Nach dem Gesagten wird der Satz, daß die Juden überall auch nach ihrer formellen Gleichberechtigung eine Gruppe bilden, zur Selbstverständlichkeit. Denn das gleiche Element, das die Juden zu Juden macht, unterscheidet sie auch als Gruppe von ihrer Umgebung. Sie verlieren ihren Gruppencharakter erst dann, wenn sie die Restbestände ihres Judentums abgestreift haben, also aufgehört haben, Juden zu sein. *Daß diese Feststellung trotz ihrem analytischen Charakter viele naive Betrachter überraschen dürfte, zumal wenn weiter unten ihre weitreichenden Folgen sichtbar werden, ist nur ein Anzeichen dafür, wie wenig die Juden gewohnt waren, sich selbst als ein gesellschaftliches Phänomen zu sehen. Die meisten unter ihnen waren sich ihrer religiösen Sonderart bewußt und kannten im übrigen nur jüdische Individuen. Mit den Außenseitern oder Schädlingen in ihrer Gruppe leugneten sie jede wie auch immer geartete Gemeinschaft; nur wenn sich einige durch besondere Leistungen hervortaten, erwachte in den vereinzelten Juden ein sonderbar inkonsequenter Gruppenstolz. Welche verschiedene Dichte jüdische Gruppen während des Integrationsprozesses aufweisen können, wird uns klar, wenn wir die Charakteristika einiger jüdischer Landesgruppen miteinander vergleichen. Da steht etwa neben der kleinen und in schneller Auflösung befindlichen jüdischen Gruppe in Italien die noch bedeutend dichtere Gruppe der aschkenasischen Juden Englands. Von Italien sagte Ruppin anfangs der dreißiger Jahre 4, daß dort die jüdische Religion kaum noch irgendeine Bedeutung habe und die Mischehen das Judentum dezimierten. In Triest besuchten am höchsten jüdischen Feiertag nicht mehr als 10 % der Juden die Synagoge; Mischehen waren häufiger als rein jüdische Ehen. Den Rest des jüdischen Gruppenbewußtseins deutete Ruppin in dem folgenden Nachsatz an: „Auf meine Frage, weshalb die Juden in Triest denn überhaupt nominell noch Juden bleiben, erwiderte mir einer der Vorsteher: es schadet ihnen nicht, und sie wollen auf dem jüdischen Friedhof begraben werden. *“ Die aschkenasische Judenheit Englands dagegen, deren größerer Teil erst seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zugewandert ist, weist nicht nur in ihrer Berufsund Wohnortsgliederung, sondern auch in der durchschnittlichen Traditionstreue einen viel festeren Zusammenhalt auf.
Ebenso verschiedenartig wie die Dichte der Gruppen ist auch der Bestand dessen, was sie von der jeweiligen Umwelt unterscheidet. Doch besteht zwischen beidem ein Zusammenhang. Auch die jeweilige Verschiedenheit oder die Mischung von Verschiedenheiten einer einzelnen jüdischen Gruppe ist ziemlich genau durch die Entfernung bestimmt, die sie auf ihrem Weg vom Ghetto bis zum Endstadium völliger Einfügung in die Umwelt zurückgelegt hat. Bei ihrer Entlassung aus dem Ghetto umfaßt ihr eigentümlicher Gruppencharakter gewöhnlich nahezu alle Lebensgebiete vom Religiösen bis zum Zivilisatorischen; ihre Sprache und Bildung entspricht fast ausschließlich dem jüdischen Kulturkreis. In einer zweiten Entwicklungsstufe, die etwa mit der zweiten Generation nach der formellen Emanzipation übereinstimmen dürfte, sind schon einige Bildungselemente der Umwelt in die im übrigen noch strikt von ihr