Die theoretischen Annahmen zur Beziehung zwischen Sprache und Denken und Wirklichkeit lassen sich, verkürzt gesprochen, zusammenfassen in keine (UniversalismusUniversalismus), eine relative (RelativismusRelativität, sprachliche, Relativismus, Sapir-Whorf-Hypothese) und eine bestimmende (DeterminismusDeterminismus) Beziehung.
In der Folge zeigten vergleichende Studien und psycholinguistischePsycholinguistik, -isch Experimente immer mehr den Einfluss der Sprache auf das Denken. Die sprachphilosophischen Überlegungen sind für die gesamte Debatte um AsymmetrienAsymmetrie in und durch Sprache grundlegend, weil die relativistische Sicht sprachliche, kulturelle und biologische Systeme durchlässig macht und für einander öffnet. Gleichzeitig aber werden auch sprachtheoretische Begründungen ins Feld geführt, um die Verweigerung von Änderungen zu rechtfertigen (vgl. Kap. 5.3.3, 5.5).
4.2 Sprache, Macht, Manipulation
Meinungslenkung erfolgt im Rahmen eines Geflechts aus Sprache und Klischees, denn neben dem unbewussten Tradieren von Stereotypen durch Sprache gibt es bewusst eingesetzte lexikalische und grammatische Strategien, die zum eigenen Nutzen verschweigen, verschleiern oder beschönigen. Eine Bezeichnung wie religiöse Gemeinschaft ist neutralNeutralform, während Sekte negativ wertet. Ein und dieselbe Person kann beschützenswert und harmlos als junge Mutter Mutter oder aber abwertend als Partygirl bezeichnet werden. Thibodeau/Boroditsky (2015) zeigen, wie die Wahl der Metapher in einem Zeitungsartikel die Einstellungen der Rezipient/innen zu Gewalt und den Umgang damit lenkt. Während bei „Crime is a VIRUS ravaging the city of Addison“ (ibd.: 4/22) die Versuchspersonen das Problem analysieren und mit Sozialreformen und besserer Schulbildung beheben möchten, wollen sie sich bei „Crime is a BEAST ravaging the city of Addison“ (ibd.) wehren, die Einsatzkräfte der Polizei verstärken und härtere Strafen verhängen. Gezielt aktivierte Konnotationen dienen der Assoziations- und Meinungssteuerung (Elsen 2009). Solche nicht neutralen Begriffe arbeiten über einen Text verstreut noch wesentlich intensiver. Es kommt zu einem komplexen Geflecht, das auch zwischen den Zeilen wirkt (vgl. auch Lakoff/Wehling 2008).
Andererseits lassen sich aber auch eigentlich neutraleNeutralform Termini wertend verwenden. Wenn das oft genug geschieht, entwickeln sie die entsprechenden Konnotationen, also Zusatzbedeutungen, mit lexikalisiertem StatusStatus. Ehrlich/King (1994) zeigen, wie die Lexeme chairperson und spokesperson als gendergerechte Alternativen zu chairman und spokesman in den untersuchten Texten ausschließlich für Frauen gebraucht wurden und so ihre Aufgabe, genderneutral zu fungieren, verloren. Ms. als Parallele zu Mr. (anstelle von Miss vs. Mrs. ) wurde teilweise nur für geschiedene Frauen verwendet. Statt also wie Mr. auf eine Bestimmung des Familienstands zu verzichten, zeigte Ms. eine dritte Möglichkeit an, und die (für Männer durchaus interessante) sprachliche Unterscheidung zwischen verheirateten und nicht verheirateten Frauen scheint sich zu halten.
Um Texte zu verstehen, greifen wir neben dem lexikalisch-grammatischen auch auf unser Weltwissen zurück, denn Informationen stecken nicht nur in Wörtern und ihren Kombinationen, sondern zusätzlich in den Assoziationen, Metaphern und Interferenzen, die sich u.a. durch Stereotype aktivieren lassen. In dem Satz U. seufzte laut und lehnte sich fröstelnd an Manfred an können wir aus dem ersten Namen keine klaren Aussagen über das Geschlecht treffen. Da jedoch typischerweise Männer nicht so leicht frösteln wie Frauen, interpretieren wir U. als weiblich, obwohl es dort nicht steht. Wir nutzen die aus Erfahrung gewonnenen Wahrscheinlichkeiten, vgl. den folgenden Text, eine Anzeige, die eine Frau in einer Zeitung aufgibt:
Vor Kurzem bekam ich einen kleinen Welpen geschenkt. Er ist noch ganz klein und so süß. Aber mein Mann ist gegen Hunde und Katzen allergisch, deswegen kann ich ihn leider nicht behalten. Wer ihn haben möchte, solle sich bitte bei mir melden. Er ist 30 Jahre alt, 1,70 groß und heißt Karl-Heribert.
