Bedingungen des „Kirche-Seins“Eine Kirche kann von anderen Kirchen dann als christlich anerkannt werden, wenn sie den Glauben an den dreieinigen Gott bekennt. Dieser Glaube ist im bereits genannten BekenntnisBekenntnis Nicäno-Konstantinopolitanum BekenntnisNicäno-Konstantinopolitanum zusammengefasst und grundgelegt in der Heiligen Schrift. Die BibelBibel ist demnach die einzige textuelle Quelle der göttlichen OffenbarungOffenbarung. Andere schriftliche Offenbarungsquellen neben den biblischen Texten werden vom ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) nicht akzeptiert. Daraus folgt, dass eine Glaubensgemeinschaft, die Erkenntnisse aus einer Schrift neben der Heiligen Schrift als gleich- oder höherwertig ansieht, keine christliche Kirche im Sinne des ÖRK sein kann. Dies trifft z.B. auf die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), die Mormonen , zu, die neben der Schrift auch die Texte des Buches „Mormon“ als göttliche Offenbarungsquelle anerkennt. Obwohl sie sich selbst als „Kirche“ versteht, kann sie im Sinne des ÖRK aufgrund der zweiten textuellen Offenbarungsquelle nicht als „christliche“ Kirche angesehen werden. Sie wird daher als Sondergemeinschaft verstanden und ist deshalb kein Gegenstand einer KonfessionskundeKonfessionskunde.
Weiter definiert der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK), dass eine Kirche die frohe Botschaft verkünden und SakramenteSakrament feiern muss. Eine Kirche tauft auf die Formel aus Mt 28 („auf den Namen des Vaters, des Sohns und des Heiligen GeistHeiliger Geists“) und akzeptiert dergestalt ausgeführte Taufen in anderen Kirchen. Sie strebt weiterhin auch die allgemeine Anerkennung dieser anderen Taufen an. Eine Kirche darf nicht exklusiv das Heil an sich binden. Es soll anerkannt werden, dass der Heilige Geist auch in anderen Kirchen wirken kann. Die Souveränität Gottes, der sich auch anderer Kirchen bedienen kann, um sein Heil zu schaffen, muss akzeptiert werden. Dabei bedarf es keines Abrückens vom eigenen Kirchenverständnis. Eine Kirche sollte lediglich anerkennen, dass es andere Kirchen neben ihr gibt, die für sich gleichfalls in legitimer Weise das Anliegen beanspruchen, Kirche Jesu ChristiJesus Christus zu sein.
Mit der Definition von Kirche durch den ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) ergeben sich eine theologische und eine ekklesiologische Bestimmung, die der KonfessionskundeKonfessionskunde erlauben, ihren Gegenstandsbereich zu konkretisieren. Jede Kirche, die die biblische Gottesoffenbarung als exklusiven Grund ihres Glaubens an den dreieinigen Gott bekennt und die die legitime Existenz anderer Kirchen anerkennt, wird als christlich angesehen. Sonderlehren der verschiedenen Kirchen können insofern akzeptiert werden, solange sie diesen Rahmen nicht verletzen.
1.2 Konfessionskundliche Systematisierung
Die christlichen Kirchen sind Gegenstand der KonfessionskundeKonfessionskunde. Da diese versucht, wertneutral vorzugehen, ist bereits die Anordnung des Gegenstands eine zentrale Frage.
Der ÖRKÖkumenischer Rat der Kirchen (ÖRK) bezeugt seine Neutralität, indem er seine Mitgliedskirchen in alphabetischer Reihenfolge auflistet. Diesem Beispiel könnte eine KonfessionskundeKonfessionskunde folgen. Allerdings ist dieses lexikalische Vorgehen wenig geeignet, um die Zusammengehörigkeit bestimmter Kirchen zu zeigen, die ein leichteres Verstehen ihrer selbst ermöglicht.
