Anfang 1992 wurde die Aralsee-Region (473 000 km 2) von den betroffenen ehemaligen Sowjet-Republiken zum Katastrophengebieterklärt. Hier leben 3,8 Mio. Menschen. Die Belastung und Vergiftung des Trinkwassers wie auch die Belastung durch aufgewehte, kontaminierte Stäube haben zahlreiche infektiöse Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes und der Atmungswege nach sich gezogen; ebenso stieg die Zahl der Krebserkrankungen signifikant. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist drei- bzw. viermal so hoch wie im europäischen Teil der ehemaligen UdSSR (Giese 1997).
Vom trockengefallenen Seeboden und seinen Randlandschaften gehen auch Fernwirkungen aus, die letztlich den laufenden Klimawandel noch akzentuieren: Salze und Stäube werden mit den westlichen Winden in die vergletscherten Einzugsgebiete von Amu und Syr Darja eingetragen, wo sie die Schnee- und Eisflächen zu schnellerem Abtauen bringen. Zudem werden die Giftstoffe aus der Landwirtschaftsproduktion in andere Ökosysteme eingetragen.
Die Aralsee-Region selbst ist großräumig zur anthropogenen Salzwüstegeworden und weite Flächen entlang der Zuflüsse wandeln sich zu versalzten Wüstenböden. Flächen werden von Sand und Staub überweht. Eine natürliche Regeneration ist kaum möglich (Näheres s. Giese et al. 1998; Opp 2004, 2007). Ähnliche Prozesse, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, spielen sich an vielen Wüstenrändern und Wüstenbecken ab, wo Bewässerungsprojekte z. T. planlos und unsachgemäß installiert wurden. Damit verbunden ist Verlust an potenziell tragfähigem Substrat durch Versalzung und an großen Mengen fossilen Wassers, dass verschwenderisch eingesetzt wird.
Die ausufernde Literatur zum weltweiten Phänomen kann hier keine gebührende Berücksichtigung finden. Es sei hier stellvertretend auf einige Arbeiten zum Problem der Desertifikationverwiesen: Dregne 1983, Geist 2005, Ibrahim 1980; Mensching 1980, Mensching & Seuffert 2001, Reynolds & Stafford Smith 2002, Seuffert 2001.
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5 Verbreitung und Flächenanteile der Wüsten
Wüstenumfassen mit fast 30 000 000 km 2etwa ein Fünftel der globalen Festlandsfläche. Nimmt man die semi-ariden Gebiete hinzu, so gehören 31 % der Kontinentoberflächen zu den Trockengebieten (Tab. 5; Abb. 14). Wenn immer wieder abweichende Angaben zu Flächen oder prozentualen Verhältnissen auftreten, so ist auf die eingangs angesprochene international unscharfe und uneinheitliche Definition von Wüste, Halb-/Randwüste, Wüstensavanne usw. zu verweisen (Kap. 2). In diesen Naturräumen gibt es keine Grenzen, sondern nur fließende Übergänge, Grenzsäume. Zudem sind in den letzten Jahrzehnten die Trockengebiete und Wüsten durch den Prozess der anthropogenen Desertifizierung noch deutlich gewachsen (s. Kap. 4.8), sodass sich die ökologischen wie statistischen Kennzeichen dieser Räume ständig ändern. Grob genommen kann man bei den Trockengebietenvon etwa 50 Mio. km 2und damit von einem Drittel der Festlandsfläche ausgehen.
Abb. 14
Flächenanteile der Trockengebiete und ihre Differenzierung nach dem Grad der Aridität (aus Giessner 1988).
