Requiem. Erste Seite der autographen Partitur
Missa pro defuncta filiola Aloisia Josefa …
Zwei gewichtige Gründe sprechen dafür, dass die Dinge sich tatsächlich so entwickelt haben. Es war praktisch unmöglich, innerhalb des knappen Zeitraums von zwei Wochen ein Werk dieses Umfangs – es dauert etwa 40 Minuten – zu schreiben und einzustudieren, trotz der drei Kopisten, die das Aufführungsmaterial herstellten. Selbst Mozart, der unvergleichlich schneller komponieren konnte, war nicht imstande, innerhalb von vier Monaten sein Requiem zu vollenden, an dem er allerdings nicht ununterbrochen arbeitete.
Noch bedeutsamer ist das innere Kriterium: Plötzlich, sprunghaft, schuf Haydn ein so ergreifend persönliches Werk wie nie zuvor – und man möchte hinzufügen – und wie vielleicht auch nie mehr nachher. Die Stimme des echten Trauerschmerzes durchdringt das schwerblütige Werk. Es ist kaum anzunehmen, dass der Tod seines bejahrten Brot- und Landesherrn – er stand im 75. Lebensjahr – ihn tiefer erschüttert hat als der kürzliche Verlust seines geliebten einzigen Kindes. »Nothing else adequately explains the depth and passionate intensity that illuminate this work«, schrieb der große Haydn-Forscher Charles H. Sherman 1991 anlässlich der Neuherausgabe des Werkes.
Hier ist etwas Einmaliges in Haydns Werk geschehen, das nur verständlich wird, seelisch wie musikalisch, wenn wir einmalige Lebensumstände voraussetzen.
Der Tod der Tochter stellt die größte Erschütterung in der ereignisarmen Biographie des Salzburger Kapellmeisters dar. In der provinziellen Enge der Salzachstadt verlief das Leben in sehr geruhsamen Bahnen, ein Schicksalsschlag löste ein stärkeres seelisches Beben aus als in einer Stadt mit zahlreichen Ablenkungen.
Haydns Requiem stellt einen Markstein in der geistlichen Musik der Klassik dar. Trotz seines Festhaltens am ernsten kontrapunktischen Stil des Johann Joseph Fux – bereits 1757 hatte Haydn dessen »Missa canonica« eigenhändig kopiert, und später sein Lehrwerk »Gradus ad Parnassum« autodidaktisch studiert – gelingt dem Komponisten etwas Bahnbrechendes, etwas Mustergültiges, das neue Maßstäbe setzt. Bester Beweis dafür: Als Mozart 20 Jahre später sein Requiem komponierte, nahm er kein anderes Werk zum Vorbild als jenes seines früheren Kollegen aus Salzburg, das ihm nachweislich durch mehrere Aufführungen vertraut war. Zahlreiche Gemeinsamkeiten belegen Mozarts Anlehnung: die unüberhörbare Ähnlichkeit einzelner Themen, z.B. der Chorfuge »Quam olim Abrahae«, die innere Struktur und Gliederung bestimmter Sätze, dieselben Auslassungen im Text, eine als »emotional echt« empfundene Tonsprache, die den Hörer unmittelbar berührt und ergreift. Es ist offenkundig, ohne Michael Haydns Requiem von 1771 hätte Mozart ein völlig anderes Werk hinterlassen. Beide Totenmessen bilden die Höhepunkte dieser Textvertonung im Zeitalter der Klassik. So wurden beide kurz nacheinander im Juni 1809 bei den Wiener Totenfeiern für Joseph Haydn aufgeführt.
Michael Haydn starb an Schwindsucht in Salzburg, am 10. August 1806. Er hinterließ den Torso einer Totenmesse, die ihm die Kaiserin Maria-Therese in Auftrag gegeben hatte. Bei seiner Leichenfeier wurden die fehlenden Teile des unvollendeten Werkes durch Sätze aus dem Requiem von 1771 ergänzt.
Mozarts Komposition gilt heute als genialer als jene Michael Haydns. Dank des Nimbus seiner Entstehungsgeschichte wurde es das populärste Requiem der Musikgeschichte schlechthin. Dennoch erscheint es ungerechtfertigt, dass es Haydns Werk fast völlig verdrängt hat. Dessen musikalisch-emotionaler Wert ist so außergewöhnlich, dass einer der besten Kenner der Klassik, Carl de Nys, sein Befremden folgenderweise äußert: »Man muss sich immer wieder fragen, warum seine (Haydns) Totenmesse nicht ebenso oft aufgeführt wird wie Mozarts Requiem.«
Gerhard Croll, Kurt Vössing: Johann Michael Haydn. Salzburg 1987.
Michael Haydn: Requiem in c. Herausgegeben von Charles H. Sherman. Carus. Stuttgart 1991.
Hans Jancik: Michael Haydn. Ein vergessener Meister. Amalthea Verlag. Wien 1952.
