Seine Seele liegt blank vor mir und ich muss vor diesem Manne knieen und anbeten. Und an ihn und in ihn glauben.«[91]
Und doch … wird zum wiederkehrenden Refrain, mit dem Thea ihren inneren Zwiespalt zu überwinden lernt. Carl wäre kein Dichter, wenn er nicht in diesen Kehrreim einzufallen verstünde. Zum 23. Geburtstag schickt er ihr ein Brieftraktat über die Definition des Kunstwerkes, das zum Manifest ihrer Liebe gerät. Sein ganzes Denken und Schreiben richtet sich nur noch auf Thea aus, die in der Ausschließlichkeit seiner Hinwendung die Bestätigung für ihre Zusammengehörigkeit findet: »[…] Es ist auch nicht sonderbar, daß wir Handschuh und Schuh miteinander tragen können. Selbes Maaß. Wie ein Gespann. Zwei Gleiche im Maaß. Und ziehn eine Last. Und gemeinsam!«[92]
Im Gleichmaß ihrer leidenschaftlichen wie künstlerischen Empfindungen bemüht sich Thea unaufhörlich um Verleger, Intendanten und Aufführungen seiner Stücke. Doch je kürzer die Tage werden, desto ungeduldiger werden Carls Briefe:
»[…] Ich will, ich darf nicht in Dich drängen, dem Unglück ein Ende zu machen, aber ich bitte Dich herzinnig laß mich Dich einen Tag von sieben endlos langen Tagen sehen. Dir ist alles versprochen worden, setze das wenigstens durch. Es ist kein Wunsch mehr – es ist stürmische Notwendigkeit.«[93]
Unter dem wachsenden Druck beginnt sich Thea mit Arthur über eine Trennung auseinanderzusetzen, ohne dabei auch nur Carls Namen zu erwähnen. Aber Arthur besteht darauf, in diesem Falle die Kinder zu behalten, was für Thea völlig inakzeptabel ist. Hilfesuchend wendet sie sich an ihren Kölner Anwaltsfreund Adolf Levinger, um sich juristisch beraten zu lassen. Trotz des quälenden Nebeneinanders findet Thea nicht den Mut zum endgültigen Bruch, da sie um keinen Preis bereit ist, auf die Kinder, insbesondere auf Carls Kind, zu verzichten. In seiner Verzweiflung schlägt Carl sogar eine Kindesentführung als Lösungsmöglichkeit vor. Doch Thea widersetzt sich standhaft seinem fortwährenden Drängen:
»[…] Du sagst mir: Da steckt Deine Pflicht. Da steckt sie! Aber wo anders auch. Ich kann Dir das nicht klar machen. Aus mir heraus nicht. Du willst da kein Einsehn haben! Aber Du nimmst mir jede Beherrschung und jede Kraft, ich stehe dann wie vor einem Berg der nicht zu übersteigen ist.
Ich bin nicht imstande dazu!«[94]
Aber Carl wird nicht müde, ihr beim Überwinden dieser Hürde namens Gewissenskonflikt zu helfen, der sie zu zerreißen droht:
»[…] Ich sage es Dir noch einmal mit allem Ernst und aller Wahrhaftigkeit: ich habe Dich nicht nur lieb – was haben wir nicht alles lieb? – ich brauche Dich für mein Leben. Weil nur Deine Gegenwart mir ein Maaß für alle Dinge des Lebens giebt, weil nur, Deinen Sinnen die Schönheits und Vernunftswerte dargebracht die ich finde, diese eben Werte für mich sind. Durch Deine Anerkenntnis.«[95]
Mitte Dezember bricht Thea schließlich Richtung München auf, um sich eine eigene Bleibe zu suchen, kehrt jedoch um, als Arthur seine ursprüngliche Zusage zurücknimmt, ihr Moiby zu überlassen. In ohnmächtiger Wut lässt Thea ihrer aufgestauten Verzweiflung freien Lauf und schleudert Arthur die ganze Wahrheit vor die Füße. Damit gibt es keinen Weg mehr zurück. Kurz vor Weihnachten verlässt Thea endgültig Mann und Kinder (Abb. 4). Um sie herum ist nichts als Dunkelheit und Kälte. Erst Wochen später kann sie die verhängnisvolle Abfolge der Ereignisse, die sie in ihren Grundfesten erschüttern, in Worte fassen:
»Es ging nicht mehr an.
Ich bespreche mich oft mit Arthur und will einen Ausweg in Güte finden; diese Unwahrhaftigkeiten, diese Sehnsucht richten mich zu Grunde. Und Karl drängt immer mehr, ich soll zu ihm kommen.
Ich will irgendwo allein wohnen. In Freiburg, vielleicht in Berlin, vielleicht in München. Er soll mir Moibylein lassen.
Arthur weiss nicht, dass Karl mein ganzes Herz ausfüllt.
Ich reise Anfang Dezember um mir Wohnung zu suchen nach München. In Grosshesselohe, in Solln glaube ich einiges zu finden, als von Arthur ein Brief ankommt, darin steht: ›Tue was du willst, aber Moiby kann ich dir nicht geben.‹
Am gleichen Tag reise ich zurück, bin abends in Oberkassel.
Als Arthur nach Hause kommt, kann ich mich nicht mehr halten. Ich sage ihm rückhaltlos, brutal alles, was mir auf dem Herzen gelastet in dieser Zeit – als ob er daran Schuld gehabt.
Er geht fort; noch am späten Abend.
– Nach einer furchtbaren Nacht war mir klar, dass ich nun gehen muss. Fort von meinen Kindern, von Moibylein. Als mein Wagen abfährt, winkt Wilhelmine mit den Kindern weinend am Fenster. Gott stehe mir bei!

Abb. 4: Arthur Löwenstein mit Agnes und Mopsa, 1907
Ich habe dann nichts mehr gefühlt, mir keine Rechenschaft mehr gegeben, nichts nichts! Aber ich habe unsagbar gelitten. Und Karl versteht das nicht so – wie kann das ein Mann auch verstehen?
In Berlin lernte ich seine Mutter kennen. Warum weiss denn diese Frau nicht, wie einem zu Mut ist, wenn man seine Kinder lässt?
Frau Dumont sagt mir: ›Sie müssen das Leid um die Kinder auf sich nehmen‹, so als ob man einem sagte: Ich habe gut geschlafen.
Kein Mensch ist mir beigestanden, kein Mensch, kein Mensch. Da habe ich des Lebens Jammer bis zum letzten erfahren, als ich so allein war. So allein.«[96]
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