Ein historischer ZugangZugangHistorisch?Konfessionskundliche Darstellungen wählen meist einen historischen ZugangZugangHistorisch, um die gewachsenen Beziehungen zwischen den Kirchen deutlich zu machen. Dieser ZugangZugang hat den Vorteil, eine klare, durch die Chronologie strukturierte Gliederung zu bieten. Problematisch dabei ist allerdings, dass bestimmte Kirchen anderen Kirchen historisch vorgeordnet werden, obwohl dies dem Selbstverständnis der zeitlich nachrangig behandelten Kirchen widerspricht. Werden z.B. die protestantischen Kirchen der Römisch-katholischen Kirche nachgeordnet, erweckt das den Eindruck, dass diese erst seit dem 16. Jahrhundert existierten, während die Römisch-katholische Kirche älter sei. Aber auch die protestantischen Kirchen berufen sich in ihrem Selbstverständnis auf die ersten Zeugen Jesu. Sie wollen gerade keine neue Kirche darstellen, sondern die Überlieferung der alten Kirche bewahren. Umgekehrt hat auch das Argument Gültigkeit, dass die Römisch-katholische Kirche in ihrer heutigen Gestalt das Ergebnis einer Entwicklung des 16. Jahrhunderts ist, da sie ihren Anfang als dezidiert römisch-katholische Kirche auf dem KonzilKonzil / Konziliarismus von TrientKonzil / KonziliarismusKonzil von Trient nimmt.
Weiterhin ist fraglich, welche Kirche(n) als älteste Kirche(n) angenommen werden sollte(n): die altorientalischen Kirchen oder die (Römisch-)katholische Kirche? Und auf welche Zeit sind deren jeweilige Anfänge zu datieren?
Außerdem steht bei einer historischen Betrachtung meist die Vorstellung im Hintergrund, dass es ältere Kirchen gibt, von denen sich jüngere abgespaltet hätten. Der negativ besetzte Begriff der Spaltung beinhaltet aber eine deutliche Wertung. Deshalb ist es zutreffender, von gelungenen Manifestationen kirchlicher PluralitätPluralität – Pluralisierung zu sprechen.
Der historische ZugangZugangHistorisch beruht letztlich auf der Vorstellung einer Kirche, die sich in verschiedene Zweige ausdifferenziert hat. Dabei wird aber die geglaubte Kirche des BekenntnissesBekenntnis implizit in die Wirklichkeit eingetragen und historisch verrechnet. Die Einsicht in die PluralitätPluralität – Pluralisierung des Christentums, das von Anfang an so vielfältig wie seine verschiedenen Zeugen und die daraus resultierenden Textcorpora ist, verbietet eine solche Vorstellung. Durch die Akzeptanz der dem Christentum genuin inhärenten Pluralität wird nicht nur die Vorstellung einer linearen Entwicklung und Ausdifferenzierung des ChristentumsAusdifferenzierung (des Christentums) verstellt, sondern auch die Zielvorstellung einer ÖkumeneÖkumene, die glaubt, eine Einheit des Christentums (wieder-)herstellen zu müssen.
Eine historische Anordnung der christlichen Kirchen ist aufgrund der genannten Aspekte für die KonfessionskundeKonfessionskunde schwierig, obwohl sie gleichfalls die historischen Prozesse, die zur Manifestation kirchlicher Gemeinwesen geführt haben, stets in die Betrachtung einbeziehen muss.
Ein quantitativer ZugangZugangQuantitativ?Ein weiterer ZugangZugang zum Gegenstand der KonfessionskundeKonfessionskunde kann anhand der Größe der Kirchen erfolgen. Die Kirche, die die meisten Mitglieder zählt, wäre am Anfang zu behandeln und so ergäbe sich eine Reihenfolge. Allerdings haben manche Kirchen (insbesondere die der → Pfingstbewegungund anderer christlichen BewegungenBewegung(en)) kein Interesse an der Erhebung von Mitgliederzahlen oder verfügen über keine Möglichkeiten, ihre Gläubigen statistisch zu erfassen. Generell können Mitgliederzahlen für viele Kirchen immer nur – mehr oder minder grob – geschätzt werden.
Die bisher besprochenen Varianten von Ordnungssystemen für die Betrachtung der christlichen Kirchen erweisen sich also als zu eng geführt. Unbefriedigend scheinen sie aber vor allem deshalb, weil sie keinen theologischen Zugriff bieten. Im Hinblick auf das Fach KonfessionskundeKonfessionskunde als Disziplin der Theologie ist gerade das bedauerlich. Diesem Mangel will die vorliegende Konfessionskunde abhelfen und ein dezidiert theologisches Kriterium als Ordnungsprinzip des Gegenstands einführen.
Ein theologischer ZugangZugangTheologischWieder ist beim BekenntnisBekenntnis einzusetzen: Es besagt, dass jede Kirche von sich behauptet, apostolisch zu sein. Die Apostolizität Apostolizität ist laut GlaubensbekenntnisGlaubensbekenntnis neben der Einheit, der Heiligkeit und der Katholizität ein Merkmal der Kirche.
Читать дальше