Diese Energie von Chénoa Maria, Clarissa und Solveig gehört zu den Geheimnissen des Familienclans. Diese Energie ist da, aber man redet nicht öffentlich darüber. Sie ist eine der Ursachen, warum sich der Familienclan in den letzten 70 Jahren in den Machtzentren der Welt festsetzen konnte, wie eine Zecke. Die Sicherheitsbeamten dienen nur dazu, den Mächtigen der Welt das Gefühl von Schutz zu vermitteln, das zu den üblichen Szenarien gehört, wenn wichtige Politiker auf Reisen sind. Sie sind für die Öffentlichkeit ein Zeichen von der Präsenz der Schutzmacht, die sich in unmittelbarer Nähe der Kirche allerdings friedlich, würdig angezogen, gut sichtbar, aber auch entschlossen präsentiert, dem feierlichen Rahmen entsprechend. Das Innenministerium hat allerdings vorgesorgt. Gut trainierte Beamte in voller Montur und bewaffnet mit Schnellfeuerwaffen stehen in Nebenstraßen bereit, um notfalls einzugreifen. Bei hohen Staatsbesuchen ist das üblich.
Leon ist nun schon ein alter Mann von 78 Jahren. Er kümmert sich um diese Dinge heute nicht. Er trauert wirklich, denn diese Freundschaft mit Bea hatte ein Leben lang bestanden. Sie hatten ihren Weg miteinander geteilt, und sie hatten so unendlich viel miteinander in Gang gebracht.
Es gibt ein geflügeltes Wort: wenn ein Mensch stirbt - so sagt man - tritt das Leben aus ihm heraus. Leon muss unwillkürlich lächeln. Das Leben tritt aus dem Körper heraus… übrig bleibt eine leere Hülle aus Zellen und Wasser, und das Leben? Wohin ist es hin gegangen? Leon kann mit Beas Seele reden. Bea kann ihm zuhören und sie kann seine Fragen beantworten. Ihre Seele ist dageblieben. Wenn Leon nach Bea sucht, und das hat er in den letzten Tagen ein paar Mal gemacht, findet er diese Seele, aber sie lebt nicht nur in ihm, sondern auch in der Erinnerung von vielen Millionen anderen Menschen fort, und sie bleibt für die Menschen noch lange sichtbar, die Bea besonders nahegestanden haben.
Während die Smartphones im Innern der Kuppelkirche verboten sind, um die Feier nicht zu stören, ist das draußen auf den Plätzen rund um die Frauenkirche ganz anders, obwohl die Veranstalter um Mäßigung gebeten haben.
Da klingeln Telefone, da werden Selfies und Filmaufnahmen gemacht, und da wird rege telefoniert, gesimst und getwittert.
Natürlich gibt es mehrere Fernsehteams, welche Bilder der Trauerfeier in die Welt liefern, auf dem Platz und in der Kirche, aber es gibt Tausende von Besuchern, die es sich nicht nehmen lassen, ihre eigenen Bilder zu machen.
In jeder Versammlung gibt es Neugierige und Schaulustige. So lästig das manchmal ist, so werden die Bilder der Veranstaltung noch einmal tausendfach verstärkt in die Welt verschickt, während die Feier noch in Gange ist. Über Facebook. Über Youtube. Über viele Kanäle von Social Media, und auch über die Seiten von Zeitungen, die ihre Nachrichten schon längst bevorzugt über ihre eigenen Online-Präsenzen verschicken. Über allem schwebt die Musik der Berliner Synfoniker, und webt die Besucher ein.
Auch Solveig und Clarissa, die mitten in der Menschenmenge stehen, die sehen und hören, was um sie herum geschieht. Sie beginnen ihre unsichtbaren Energiestrahlen zu verändern. Immer mehr Menschen schalten ihre Smartphones jetzt stumm, oder sogar ganz ab, und gegen Ende der Veranstaltung sieht man niemanden mehr telefonieren. Nur die professionellen Fotografen und die Filmteams des Fernsehens machen noch ihre Bilder, wie immer bei solchen Ereignissen.
Erinnerungen eines alten Mannes
Leon gestattet sich in diesem Rahmen den Rückblick auf seine Kindheit, als er Bea zum ersten Mal hatte spielen hören. Er denkt über die Geigen nach, die er einmal für Bea entdeckt hatte. Er erinnert sich an die Konzerte in der Frauenkirche, in Notre-Dame-de-Paris, im Chateau de Chambord, in der Carnegy Hall (New York), in Südamerika und an der Mailänder Scala. Er denkt an die Musicals, die Bea zusammen mit seiner Tochter Lara und mit der Startänzerin Helen entwickelt hat, und die den drei Künstlern zu Weltruhm verholfen haben.
