Nach dem von Carl Gustav HempelHempel, Carl Gustav und Paul OppenheimOppenheim, Paul (»Studies in the Logic of Explanation«, in: Philosophy of Science 15, 1948) formulierten und von HempelHempel, Carl Gustav ( Aspects of Scientific Explanation and Other Essays in the Philosophy of Science , 1965, dt. Teilabdr. 1977) ausgearbeiteten deduktiv-nomologischen oder DN-Modell besitzen wissenschaftliche E. eine einheitliche Struktur: Die erklärungsbedürftige AussageAussage wird aus →NaturgesetzNaturgesetzen und der Beschreibung der vorliegenden Situationsumstände (den »Anfangs- und Randbedingungen«) logisch abgeleitet (→LogikLogik). Die E. des Eintretens einer Mondfinsternis würde also unter Verweis auf die Gesetze der Lichtausbreitung [87]und Planetenbewegung unter Anführung der betreffenden Konstellation der Himmelskörper gegeben. Die Beschreibung dieses Ereignisses ergibt sich deduktivDeduktion aus den genannten Prämissen. Eine DN-E. ist nur dann adäquat, wenn sie sich wesentlich auf NaturgesetzeNaturgesetze (nicht nur auf zufällige Verallgemeinerungen) stützt und ihre Prämissen empirischEmpirie gut bestätigt sind. Erklärung
Gegen das DN-Modell wurde eingewandt, dass es wegen seines universellen Anspruchs die Besonderheiten der E. durch UrsacheUrsachen verfehle. Wenn etwa zwischen UrsacheUrsache und WirkungWirkung ein eindeutiger, gesetzmäßiger Zusammenhang besteht, dann genüge die E. der UrsacheUrsache durch die WirkungWirkung den Anforderungen des DN-Modells nicht weniger als die E. der WirkungWirkung durch die UrsacheUrsache – immerhin folgt die Höhe eines Mastes nicht weniger aus der Länge seines Schattens als dessen Länge aus seiner Höhe. Dagegen sind nach allgemeinem Verständnis E. durch UrsacheUrsachen epistemisch ausgezeichnet. Erklärung
Nach Wesley SalmonSalmon, Wesleys ( Scientific Explanation and the Causal Structure of the World , 1984) viel rezipiertem Kausal-Mechanischem E.-Modell muss sich jede adäquate wissenschaftliche E. auf UrsacheUrsachen stützen und die kausalenKausalität Prozesse einbeziehen, die UrsacheUrsache und WirkungWirkung miteinander verknüpfen. Salmon zielt zunächst darauf ab, kausaleKausalität und nicht kausale Ereignisverknüpfungen voneinander abzugrenzen. Die Ausbreitung eines Lichtsignals von seinem Ursprung sei ein Kausalprozess, die Bewegung eines Lichtflecks senkrecht zur Ausbreitungsrichtung, etwa durch Drehen eines Scheinwerfers, sei ein Pseudoprozess. SalmonSalmon, Wesleys Kriterium lautet, dass allein KausalKausalitätprozesse in ihrem Verlauf modifiziert oder »markiert« und diese Markierung [88]anschließend ohne weitere Eingriffe beibehalten und übertragen werden können. Erklärung
In SalmonSalmon, Wesleys Ansatz sind KausalKausalitätbeziehungen grundlegender als Gesetze und E. Adäquate E. sind durch das Heranziehen von UrsacheUrsachen gekennzeichnet; umgekehrt sind kausale Prozesse unabhängig von E. zu identifizieren. Im DN-Modell gelten UrsacheUrsachen hingegen als Anfangs- oder Randbedingungen adäquater E., falls die entsprechenden Gesetze einen ZeitZeitverlauf beschreiben. UrsacheUrsachen sind demgemäß erklärendeErklärung Gründe. Bei SalmonSalmon, Wesley ist entsprechend eine adäquate E. dadurch charakterisiert, dass sie sich auf UrsacheUrsachen stützt; umgekehrt ist für HempelHempel, Carl Gustav eine UrsacheUrsache dadurch gekennzeichnet, dass sie in eine adäquate E. eingeht. Erklärung
Die Vereinheitlichungstheorie der E. stimmt in dieser Hinsicht mit dem DN-Modell überein, besteht aber gegen HempelHempel, Carl Gustav darauf, dass adäquate wissenschaftliche E. nicht auf der Basis isolierter Verallgemeinerungen angegeben werden können, sondern in der Einbettung besonderer Phänomene in größere Zusammenhänge oder Gesetzessysteme bestehen. So fügt etwa die Elektrizitätslehre auf den ersten Blick verschiedenartige Phänomene wie die Stromleitung in Metallen und die Gasentladungen in Leuchtstoffröhren in einen einheitlichen theoretischen Rahmen ein und lässt diese Phänomene als Teil eines größeren Ganzen verständlich werden. Durch eine solche Einordnung in Gleichartigkeitsbeziehungen werden Phänomene verstanden. Breit rezipiert wurde Philip KitcherKitcher, Philips (»Explanatory Unification«, in: Philosophy of Science 48, 1981) Version der Vereinheitlichungstheorie, die die Verwendung gleichartiger »Argumentationsmuster« in [89]unterschiedlichen Zusammenhängen in den Mittelpunkt rückt. Erklärung
