einfach « fing schließlich an, mich verrückt zu machen. Ich möchte es hier als ein Phänomen konstatieren, daß ich mich an keine einzige Ausnahme erinnern kann: aber auch
jeder stellte die Frage. Und die meisten konnten augenscheinlich doch nicht das geringste Interesse daran haben; und ich weiß wahrhaftig nicht, was zum Teufel überhaupt jemand für ein Interesse daran haben kann. Aber alle fragten sie danach, vom ersten bis zum letzten. Und wenn der Frager vernommen hatte, ich hieße
einfach Dolgorukij, maß er mich für gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick, der deutlich zeigte, daß er selbst nicht begriff, warum er gefragt hatte, und entfernte sich. Meine Schulkameraden hatten die beleidigendste Art, mich danach zu fragen. Na, wie sind Schuljungen überhaupt gegen einen Neuling! Der verlegene und schüchterne Neuling ist am ersten Tag in der Schule (mag es sein, was für eine es will) das allgemeine Opfer: er wird kommandiert, er wird gefrozzelt, er wird wie ein Lakai behandelt. Irgend so ein gesunder, gemästeter Bengel pflanzt sich auf einmal, so recht zum Trotz, vor seinem Opfer auf und mustert es eine Zeitlang mit einem langen, strengen, hochmütigen Blick. Der Neuling steht ihm schweigend gegenüber, zieht ihm ein Gesicht, wenn er keine Memme ist, und harrt der Dinge, die da kommen sollen.
»Wie heißt du?«
»Dolgorukij.«
»Fürst Dolgorukij?«
»Nein, einfach Dolgorukij.«
»So, so, einfach! Schafskopf.«
Und er hat ja ganz recht: es kann gar nichts Dümmeres geben als Dolgorukij zu heißen, wenn man nicht Fürst ist. Diese Dummheit hängt mir ohne mein Verschulden an. Späterhin, als ich schon sehr böse darüber wurde, antwortete ich auf die Frage: »Bist du Fürst?« immer: »Nein, mein Vater ist Hofknecht und war früher Leibeigener.«
Und später, als meine Wut schon den höchsten Grad erreicht hatte, antwortete ich eines schönen Tages auf die Frage: »Bist du Fürst?« ganz brutal:
»Nein, ich heiße einfach Dolgorukij und bin der uneheliche Sohn meines Gutsherrn Wersilow.«
Das hatte ich mir schon in der sechsten Gymnasialklasse ausgedacht, und wenn ich auch sehr bald zu der festen Überzeugung gelangte, daß das dumm war, so konnte ich diese Dummheit doch nicht so schnell lassen. Ich weiß noch, daß einer von meinen Lehrern – es war übrigens der einzige – von mir sagte, ich wäre »erfüllt von den Rächerideen des dritten Standes«. Im allgemeinen wurden solche brüsken Äußerungen von mir mit einer gewissen Nachdenklichkeit aufgenommen, in der für mich etwas Beleidigendes lag. Endlich, eines schönen Tages, sagte mir ein Schulkamerad, der ein sehr heller Bursche war und mit dem ich mich höchstens einmal im Jahr unterhielt, sehr ernsthaft, aber doch ohne mich so recht anzusehen:
»Dieses Gefühl macht Ihnen natürlich alle Ehre, und es kann gar kein Zweifel bestehen, daß Sie das Recht haben, stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich es doch nicht so kolossal feiern, daß Sie unehelich geboren sind . . . Sie tun ja gerade, als wäre das ein besonderes Fest!«
Seit diesem Gespräch habe ich nicht mehr damit geprahlt, daß ich ein uneheliches Kind bin.
Ich muß noch einmal sagen, es ist sehr schwer, russisch zu schreiben: jetzt habe ich drei Seiten gebraucht, um zu erzählen, wie ich mich mein Leben lang über meinen Namen geärgert habe, und der Leser wird daraus sicher schon den Schluß gezogen haben, das ärgere mich deshalb, weil ich kein Fürst bin, sondern ein einfacher Dolgorukij. Aber mich hierüber noch einmal des näheren auszulassen und diesen Verdacht zu entkräften, das wäre unter meiner Würde.