Das ist lange her. Inzwischen hat sich der Clan aus Freunden wirklich überall verbreitet. Das Musikzentrum in Berlin und das Unternehmen der Mac Best Food Company sind nur Bausteine in dieser langen Erfolgsgeschichte der Unternehmungen, die alle zu der global aufgestellten Holding gehören, die zu dem Familienimperium zählen. Immer noch ist viel zu tun, auch wenn seine Tochter die Unternehmen der Familie jetzt führt, wie eine Göttin.
Der Familienclan gehört heute zu den mächtigsten Clans weltweit, und man wird sich diese Position nicht mehr nehmen lassen. Inzwischen sind neue Urenkelkinder da, welche in diesem Unternehmen irgendwann eine verantwortliche Rolle übernehmen werden. Dafür wird gesorgt. Leon gestattet sich auch einen Rückblick auf die letzten 70 Jahre. Es ist so unendlich viel geschehen, und seitdem seine Enkelkinder in das Geschehen hatten eingreifen können, hatte es gewaltige Fortschritte gegeben, schon durch die nummerische Anzahl der Helfer und Unterstützer.
Dennoch ist der Tod von Bea eine Cäsur. Sie war es, die in diesem Machtspiel der Kräfte nach außen wie eine einigende Figur gewirkt hatte. Gewiss, da waren noch die Videokünstlerin Lara und die Tänzerin Helen, aber Bea fehlte jetzt in diesem Triumvirat, und hatte bisher durch niemanden ersetzt werden können.
Rückblickend war das Leben von Leon in fünf verschiedene Phasen zu unterteilen. Da war zunächst die unschuldige Kindheit und Jugend, dann die Episoden der Entdeckung der Königsstadt in Peru und die Entwicklung des Musik- und Kulturzentrums in Berlin. Der nächste Schritt war das Engagement im Bereich der globalen Unternehmen und der Ausbau dieser globalen Rolle. Schließlich kam die Übergabe der Macht an seine Tochter Chénoa Maria, die genau genommen eine Mutation zwischen einem Erdling und einem Außerirdischen ist. Leon ahnt das, aber Einzelheiten sind selbst ihm immer verborgen geblieben. Es spielt auch keine Rolle. Chénoa Maria ist, wie sie ist. Eine begnadete Unternehmensführerin.
Erst mit diesem Wechsel war es gelungen, die Machtposition des Clans endgültig und weltweit zu sichern. Nun steht ein weiterer Wechsel bevor. Einige Freunde aus der Jugendzeit waren gestorben. Bea war eine dieser Freunde. Man würde diesen Verlust von Bea durch andere Aktivitäten ersetzen müssen, und die Zeichen stehen gut. Überall stehen neue Enkelkinder in den Startlöchern, um ihre Rolle in der Welt zu übernehmen. Überall sind neue Keimzellen der Macht entstanden, wie Satelliten. Der Clan der Familie hat ein dicht gesponnenes Netz aus Freunden, die zusammenhalten, wie Pech und Schwefel. Es ist ein wirklicher Geheimbund , der da über viele Jahrzehnte hinweg entstanden ist, und der nur ein Ziel hat, etwas Ordnung und soziale Gerechtigkeit in dieses Chaos zu bringen, das die Welt bestimmt. Einfach ist das nicht, denn die Begleit- und Folgeerscheinungen der menschlichen Dummheit und Gier haben diese Welt in eine Unordnung gestürzt, die neben wirtschaftlichen und sozialen Folgen, auch in der Natur ein gewaltiges Chaos hinterlassen haben.
Die Macht des Clans
Leon ist seit 17 Jahren mit Vera verheiratet, die jetzt in der ersten Reihe neben ihm sitzt. Vera ist immerhin 22 Jahre jünger als Leon, und erstaunlicherweise hat diese Liaison gehalten, obwohl Leon sich erst mit 60 Jahren in Vera verliebt hat. Vera ist jetzt 56 Jahre alt. Sie hat die Leitung eines der Unternehmen inne, die dem Familienclan gehören. Trotz all der Aufgaben und der Arbeit ist diese Beziehung zwischen ihnen immer noch von einer tiefen Liebe erfüllt. So selbstverständlich ist das nicht, aber das kennzeichnet die Rolle, die Leon in seiner Ehe, in ihrem Unternehmen und im Leben vieler Menschen spielt. Leon ist ein Player, ein Scout, ein Berater, und er ist immer noch das, was man in früheren Zeiten als Seher bezeichnet hatte. Ein Mann voller Weitblick und Entscheidungskraft, auch wenn er die Leitung der Firmengruppe längst an seine Tochter Chénoa Maria abgegeben hat.
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