In diesem Buch werde ich darlegen, dass wir nicht mit einem Wirtschaftssystem weitermachen können, das von egoistischen Werten angetrieben wird, wie kurzfristige Gewinnmaximierung, die Umgehung von Steuern und Auflagen oder die Externalisierung von Umweltschäden. Stattdessen brauchen wir eine Gesellschaft, Wirtschaft und internationale Gemeinschaft, die darauf ausgerichtet ist, für alle Menschen und den gesamten Planeten zu sorgen. Konkret sollten wir von einem System des »Shareholder-Kapitalismus«, das in den letzten 50 Jahren im Westen vorherrschte, und einem System des »Staatskapitalismus«, das in Asien an Bedeutung gewann und auf das Primat des Staates ausgerichtet ist, zu einem System des »Stakeholder-Kapitalismus« übergehen. Das ist die Kernbotschaft dieses Buches. Im Folgenden werde ich aufzeigen, wie ein solches System aufgebaut werden kann und warum es so notwendig ist, dies jetzt zu tun.
Teil I( Kapitel 1bis 4) liefert einen Überblick über die globale Wirtschaftsgeschichte seit 1945, sowohl im Westen als auch in Asien. Er untersucht die wichtigsten Errungenschaften und Nachteile des Wirtschaftssystems, in dem wir leben, einschließlich des verstärkten Wirtschaftswachstums, aber auch der Ungleichheit, der Umweltzerstörung und der Schulden für zukünftige Generationen. Außerdem wird untersucht, wie gesellschaftliche Trends, wie z. B. die zunehmende politische Polarisierung, mit dem Zustand der Wirtschaft und unserer Regierungssysteme zusammenhängen. Teil II( Kapitel 5bis 7) befasst sich eingehender mit den möglichen Ursachen und Folgen der Probleme und Fortschritte unserer Volkswirtschaften. Hierbei wird untersucht, welche Rolle technologische Innovationen, Globalisierung und Handel sowie die Nutzung natürlicher Ressourcen spielen. Teil III( Kapitel 8bis 10) beschäftigt sich schließlich mit möglichen Veränderungen in unserem globalen Wirtschaftssystem. Er liefert eine Definition des Stakeholder-Kapitalismus und zeigt, was dieser in der Praxis für Unternehmen, Regierungen, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft bedeuten kann.
Im gesamten Buch habe ich versucht, fair und unparteiisch zu sein, sei es bei der Darstellung der globalen Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, ihrer möglichen Ursachen und Folgen sowie der Lösungen, die ich sehe, um in der Zukunft eine bessere Welt zu schaffen. Aber ich möchte gleich hinzufügen, dass die hier dargestellten Ansichten meine eigenen sind, zwangsläufig geprägt durch meine persönlichen Lebenserfahrungen. Über einige dieser prägenden Erfahrungen als Kind, Student und junger Berufstätiger spreche ich im ersten Kapitel dieses Buches. Ich hoffe, sie helfen Ihnen als Leser, meine Weltsicht zu verstehen, die auf der Überzeugung beruht, dass die besten Ergebnisse in einer Gesellschaft und Wirtschaft aus der Zusammenarbeit entstehen, sei es zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor oder zwischen Völkern und Nationen aus aller Welt.
Ich hoffe, dieses Buch inspiriert Sie, wer auch immer Sie sind, zum Aufbau eines solchen Systems beizutragen. Indem wir zusammenarbeiten, um ein Wirtschaftssystem aufzubauen, das auf Inklusivität, Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung beruht, können wir das Erbe von COVID-19 verändern. Auch wenn es zwangsläufig Tod und zerstörte Leben und Existenzen beinhaltet, kann es uns vielleicht helfen, uns in Richtung einer widerstandsfähigeren Welt zu orientieren. Und so hoffe ich, dass die Welt nach der Pandemie für unsere Generation das sein kann, was die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für die Generation meiner Eltern war: ein Moment der Einheit, in dem die jüngste Vergangenheit eine drastische Erinnerung an eine Welt ist, die niemand will, und wo Gegenwart und Zukunft die Chance bieten, eine Welt zu schaffen, in der alle ein erfolgreiches und erfülltes Leben führen können.
In den Jahrzehnten nach dem Krieg taten wir dies, indem wir gesellschaftliche Regeln im eigenen Land aufbauten – einschließlich einer sozialen Marktwirtschaft in Europa und einer »Great Society« in den USA. Wir haben auch ein multilaterales System geschaffen, das darauf abzielt, den Frieden zu erhalten, die Zusammenarbeit zu fördern und ein finanzielles Zuhause zu schaffen – einschließlich Institutionen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und der UN.