abgetrennte Gruppe eingedrungen; eine Angleichung der äußeren Lebensgewohnheiten geht langsam vonstatten, und es herrscht Doppelsprachigkeit: man spricht jiddisch und die Sprache der Umwelt. Dagegen ist das religiöse Leben mit seinem traditionellen Inhalt noch nahezu intakt. Langsam wird die berufliche Basis durch Eindringen in solche Berufe erweitert, die bisher den Juden rechtlich verschlossen waren. In einer dritten Stufe ist die Sprachenfrage eindeutig zugunsten der Landessprache entschieden. Weltliche Bildung herrscht so gut wie ausschließlich. Die kulturellen Inhalte des Judentums sind fast völlig den Kultureinflüssen der Umwelt gewichen. Nur das religiöse Bekenntnis bindet die Juden dieser Stufe subjektiv noch an das Judentum; aber selbst der religiöse Kult hat viele Umweltselemente in sich aufgenommen, er ist zunehmend „europäisiert“ worden. Die Juden dieser Stufe verteilen sich auf viele berufliche Bereiche, doch folgt diese Verteilung gemäß der früheren monopolartigen Stellung im Kleinhandel und Geldgeschäft, von der sie ihren Ausgang nimmt, einer bestimmten Richtung, die die Juden wiederum vorzugsweise in einigen wenigen Berufsarten zusammenführt. Unter diesen steht der Handel, und zwar sowohl der Waren- wie der Geldhandel weiter an erster Stelle, aber auch bestimmte Zweige der Fertigwarenindustrie, einige neue erschlossene Industrien und die freien Berufe nehmen einen wichtigen Platz ein. Was uns in diesem Zusammenhang am meisten interessiert, ist die Tatsache, daß die jüdische Berufsgliederung gemäß „dem Gesetz, nach dem sie angetreten“, auch in der Stufe einer sonst weitgehenden Eingliederung in die Umwelt sich zwar erweitert und vervielfältigt, daß sie aber weiter starke Anomalien aufweist. Aus ihnen und auch aus dem Zusammenströmen der Juden in den Großstädten erklärt sich die Bewahrung und zugleich die Neuerwerbung von kulturellen Eigentümlichkeiten, welche die Juden dieser Stufe auch abgesehen von ihrer Religion noch weiter von ihrer Umgebung unterscheiden.
Zu einer noch stärkeren Auflösung der jüdischen Gruppensubstanz ist es nur in kleineren jüdischen Landesgruppen gekommen, so wie schon erwähnt in Italien, in Frankreich und in den skandinavischen Ländern. In Deutschland hat es Ansätze zu einer noch über das Stadium der dritten Stufe hinausführenden Assimilation vor allem in Berlin vor, in und unmittelbar nach dem ersten Weltkriege gegeben. Sie äußerten sich in völliger Indifferenz gegenüber der jüdischen Tradition und der jüdischen Gruppenproblematik selbst. Sie sind jedoch für das Wesen der deutsch-jüdischen Mehrheit nicht charakteristisch geworden. Die überwältigende Mehrzahl der deutschen Juden befand sich vor der Katastrophe in dem dritten Stadium.
Einige der bisher geschilderten Züge – vor allem die allmähliche Desintegration einer mit einer Mehrheit in Kontakt tretenden Minderheit, sowie der Widerstand der Mehrheit gegen die Minderheit in einer Konkurrenzwirtschaft – haben für den Kontakt zwischen einer Minderheits- und einer Mehrheitsgruppe ziemlich allgemeine Geltung; doch kommt bei dem durch die Emanzipation der Juden geschaffenen Kontakt ein besonderer Faktor hinzu, der höchst charakteristisch ist. Es ist der Faktor der jüdischen Wanderungen.
Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte fortgesetzter Wanderungen. Diese Tatsache ist eine der vielen Eigentümlichkeiten der jüdischen Existenz; sie ist aufs engste verwoben mit dem großen Rätsel der jüdischen Erhaltung. Nicht umsonst trägt die legendäre Figur des Ahasver zugleich die Züge des Wanderns und des ewigen Lebens. Nachdem bis etwa zur Mitte des 17. Jahrhunderts eine west-östliche Richtung in der jüdischen Wanderung vorgeherrscht hatte, kehrte sich diese Richtung mit dem Jahr 1648 und entschiedener mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts 5um. Am Ende des 18. Jahrhunderts lebten in Osteuropa, im ehemaligen Königreich Polen und seinen Nachbarländern, 1½ Millionen von den damals lebenden insgesamt etwa 2½ Millionen Juden, also 60 %. 6Als im Jahre 1850 die Zahl der Juden auf 4¾ Millionen gestiegen war, betrug der Anteil der osteuropäischen Juden mit 3,4 Millionen sogar 72,1 %, und noch im Jahre 1925 lebten 7,6 Millionen Juden bei einer Gesamtzahl von 14,8 Millionen, also 51,2 % in den entsprechenden Gebieten. 7So stark also hatte sich selbst in dieser letzterwähnten Periode der osteuropäische Anteil an der jüdischen Gesamtbevölkerung behauptet, obgleich zwischen 1880 und 1925 fast 4 Millionen Juden von der ost-westlichen Wanderung ergriffen worden waren.
Die osteuropäischen Juden unterschieden sich während der ganzen Periode ihrer Westwanderung von den jüdischen Gemeinschaften, zu denen sie hinströmten, durch einen niedrigeren Lebensstandard. Dieser Unterschied war in der Tat das hauptsächliche Motiv, das – zeitweise neben Verfolgungen – den Wanderungsprozeß in Gang setzte. Die osteuropäischen Juden waren noch nicht emanzipiert und lebten im wesentlichen in rein jüdischen Siedlungen in völliger Isolierung. Ihr kultureller Status entsprach demnach noch der „ersten Entwicklungsstufe“. Die Berührung der osteuropäischen Juden mit den in den Einwanderungsländern bestehenden Gemeinden wirkte überall verzögernd auf den Assimilationsprozeß. Obgleich die alteingesessenen Gruppen sich den Neueinwanderern gegenüber mehr oder minder ablehnend verhielten, weil sie fürchteten, von ihren nichtjüdischen Mitbürgern mit diesen identifiziert zu werden, konnten und wollten sie doch einen Kontakt nicht völlig vermeiden. Mochte dieser Kontakt zunächst auch nur auf karitativem Gebiete liegen und nur vereinzelt darüber hinausgehen, so war doch schon die Tatsache eines neu entstehenden jüdischen Gemeinde- und Vereinslebens, neuer jüdischer Siedlungen in bestimmten Städten oder Stadtvierteln, ja schon die Vergrößerung der jüdischen Gruppe selbst für die eingesessenen Juden nicht bedeutungslos. Derartige sichtbare Anzeichen einer lebendigen jüdischen Gemeinschaft brachten in der Tat die nichtjüdische Umwelt in vielen Fällen erst wieder zum Bewußtsein einer „Judenfrage“, die in einer gefürchteten aber unvermeidlichen Identifizierung auch die einheimischen Juden wieder als Juden erscheinen ließ. Aber das war nicht die einzige Folge, durch die die Zuwanderung von unassimilierten Juden den Normalisierungsprozeß verzögerte. Eine weitere Folge war, daß die im Einwanderungsland bereits stark verdünnte jüdische Substanz durch sie eine erhebliche Anreicherung erfuhr. 8Blieb diese im Frühstadium der Zuwanderung auf die einwandernde Gruppe beschränkt, so fand doch in der nächsten Generation bereits ein gewisser gesellschaftlicher Kontakt mit wirtschaftlich aufsteigenden Familien statt. Er bewirkte trotz der auch unter den Einwanderern bereits einsetzenden Abschleifung eine ständige Erinnerung an frühere Stadien der Assimilation und bereitete gegen eine durch die Zuwanderung ausgelöste verstärkte Abstoßung der Umwelt sozusagen eine zweite Verteidigungslinie vor, eine Linie, in der das aufgefrischte jüdische Bewußtsein den enttäuschten jüdischen Assimilanten für seine partiellen Mißerfolge entschädigte. 9
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