Die Kleinbasler Beiz wurde durchgeschüttelt. Die Menschen, alles Kostümierte, die sich in den «Adler» gedrängt hatten, erstarrten. Die Bier- und Weingläser zitterten. Nur die Musikbox dröhnte weiter: «An Tagen wie diesen …» von der deutschen Rockgruppe die Toten Hosen hatte jemand gewählt.
Olivier Kaltbrunner sass mit Kollegen seiner Guggenmusik Ohregribler ganz hinten nahe der Theke. Sie hatten einen kurzen Marschhalt eingelegt. Kaltbrunner gönnte sich ein Bier. Es war nicht das erste. Das Wievielte es war, wusste er nicht. Aber das spielte an der Fasnacht auch keine Rolle.
«An Tagen wie…». Bis vor wenigen Augenblicken hatten noch etliche Gäste mitgesungen.
Jetzt zog jemand den Stecker. Doch still war es nur für einen Augenblick. Dann brach ein Tumult aus. Geschrei in der Gaststube, Leute drängten hinein. Andere rannten quiekend und brüllend vorbei Richtung Kaserne.
Kaltbrunner stand auf und bahnte sich mühsam einen Weg Richtung Ausgang. Es war ihm nicht wohl. Da draussen musste irgendetwas Dramatisches passiert sein. Obwohl er an der Fasnacht war und dafür Ferien genommen hatte – seinen Polizistenberuf konnte er in einem solchen Moment nicht vergessen. Vor allem nicht als Kommissär. Obwohl sein Team auch bestens ohne ihn funktionierte. Er ging hinaus in die Ochsengasse. Immer noch eilten ihm Menschen entgegen, andere rannten in die andere Richtung. Kaltbrunner marschierte los und gelangte zur Greifengasse. Dort sah er die ersten Menschen am Boden liegen und schreien. Polizei- und Sanitätssirenen kamen näher.
Kinder lagen am Boden. Kostümierte und Menschen in Zivilkleidung betreuten sie und riefen um Hilfe. «Sie werden gleich hier sein!», schrie Kaltbrunner. «Sie werden gleich hier sein! Ruhig bleiben. Bitte! Ich bin von der Polizei.»
Und dann passierte etwas, was ihm in seiner ganzen bisherigen Polizeikarriere noch nie passiert war: Er begann zu weinen.
REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN
«Ich liebe diese beschissene Fasnacht», schrie Jonas Haberer durch die ganze Redaktion. «Alle herkommen! Sofort! Das ist ein verdammter Befehl, Leute! Wir machen Fasnacht! Das ganze Blatt wird neu! Online-Fuzzis daher! Es gibt Arbeit. Pescheli, leg los!» Klack – klack – klack, und der Chefredaktor fläzte sich auf einen Stuhl und strich sich durch die halblangen, fettigen Haare.
«Es ist eine für schweizerische Verhältnisse ungewöhnlich dramatische Katastrophe passiert», begann Peter Renner. «Mach’s nicht so spannend, Pescheli. In Basel ist an der Fasnacht eine Bombe explodiert. Wie viele Tote gibt es?»
«Bisher ist nur von einem Toten die Rede. Mehrere Verletzte.»
«Waaas?», schrie Haberer. «Nur ein Toter? Was war denn das für ein beschissenes Bömbchen? Ein gepimpter Frauenfurz?» Haberer lachte schallend und schüttelte sich. «Jonas!», schrie Peter Renner, was alle Journalisten zusammenzucken liess. Peter Renner war nicht der Typ, der laut wurde. Und vor allem getraute sich niemand, den Chefredaktor anzuschreien. «Es reicht. Du kennst wohl überhaupt kein Mitgefühl?»
«Sorry», sagte Jonas kleinlaut. «Mach weiter.»
«FotografJoël Thommen ist bereits vor Ort. Erste Bilder sollten demnächst eintreffen. Alex Gaster, Flo Arber und Sandra Bosone sind auf dem Weg nach Basel.»
«Womit?», wollte Haberer wissen. «Mit der Schweizerischen Dampfeisenbahn?»
«Mit dem Helikopter.»
«Verdammt, Pescheli, du bist mein Held. Ich sehe dir an, dass du wieder mal deinem Übernamen gerecht wirst. Die Zecke hat sich bereits in den Fall verbissen. Ach, was würde ich ohne dich machen? Mit dem Helikopter! Geil, geil, geil! Wie früher zur guten alten Reporterzeit!»
«Ja, sie sind bald vor Ort. Dann suchen wir Zeugen. Leute, die die Explosion fotografiert und gefilmt haben.»
«Wann können wir das alles aufschalten?»
«Im Moment haben wir noch gar nichts, Jonas.»
«Sie sollen den Finger aus dem Arsch nehmen, sag ihnen das!»
«Die werden alles bringen, Jonas, alles. Und wenn sie die Leute dazu unter Druck setzen müssen.»
