«Ich suche meine Frau, also meine Freundin.» Alex versuchte, so traurig wie möglich dreinzuschauen.
«Gehen Sie zu diesem Zelt. Dort ist ein Care-Team. Das hilft Ihnen weiter. Hier können Sie nicht bleiben.»
Glück gehabt, dachte Alex und war froh, dass er nicht seinen Sohn, den er in Wirklichkeit gar nicht hatte, sondern seine Lebensgefährtin erwähnt hatte. Wie geheissen, ging er Richtung Zelt, entdeckte dann aber einen Fasnächtler in einem giftgrünen Heuschrecken-Kostüm, der mit einem Mann sprach, der einen Cashmere-Mantel trug. Er fotografierte die beiden aus sicherer Distanz mit dem Gefühl, dass die beiden irgendeine wichtige Funktion hatten. Dann steckte er die Kamera in seine Tasche. Er rannte los. Er schrie: «Wo ist meine Frau? Wo ist meine Frau? Ist sie tot?»
Alex lief direkt auf die Heuschrecke und den Mann im Cashmere-Mantel zu: «Hilfe!» Die Heuschrecke reagierte zuerst. Sie kam ihm entgegen und sagte mit angenehm sonorer Stimme: «Beruhigen Sie sich. Ich bin Kommissär Kaltbrunner. Sie suchen Ihre Frau?»
«Ja, ist sie tot? Ist sie tot? Sagen Sie es mir, bitte!»
«Nein, nein, sie ist sicher nicht tot. Es gab keine Toten ausser der Attentäterin.»
«Ich muss die Tote sehen, vielleicht ist es meine Frau. Wer ist die Attentäterin? Wo ist sie?»
«Beruhigen Sie sich. Ich begleite Sie zu unserem Care-Team!»
«Ich brauche keine Scheiss-Psychologen. Ich brauche meine Frau! Mara, wo bist du?» Alex schrie aus Leibeskräften und liess sich dabei auf die Knie fallen: «Mara!»
«Hören Sie, Ihre Frau ist nicht tot. Die Frau, die getötet wurde, muss um die fünfzig gewesen sein, das konnten die Gerichtsmediziner bereits feststellen. Ich nehme nicht an, dass Ihre Frau so alt ist. Zudem gehen wir davon aus, dass es sich um eine geistig behinderte Frau handelt.»
«Sie müssen diese verdammte Fasnacht abstellen, bitte!»
«Ja, wir werden versuchen, sie abzustellen. Aber jetzt kommen Sie bitte mit.»
Alex liess sich von der Heuschrecke mit dem Namen Kaltbrunner hochziehen und versuchte, Tränen in die Augen zu drücken, was ihm aber nicht gelang. Dafür stöhnte er laut.
«Gehen wir?», fragte Kaltbrunner. «Ja, ich gehe. Ich gehe ins Spital. Wo muss ich mich melden?» Alex riss sich los und rannte Richtung Zelt des Care-Teams. Er blickte zurück und sah, wie sich die Heuschrecke wieder dem Mann im Cashmere-Mantel zuwandte. Dann rannte er Richtung Claraplatz und passierte die Polizeisperre ohne Probleme. Er rannte über den ganzen Platz und stoppte erst beim Restaurant Holzschopf. Er kramte sein Handy hervor und rief seinen Chef Peter Renner, die Zecke, an. Zehn Minuten später piepste sein Smartphone und meldete eine Breaking-News der «Aktuell» -App: «Attentäterin ist tot. Es soll eine geistig behinderte Frau um die fünfzig sein. Polizei will Basler Fasnacht abbrechen.» Nach wenigen Minuten piepste sein Handy mehrmals: Die anderen Online-Portale hatten die neuste Information ebenfalls per Breaking-News-App verbreitet und sich auf «Aktuell»-Online berufen.
Dann ging er den Claragraben entlang zum Wettsteinplatz, verliess das fasnächtliche Getümmel, erreichte die Grenzacherstrasse, wo Busse der Basler Verkehrsbetriebe standen und von Fasnächtlern und Besuchern gestürmt wurden. Alle wollten so schnell wie möglich aus der Innerstadt hinaus. Alex ging weiter und sah die ersten TV-Übertragungswagen, die mit «International Broadcast» oder mit bekannten TV-Stationen wie «ZDF» oder «Südwestfunk ARD» angeschrieben waren. Alle Katastrophen-Reporter waren da. Aber er, Alex Gaster, hatte gewonnen. Seine News über die Attentäterin war exklusiv. Wenigstens für kurze Zeit. Bald würde irgendein anderer Reporter eine neue Exklusivität vermelden.
CLARAPLATZ, BASEL
Auch Joël Thommen hatte die «Aktuell»-App abonniert und musste feststellen, dass sein Kollege Alex die Nase vorn hatte. Er war zwar als einer der ersten Reporter vor Ort gewesen, aber er war entweder am falschen Ort gewesen oder an die falschen Leute geraten. Vielleicht hatte er einfach Pech gehabt, oder er war zu wenig abgehärtet und brutal für solche Einsätze. Er war eigentlich ein Promi-Fotograf, für die Boulevard-Zeitung «Aktuell» war er erst seit Kurzem im Einsatz.