Carl de Nys: Requiem c-moll. Aufnahme der Mozartwoche 1980. Schwann AMS 3529 F.
Georg Otter und Franz Schinn: Biographische Skizze von Michael Haydn. Salzburg 1808.
Otto Schmid: Johann Michael Haydn. Sein Leben und Wirken. Beyer. Langensalza 1906.
Marc Vignal: Michael Haydn. In: Guide de la Musique sacrée. Fayard. Paris 1993.
ANDRÉ-ERNEST-MODESTE UND JEANNE-MARIE GRÉTRY
Grétry war der erfolgreichste Opernkomponist Frankreichs im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Als er nacheinander seine drei Töchter verlor, lähmte der Kummer darüber seine musikalische Inspiration. Daraufhin wandte sich Grétry allmählich von der Musik ab und suchte ein neues, lohnenderes Tätigkeitsfeld in der Literatur. Wie er in ergreifenden Ausdrücken die Zerstörung seines Familienglückes schildert, das gilt als das persönlichste und lesenswerteste Kapitel seines umfangreichen Memoiren-Werkes.
Grétry wurde am 8. Februar 1741 in der belgischen Bischofsstadt Liège (Lüttich) geboren, die in ihm ihren berühmtesten Sohn erkannte und die ihn durch zahlreiche Auszeichnungen ehrte. 1750 wurde er Sängerknabe in der Stiftskirche Saint-Denis, mit 18 Jahren wurde er Violinist im Orchester derselben Stiftskirche seiner Geburtsstadt. Für eine heimlich komponierte Messe erhielt er den »Prix de Rome«. Ein längerer Aufenthalt in Italien (1761–1765) ermöglichte ihm, bei verschiedenen Komponisten (Casali, G.B. Martini) zu studieren. In Bologna wurde er in die berühmte Akademie aufgenommen.
Auf Anraten Voltaires ging Grétry 1767 nach Paris, wo er schon bald nachhaltige Erfolge verzeichnen konnte, vor allem mit den komischen Opern »Lucile« (1769) und »Le tableau parlant«. Fortan brachte er jährlich mehrere neue Opern zur Aufführung, von denen ihm viele stürmische Huldigungen einbrachten. 1770 wurde seine erste Tochter, Andriette-Marie-Jeanne, genannt Jenny, geboren. Im folgenden Jahr heiratete Grétry die Mutter Jennies, Jeanne-Marie Grandon (1746–1807). Seine Erfolge ebneten ihm den Weg an den Hof von Versailles, wo er enge Beziehungen zu Marie-Antoinette, der zukünftigen Königin, knüpfte und wo zahlreiche seiner Opern zuerst aufgeführt wurden. Der Graf der Provence, der spätere König Ludwig XVIII., schrieb für ihn den Text zur Oper »La Caravane du Caire«, seinem bedeutendsten Werk. 1772 wurde die zweite Tochter, Angélique-Dorothée-Lucie, geboren, die er nach seiner Erfolgsoper »Lucile« nannte. Bei der Geburt der dritten Tochter, Charlotte-Antoinette-Philippine, war Marie-Antoinette Taufpatin. Kurze Zeit darauf wurde Grétry Musikdirektor der jungen Königin.
Sein Ruhm gelangte bald in seine Heimatstadt, wo mit großer Feierlichkeit seine Büste eingeweiht wurde. 1782 folgte er einer weiteren Einladung nach Lüttich und wurde offiziell geehrt und gefeiert. Äußerer Höhepunkt seiner Karriere in Frankreich war 1784 die Ernennung zum königlichen Zensor der Musik. Trotz seiner belgischen Herkunft – und seines breiten Lütticher Dialekts – galt Grétry allgemein als der »geistreichste und französischste« Komponist seiner Zeit, dessen Opern überall in Europa gespielt und nachgeahmt wurden. In einer einzigen Spielsaison wurden in Wien nicht weniger als elf verschiedene Opern Grétrys aufgeführt.
1786 erlebte er als Vater und als Komponist eine seltene Freude, die erste Talentprobe seiner Tochter Lucile. Mit sichtlichem Stolz schrieb er an das »Journal de Paris«: »Ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, dass das kleine Stück in einem Akt mit dem Titel ›Le mariage d’Antonios‹, das man heute in der Italienischen Komödie geben wird, von einer meiner Töchter, dreizehn Jahre alt, komponiert worden ist.« Er war sich der Zweischneidigkeit dieser frühen Leistung für den Charakter seiner Tochter bewusst und fügte deshalb hinzu: »Da ich jedoch keineswegs die Reinheit ihrer Jugend gefährden will, indem ich in ihr einen trügerischen Dünkel erwecke, muss ich hinzusetzen, dass ich, nachdem sie selbst alle Melodien mit Bass und einer einfachen Harfenbegleitung komponiert hat, die Partitur geschrieben habe, wozu sie selbst nicht in der Lage war.« (29. Juli 1786)
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