In diesem Text geben die PronominaPronomen er und ihn keine genauen Hinweise darauf, wer gemeint ist, da es zwei maskuline Referenten, Welpe und Mann, gibt. So sind die Leser/innen auf die Erfahrung angewiesen, die mit nicht behalten können typischerweise nicht auf Ehemänner zielt, wodurch der Bezug des Pronomens auf Welpe aktiviert wird. Die Leser/innen verstehen also ‚ich kann den Welpen nicht behalten‘. Der Schlusssatz wiederum zählt Eigenschaften auf, die sich nur schwer auf Hunde beziehen lassen, so dass dann doch mit ihn der Mann gemeint sein muss, denn Hunde sind wahrscheinlich nicht so groß, werden erfahrungsgemäß nicht so alt und heißen auch eher nicht Karl-Heribert. Von dem Effekt, dass zwei unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten aufeinandertreffen und die Frau ihren Ehemann abholen lassen will, lebt der Witz.
Auf lexikalischer Ebene beeinflussen Wortspiele, Euphemismen, Synonymie, Polysemie oder verwandte Begriffe mit gezielt anderer Konnotation oder Denotation die Veränderung der Perspektive, vgl. Ermordung aller Juden vs. Endlösung, Freiheitskämpfer vs. Terrorist , Täter vs. Mörder . In dem Satz das Krebsgeschwür des Feminismus Feminismus verbreitet sich immer weiter wird über das erste Nomen, die Krebs-Metapher, das semantischeSemantik, -isch Netz zur bösartigen und häufig tödlichen Krankheit eröffnet und auf den neutralen Terminus Feminismus übertragen. Weiter kommen unnötige Übertreibungen vor, vgl. es herrscht ein absolutes Vertrauensverhältnis .
Die Macht einzelner Wörter lässt sich am Beispiel der Begriffe Vergewaltigungsopfer und Vergewaltigungsüberlebende ( rape victim, rape survivor ) zeigen, ein Thema, bei dem es bedauerlicherweise auch zahlreiche männliche Opfer gibt. Hockett et al. (2014) führten verschiedene Experimente mit englischsprachigen Versuchspersonen durch. U.a. sollten Studierende fünf Charakteristika von rape victims und rape survivors benennen. Das Geschlecht wurde nicht erwähnt. Rape victims wurde zumeist assoziiert mit afraid, attractive, female , aber auch distrusting und young . Der Begriff rape survivors war sehr stark mit afraid und strong , weniger mit angry, distrusting oder depressed gekoppelt. Der Begriff ‚Vergewaltigungsopfer‘ ruft offenbar das Bild einer hübschen, eher schwachen Frau hervor. Außerdem ist rape victim häufiger mit Selbstverschulden und Machtlosigkeit assoziiert. Solche Personen werden auch mehr als Objekt gesehen, ‚Vergewaltigungsüberlebende‘ hingegen als aktiver, fähiger und stärker. Dazu gibt es Hinweise, dass mit Opfer und der damit verbundenen Hilflosigkeit ein Zustand assoziiert wird, während die Rolle als Überlebende ein Ergebnis ist. Am Opferstatus wäre dann kaum etwas zu ändern, während Überlebende über Hilfsmaßnahmen erreicht werden. Im Vergleich zu Frauen schreiben Männer einer rape victim häufiger die Schuld zu. Einer Frau who has been raped oder einer rape survivor wird weniger oft die Verantwortung für die Vergewaltigung gegeben als einer rape victim . Bewusste oder unbewusste Schuldzuweisungen hängen also auch mit den Begriffen zusammen. Der verfehlte Ausdruck und die dazugehörenden Assoziationen können darüber hinaus den Heilungsprozess und die Unterstützung durch andere behindern (Hockett et al. 2014).
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