Die vielen Anrufe seines Chefs Peter Renner waren wenig erbaulich. Mach das und dies, hatte dieser ins Telefon gebrüllt. Aber für Joël war an jeder Polizeisperre Ende. Er hatte zwar viele Fotos geschossen und Videos gedreht, aber, und das wusste er, mit diesen Aufnahmen konnte er keinen Blumentopf gewinnen. Er war frustriert. Bis er hörte, wie ein Mann einem anderen Mann erzählte, er habe gesehen, dass eine Frau mit Stofftieren förmlich explodiert sei.
Als Joël den Mann ansprach, stellte sich dieser als Thomas Neuenschwander vor und erzählte, ohne dass ihn Joël danach fragte, dass er die Frau gekannt habe, die mehr oder weniger vor ihm explodiert war. Er sei Buschauffeur bei den Basler Verkehrsbetrieben und habe die Frau schon mehrfach in seinem Wagen gehabt. Sie sei eigentlich nett. Sie habe immer gesagt, sie würde nie jemandem etwas zu Leide tun. Und sie habe immer Stofftiere dabei gehabt. Im Arm einen Teddybären, im Rucksack einen Elefanten. Aber heute sei ein Hase im Rucksack gewesen, was ihn gewundert habe. Dann sei der Hase explodiert.
Joël notierte alles und machte ein Foto von Thomas Neuen- schwander. Dann rief er Peter Renner an, der an diesem Tag zum ersten Mal ein gutes Wort für ihn übrig hatte: «Gut gemacht!»
FÄRBERSTRASSE, SEEFELD, ZÜRICH
«Die Aktion ist bestens angelaufen, wie ihr sicherlich den Medien entnommen habt», tippte Kilian Derungs. «Wir starten Phase zwei.» Er klickte auf Senden. Rund fünfundzwanzig Empfänger in aller Welt, hauptsächlich aber in Europa, würden in diesem Augenblick die Nachricht empfangen. Wie ein Mail. Es war ja irgendwie auch ein Mail. Aber eben: Nur irgendwie. Kilian Derungs gönnte sich einen zweiten Cognac.
HOTEL BASEL, BASEL
Im fasnächtlichen Bermudadreieck rund um das Hotel Basel, am Fusse des Spalenbergs, hatte sich um 21.55 Uhr etwas wie eine Fasnachtsvollversammlung gebildet. Hunderte von Fasnächtlern standen da und diskutierten aufgeregt, wie es nun weitergehen solle.
Zuvor hatten sich die Regierung, die Staatsanwaltschaft, die Polizei und das offizielle Fasnachts-Comité an einer gemeinsamen Medienorientierung dafür ausgesprochen, die Fasnacht sofort abzubrechen. Da man sich bewusst sei, dass ein eigentliches Fasnachtsverbot kaum durchzusetzen wäre, handle es sich um eine dringende Empfehlung. Bis die grauenhafte Tat, die eine Tote und fünfunddreissig Verletzte gefordert habe – darunter dreizehn Kinder und Jugendliche – geklärt sei, müsse man mit erhöhter Terrorgefahr rechnen. Per sofort werde ein Grossaufgebot des Nordwestschweizer Polizeikonkordats im Einsatz stehen. Diskutiert werde auch, ob die Schweizer Armee zur Unterstützung angefordert werden solle. Kommissär Kaltbrunner hatte sich gegen den Ausdruck «Terrorgefahr» gewehrt, weil er nicht an einen Terroranschlag glaubte. Aber Staatsanwalt Fässler wollte es so. Kaltbrunner vermutete, dass Fässler sich damit profilieren wollte, immerhin wäre er dann ein Terroristenjäger.
Vor dem Hotel Basel waren die Meinungen über den Fasnachtsabbruch geteilt. Die einen standen unter Schock oder hatten Angst, die anderen wollten sich von einer Amokläuferin oder einer Terroristin oder einer gestörten Alten nicht einschüchtern lassen. Schliesslich sei die Basler Fasnacht schon immer etwas Aufmüpfiges gewesen, ein Ventil des Volkes gegen die Obrigkeit. Was das mit der jetzigen traurigen Lage zu tun habe, fragten die anderen.
Um 23.39 Uhr kam es fast zu einer Schlägerei, weil ein Politiker aufgetaucht war, dessen Name zwar niemand wirklich kannte, der aber auf eine Festbank vor dem Hotel Basel gestiegen war und schrie, dass die Fasnacht unbedingt weitergehen müsse, man solle auch an das lokale Gastgewerbe denken, dessen Verdienstausfall bei einem vorzeitigen Ende der Fasnacht viele Betriebe in den Ruin treiben würde.
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