Nun hoffe ich, dass wir den Aufschwung nach COVID nutzen werden, um einen Stakeholder-Kapitalismus bei uns und ein nachhaltigeres globales Wirtschaftssystem auf der ganzen Welt zu etablieren.
Vielen Dank fürs Lesen,
Klaus Schwab
Genf, Dezember 2020
Teil I DIE WELT, IN DER ICH AUFGEWACHSEN BIN
1 75 Jahre globales Wachstum und Entwicklung
In den 75 Jahren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich die Wirtschaft weltweit rasant entwickelt. Dennoch lebt die Welt in zwei Realitäten.
Einerseits ging es uns selten so gut wie heute. Wir leben in einer Zeit des relativen Friedens und des absoluten Wohlstands. Im Vergleich zu früheren Generationen leben viele von uns länger und meist gesünder. Unsere Kinder können zur Schule gehen, oft sogar aufs Gymnasium, und Computer, Smartphones und andere technische Geräte verbinden uns mit der Welt. Noch vor ein oder zwei Generationen konnten unsere Eltern und Großeltern von unserem heutigen Lebensstil nur träumen, wie auch von dem Komfort, der mit dem Überfluss an Energie, dem technologischen Fortschritt und dem globalen Handel einhergeht.
Auf der anderen Seite sind unsere Welt und unsere Zivilgesellschaft von einer unerträglichen Ungleichheit und einem gefährlichen Mangel an Nachhaltigkeit geplagt. Die COVID-19-Gesundheitskrise ist nur ein Beispiel, an dem deutlich wird, dass nicht jeder die gleichen Chancen im Leben hat. Menschen, die mehr Geld haben, über bessere Verbindungen verfügen oder in gehobeneren Wohngegenden leben, waren weniger schwer von COVID betroffen; sie konnten eher von zu Hause aus arbeiten, dicht besiedelte Gebiete verlassen und erhielten eine bessere medizinische Versorgung, wenn sie sich doch ansteckten.
Dies ist die Fortsetzung eines Musters, das in vielen Gesellschaften nur allzu vertraut geworden ist. Die Armen sind immer wieder von globalen Krisen betroffen, während die Wohlhabenden diese viel besser überstehen.
Um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist – und wie wir aus dieser Situation herauskommen können –, müssen wir einen Blick auf die Ursprünge unseres globalen Wirtschaftssystems werfen. Wir müssen uns das Bild der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit wieder vor Augen führen und ihre Meilensteine betrachten. Der logische Ausgangspunkt dafür ist das »Jahr Null« für die moderne Weltwirtschaft: 1945. Und es gibt wahrscheinlich keinen besseren Ort, von dem aus man diese Geschichte erzählen kann, als Deutschland, für das dieses Jahr wirklich ein Neubeginn war.
Grundlagen der Weltwirtschaftsordnung in der Nachkriegszeit
Kinder wie ich, die 1945 in Deutschland in die Grundschule kamen, waren zu jung, um zu verstehen, warum das Land, in dem sie lebten, zuvor im Krieg gewesen war oder warum es in den nächsten Jahren zu so großen Veränderungen kommen würde. Aber wir verstanden nur zu gut, dass zukünftige Konflikte um jeden Preis vermieden werden sollten. Wie schon in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurde »Nie wieder Krieg« in ganz Deutschland zur zentralen Parole. Die Menschen hatten genug von Konflikten. Sie wollten ihr Leben in Frieden neu aufbauen und gemeinsam auf eine bessere Lebensqualität hinarbeiten.
Das würde nicht leicht werden, weder in Deutschland noch anderswo. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, lag das Land in Schutt und Asche. Kaum ein Fünftel der historischen Gebäude in den deutschen Großstädten stand noch. Millionen von Häusern waren zerstört worden. Schwaben, die Region in Süddeutschland, in der ich aufgewachsen bin, war da keine Ausnahme. In der am stärksten industrialisierten Stadt, Friedrichshafen, wurde fast jede Fabrik dem Erdboden gleichgemacht. Darunter auch die von Maybach und Zeppelin, zwei legendären Auto- und Flugzeugherstellern, deren Produktionskapazitäten während des Krieges von der NS-Regierung für militärische Zwecke genutzt wurden.
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