Tab. 5 Die Trockengebiete der Erde, differenziert nach Flächenausdehnung und Ariditätsgrad (aus Giessner 1988)
Kontinentale Zuordnung |
Gesamtfläche Kontinent/Subkontinent (in km 2) |
Davon: |
Trockengebiete gesamt |
Semi-aride Region |
Aride Region |
Hyperaride Region |
km 2 |
% |
km 2 |
% |
km 2 |
% |
km 2 |
% |
Amerika |
Nordamerika Zentralamerika und Antillen Südamerika Amerika gesamt |
21.080.000 882.00 17.755.000 39.917.000 |
2.340.800 4.410 1.597.950 3.943.160 |
11 0,5 9 10 |
1.489.600 0 1.420.400 2.910.000 |
7 0 8 7,5 |
425.600 0 355.100 780.700 |
2 0 2 2 |
4.256.000 4.410 3.373.450 7.633.860 |
20 0,5 19 19,5 |
Afrika |
Afrika nördlich des Äquators Afrika südlich des Äquators Kontinental. Afrika gesamt Madagaskar Afrika gesamt |
19.471.906 9.736.094 29.208.000 589.000 29.797.000 |
4.089.120 1.314.360 5.403.480 53.010 5.546.490 |
21 13,5 18,5 9 18,5 |
6.425.760 876.240 7.302.000 23.560 7.325.560 |
33 9 25 4 24,5 |
4.381.200 146.040 4.527.240 0 4.527.240 |
22,5 1,5 15,5 0 15 |
14.896.080 2.336.640 17.232.720 76.570 17.309.290 |
76,5 24 59 13 58 |
Asien |
42.365.000 |
6.354.750 |
15 |
8.049.350 |
19 |
1.270.950 |
3 |
15.675.050 |
37 |
Australien |
7.703.850 |
2.234.120 |
29 |
3.928.960 |
51 |
0 |
0 |
6.163.080 |
80 |
Europa |
10.032.100 |
752.500 |
7,5 |
200.500 |
2 |
0 |
0 |
953.000 |
9,5 |
Kontinentale Gesamtfläche |
129.814.950 |
18.741.020 |
14,5 |
22.414.370 |
17 |
6.578.890 |
5 |
47.743.280 |
36,5 |
Weitere Regionen(Grönland, Arkt. Regionen, Indonesien, Neuseeland, Antarkt. Regionen, Ozeanien, etc.) |
22.418.050 |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
Terrestrische Gesamtfläche |
153.233.000 |
18.741.020 |
12,2 |
22.414.370 |
14,6 |
6.578.890 |
4,2 |
47.734.280 |
31 |
In dieser Dimension ist die Trockenzone die größte Naturlandschaftszone der Erde (Giessner 1988). Die polaren Kältewüsten sind in dieser Relation nicht enthalten. Auf den warm-gemäßigten Subtropenraum entfällt der höchste Anteil, zu dem der zonale altweltliche Trockengürtel mit seinen zahlreichen Wüsten gehört: Nördliches Afrika – Arabische Halbinsel – Vorderer Orient (Abb. 8). Weite Bereiche der kühlgemäßigten, kontinentalen Zone sind semi-aride und aride Gebiete mit teils extremen Wüsten (Abb. 11). Im Vergleich dazu fallen die Trockengebiete der randtropisch-heißen Zone flächenmäßig weit kleiner aus. Quantitative Angaben können Tab. 5 entnommen werden. Abb. 14 bietet einen Vergleich der absoluten Flächen von semi-ariden Gebieten sowie ariden und hyperariden in Bezug zur zugehörigen Kontinentfläche. Besonders beeindruckend ist das nördliche Afrikamit ~15 Mio. km 2bzw. knapp 77 %. Asienhat absolut gesehen mit 15,7 Mio. km 2eine absolut etwas größere Fläche aufzuweisen, in Relation zur Gesamtfläche machen die Trockengebiete aber nur einen Anteil von 37 % aus. Australien ist zwar zu 80 % Trockengebiet, erreicht aber mit gut 6,1 Mio. km 2nicht einmal die Hälfte der nordafrikanischen Fläche.
Besonders interessant und aus geoökologischer Sicht bedeutsam ist der jeweilige Anteil der Wüsten(aride Räume mit <100 mm N/Jahr) und hyperariden Wüsten(Abb. 14): Besonders auffällig ist hier wieder die Sahara. Sie führt mit 22,5 % hyperaridem Anteil mit großem Abstand den Vergleich der Großräume an: „ Die Sahara ist die einzige Wüste der Erde, bei der ein großer zusammenhängender Trockengürtel klimatisch als hyperarid eingestuft werden kann. Sie ist die einzige hyperaride Kernwüste mit zonaler Dimension. An ihrem Ariditäts- und Kontinentalitätsgrad sind alle anderen Wüstengebiete der Erde zu messen. Die Sahara ist Ausnahme und Prototyp einer Wüste zugleich. “ (Giessner 1988: 160). Australien – oft als Kontinent der Wüsten apostrophiert – hat keinen statistisch relevanten Anteil an hyperariden Standorten.
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