Also, unter jenem Hofgesinde, das sehr zahlreich war, befand sich außer Makar Iwanow auch ein Mädchen, und dieses Mädchen war achtzehn, als der fünfzigjährige Makar Dolgorukij auf einmal die Absicht äußerte, es zu heiraten. Wie man weiß, wurden Ehen unter dem Hofgesinde zur Zeit der Leibeigenschaft nur mit Genehmigung, zuweilen auch direkt auf Anordnung der Herrschaft geschlossen. Zu dem Gut gehörte damals eine Tante; das heißt, es war keine Tante von mir, sondern selbst eine Gutsbesitzerin; ich weiß nicht, warum, aber sie wurde nicht nur von mir, sondern von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, auch von der Familie Wersilow, mit der sie wohl auch tatsächlich durch einen Scheffel Erbsen verwandt war. Sie hieß Tatjana Pawlowna Prutkowa. Damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und demselben Kreis ein Gut, das fünfunddreißig Seelen zählte. Sie verwaltete nicht gerade Wersilows Gut (fünfhundert Seelen), aber sie sah als Nachbarin ein bißchen nach dem Rechten, und wie man mir gesagt hat, soll das die Tätigkeit eines gelernten Verwalters vollkommen aufgewogen haben. Im übrigen kommt es mir gar nicht darauf an, ob sie was von der Landwirtschaft verstand oder nicht: ich will nur noch sagen, ohne ihr im geringsten schmeicheln zu wollen, daß Tatjana Pawlowna ein edler und, was noch mehr heißen will, ein origineller Mensch war.
Also, diese Frau legte den Heiratsplänen des finsteren Makar Dolgorukij (er soll damals finster gewesen sein) nicht nur nichts in den Weg, nein, im Gegenteil, sie förderte sie noch nach Kräften. Sophia Andrejewna (so hieß jenes achtzehnjährige Mädchen), das heißt meine Mutter, war schon seit einigen Jahren Doppelwaise; ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofknecht gewesen war und vor Makar Dolgorukij eine unbegrenzte Hochachtung gehegt hatte und ihm auch, ich weiß nicht aus welchem Grunde, besonders zu Dank verpflichtet gewesen sein muß, hatte vor sechs Jahren, als er im Sterben lag, auf seinem Totenbette, man behauptet sogar, nur eine Viertelstunde vor seinem letzten Atemzug, so daß man es zur Not auch für einen Akt der Unzurechnungsfähigkeit hätte erklären können, wenn er nicht als Leibeigener überhaupt schon rechtsunfähig gewesen wäre – er hatte also vor versammeltem Hofgesinde und im Beisein des Geistlichen laut und deutlich seinen letzten Willen kundgemacht, indem er, auf seine Tochter deutend, zu Makar Dolgorukij sagte:
»Ziehe sie auf und nimm sie dann zur Frau.«
Das hatten alle gehört. Was nun Makar Iwanow angeht, so weiß ich nicht, in welchem Sinne er später geheiratet hat, ob mit großer Freude oder nur, um eine Pflicht zu erfüllen. Am wahrscheinlichsten scheint es mir, daß er dabei den Schein des vollkommensten Gleichmutes gewahrt hat. Er war ein Mensch, der es schon damals verstand, »sich ins Licht zu setzen«. Nicht etwa, daß er belesen gewesen wäre oder eine Art Schriftgelehrter (obschon er die ganze kirchliche Liturgie und insbesondere viele Heiligenlegenden auswendig wußte, aber die hatte er mehr vom Hören behalten), nicht etwa, als ob er eine Art von bäuerlichem Räsoneur gewesen wäre, er war ganz einfach ein hartnäckiger Charakter, der darin oft sogar die Grenze des Hasardierers streifte; er redete mit der Absicht, Eindruck zu machen, er war unbarmherzig absprechend und führte infolgedessen selbstverständlich »ein vorbildliches Leben«, – wie er sich selbst merkwürdig genug ausdrückte, – so ein Mensch also war er damals. Natürlich gewann er sich auf diese Weise die allgemeine Achtung, aber leiden konnte ihn keiner, wie ich höre. Anders wurde die Sache später, als er den Hofdienst verließ; da sprach man von ihm nur noch als von einem Heiligen, der viel erduldet hätte. Das weiß ich als Tatsache.
Was nun meine Mutter betrifft, so hatte sie Tatjana Pawlowna bis zu ihrem achtzehnten Jahre bei sich behalten, trotzdem der Verwalter darauf drang, sie nach Moskau in die Lehre zu schicken, und hatte ihr eine gewisse Erziehung angedeihen lassen. Das heißt, sie hatte Nähen gelernt und Zuschneiden und sich fräuleinhaft benehmen und sogar ein klein bißchen Lesen. Richtig schreiben konnte meine Mutter nie. In ihren Augen war diese Ehe mit Makar Iwanow eine längst abgemachte Sache, und als es dazu kam, fand sie das alles ausgezeichnet und wünschte sich nichts Besseres; vor den Altar trat sie mit der Miene einer so vollkommenen Ruhe, daß sogar Tatjana Pawlowna damals äußerte, sie hätte Fischblut in den Adern. Alle diese Nachrichten über den Charakter meiner Mutter zu der Zeit habe ich eben von Tatjana Pawlowna. Wersilow kam genau ein halbes Jahr nach dieser Hochzeit auf sein Gut.
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