«Ich hoffe, sie haben genug Geld dabei. Der Preis ist heiss. Irgend so ein Idiot, der sich diese Scheiss-Fasnacht angeguckt hat, wird doch das Explosiönchen gefilmt haben. Ha! Kauft die Leute, stopft ihnen die Tausender in den Arsch! Meine Güte, wie ich diese Scheiss-Fasnacht liebe!» Die Journalisten lachten gequält. Einige schüttelten den Kopf. Doch die meisten waren an solche Anfälle ihres Chefs gewöhnt.
GREIFENGASSE, BASEL
Erst jetzt merkte Kommissär Olivier Kaltbrunner, dass er aufgrund der getrunkenen Biere nicht im Vollbesitz seines Denkvermögens war. Zudem stand er in einem giftgrünen Insektenkostüm mit giftgrünen Krallenfüssen aus Plastik am Tatort, da sich seine Guggenmusik «Heuschrecken-Diebe» als Sujet gewählt hatte – Diebesbanden aus Osteuropa, die in einer Nacht ein ganzes Dorf heimsuchten und die Häuser leerräumten. Er kam sich unter all den uniformierten Leuten der Polizei und Sanität ziemlich deplatziert vor. Unbehagen bereitete ihm zudem die Anwesenheit von Staatsanwalt Hansruedi Fässler, seinem Vorgesetzten. «Da sind Sie ja», sagte Fässler und reichte Kaltbrunner die Hand.
«Sorry für mein Kostüm, ich bin eben aktiver …»
«Vergessen Sie’s. Gut, dass Sie hier sind. Ich brauche Sie.»
«Moment», sagte Kaltbrunner. «Ich bin rein zufällig hier und habe ein bisschen geholfen, den Einsatz zu organisieren. Aber jetzt sind ja alle da, und ich möchte mich zurückziehen.»
«Kaltbrunner, das geht nicht.» Staatsanwalt Fässler schaute Kaltbrunner mit grossen Augen an. «Das hier ist ein Bombenattentat. Das wird europaweit für Schlagzeilen sorgen. Wir müssen den Fall schnellstmöglich klären. War das ein Einzeltäter? Ein Amokläufer? Ein Wahnsinniger? Oder war es ein Terroranschlag? Islamisten? Mannomann. Hoffentlich nicht. Wenn ich an die Anschläge auf die Satirezeitschrift in Paris denke. Oder an all die anderen Attentate. Bitte nicht! Sonst haben wir nie mehr unsere Ruhe!»
«So, so», machte Olivier Kaltbrunner. Wie immer wenn er nicht wusste, was er sagen sollte. «So, so. Ein Amokläufer … oder Terroristen …»
«Könnte doch sein. Also, nehmen Sie die Arbeit auf! Die Fasnacht ist sowieso zu Ende.»
«So, so.» Der Kommissär entdeckte seinen Kollegen Giorgio Tamine und liess den Staatsanwalt stehen. «Hey.»
«Hey. Scheisse, was?», sagte Tamine. «Kaum hat die Fasnacht angefangen, ist sie …»
«Es ist gut, Giorgio!», unterbrach ihn Kaltbrunner. Er schaute um sich und stellte fest, dass sich die Panik gelegt hatte. Er wandte sich wieder Tamine zu: «Hast du schon etwas gefunden, das irgendwie auf eine Bombe hin…?»
«Ja», unterbrach ihn Tamine. «Leichenteile, Fetzen von Kleidungsstücken, von Plüschtieren und von einem Rucksack. Und ein von der Hitze verbogener Blindenstock. Die Tote war offensichtlich blind. Oder tat so. Ziemlich sicher handelt es sich um eine Selbstmordattentäterin.»
«Eine Frau? Das wisst ihr schon?»
«Komm!» Tamine führte Kaltbrunner zu einem weissen Polizeizelt. Weissgewandete Menschen begutachteten Menschenteile. «Hey», sagte Kaltbrunner. «Was wisst ihr bereits?»
«Eine Frau um die fünfzig.» Kaltbrunner erkannte den Kollegen der Gerichtsmedizin wegen des Ganzkörperanzugs mit Gesichtsschutz nicht. «Darf ich mal?», fragte Kaltbrunner.
«Klar. Ist aber kein schöner Anblick.» Der Gerichtsmediziner hob das blutdurchtränkte, weisse Tuch an. Kaltbrunner sah die Fragmente eines Gesichts. «Sofort tot?», fragte er.
«Ist anzunehmen.»
«Die einzige Tote?»
«Ja. Die Verletzten werden es wohl überleben. Jedenfalls haben die Sanitäter einen gefassten Eindruck gemacht.»
«Okay, danke.»
«Verdammte Scheisse, was?»
Olivier Kaltbrunner antwortete nicht. Er verliess das Zelt und bat seinen Kollegen Tamine um eine Zigarette.
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