Für Bas van FraassenFraassen, Bas vans ( The Scientific Image , 1980) pragmatische Theorie der E. ist charakteristisch, dass wissenschaftliche E. keine normierte Standardform besitzen. Sie zeichnen sich allein dadurch aus, dass die angeführten Sachinhalte dem wissenschaftlichenWissenschaft Lehrgebäude entstammen. Bei E. handele es sich um Antworten auf Warum-Fragen, die kontextabhängigen Anforderungen genügen. Im Einzelnen sind für van Fraassenvan Fraassen, Bas drei Aspekte maßgeblich: Fragegegenstand, Gegensatzklasse und Fragehinsicht bzw. E.-Relevanz. Eine adäquate Antwort auf eine Warum-Frage (›Warum ist der Draht verbogen?‹) hat dann die folgende allgemeine Form: Der Fragegegenstand (›Der Draht ist verbogen‹) liegt deshalb vor, im Unterschied zu Sachverhalten aus der Gegensatzklasse (›Der Draht ist gerade‹), weil ein bestimmter Umstand vorliegt (›Der Draht wurde erhitzt‹), der erklärungsrelevant ist, also die Fragehinsicht trifft. Erklärung
Martin Carrier
Martin Carrier: Salmon 1versus Salmon 2. Das Prozeßmodell der Kausalität in seiner Entwicklung. In: Dialektik (1998) H. 2. S. 49–70.
Joseph C. Pitt (Hrsg.): Theories of Explanation. New York [u. a.] 1988.
Wesley Salmon: Four Decades of Scientific Explanation. Minneapolis 1990. Nachdr. 2006.
– Scientific Explanation. In: Merrilee H. Salmon (Hrsg.): Introduction to the Philosophy of Science. Englewood Cliffs 1992. S. 7–41.
E.Ethik, in einem weiten Sinn verstanden, ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und Kriterien rationalen menschlichen →HandelnHandelns befasst (→VernunftVernunft). Im Zentrum der E. steht das spezifisch moralMoralische Handeln; die E. ist insoweit gleichbedeutend mit der MoralMoralphilosophie. Anders als Normen des →RechtRechts oder der Konvention richten sich moralische Forderungen oder MoralMoralnormen wie ›Man soll ein gegebenes Versprechen halten‹ nicht nur an die Mitglieder einer bestimmten →GesellschaftGesellschaft, sondern an jedermann. Insofern hat die zentrale Frage der MoralMoralphilosophie, wie MoralMoralnormen sich begründen lassen, auch einen hohen praktischen Stellenwert. Ethik
Mit Sicherheit lässt sich eine MoralMoralnorm dann begründen, wenn es eine Norm gleichen Inhalts gibt, die der MenschMenschheit vorgegeben sowie erkennbar ist (z. B. ›Man darf nicht ehebrechen‹). Dass es Normen dieser Art tatsächlich gibt, behauptet der ethische Kognitivismus . Seiner Sichtweise gemäß existieren vorpositive, universal geltende MoralMoralnormen, an denen der Einzelne ebenso wie die GesellschaftGesellschaft sich vernünftigerweise zu orientieren haben. Der Kognitivismus wird vornehmlich in zwei Versionen vertreten. Ethik
Laut der materialen Version sind es Normen mit bestimmtem Inhalt, die wir auf dem Weg der →IntuitionIntuition als dem MenschMenschen vorgegeben erfassen; danach ist es z. B. eine intuitive Erkenntnis, die mir sagt, dass man nicht lügen soll. Dass die meisten Mitmenschen offenbar dieselbe intuitiveIntuition ErkenntnisErkenntnistheorie haben, wird als weiterer Beleg für diese intuitionistische Sichtweise angeführt.
[91]Es mag tatsächlich der Fall sein, dass die meisten MenschMenschen ihre moralMoralischen Einstellungen spontan als intuitivIntuition gewonnene Erkenntnisse erleben. Trotzdem ist diese kognitivistische Deutung erheblichen Einwänden ausgesetzt. Erstens ist es schwer nachvollziehbar, wie, in einer RealitätWirklichkeit eigener Art, jedem menschlichen Wollen vorgegebene Sollensforderungen existieren können, die uns – ähnlich wie die Gegenstände unserer SinneswahrnehmungWahrnehmung – objektiv gegenüberstehen. Zweitens gibt es im Bereich moralMoralischer IntuitionIntuitionen neben einem beträchtlichen Maß an Konsens auch ein beträchtliches Maß an Dissens zwischen den MenschMenschen, z. B. in der Abtreibungsfrage oder der Frage der moralMoralischen Vertretbarkeit eines Präventivkriegs. Bislang ist es den Vertretern der intuitionIntuitionistischen Sichtweise nicht gelungen, eine Methode zu präsentieren, die es wenigstens im Prinzip ermöglicht, zwischen zutreffenden und unzutreffenden ›IntuitionIntuitionen‹ verlässlich zu unterscheiden. Ethik
Читать дальше