Ansonsten galten die Menschen eher als scheu. Es war bekannt, dass sie in selbstgebauten Höhlen lebten, die sie als ‚Häuser‘ oder ‚Wohnungen‘ bezeichneten.
Darin schlossen sie sich ein. Sobald sie ihre Behausungen verließen, waren sie allerdings meistens sehr laut und vollkommen unscheu. Wie auch immer, jedenfalls verschwanden sie meistens in ihren Höhlen, und da ließen sie andere Tiere nur ganz selten hinein. Wahrscheinlich aus Angst, vermutete Lona.
Ihre Oma hatte einmal erzählt: „Sie haben sogar Angst vor Mäusen und Ameisen. Eine Ausnahme machen sie nur bei ihren sogenannten Haustieren. Das sind Katzen, Hunde, Hasen und Schweine. Diese Haustiere lassen sie ins Haus und füttern sie sogar.“
Lona stellte sich manchmal vor, sie müsste auch eine Katze als Haustier haben. Wenn sie nur daran dachte, standen ihr die Haare auf zu Berge. Katzen und Eichhörnchen sind nämlich wie Feuer und Wasser. Wie Himmel und Hölle. Wie Walnüsse und Haselnüsse. Sie passen einfach nicht zusammen. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Über Katzen wird später noch zu reden sein.
Nun ging es erst einmal darum, was in der Halle passierte. Um es kurz zu machen: nicht viel. Einige der Tannen, die mit auf dem Laster waren, wurden in Kübel gepflanzt und in einer Ecke nebeneinander abgestellt. Danach geschah eine Weile gar nichts. Lona saß in der Krone ihres Baumes und langweilte sich. Sie könnte ja … sie könnte einfach durch die große Tür verschwinden und zurücklaufen in ihren Wald. Aber sie hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ihren Wohnbaum nicht zu verlassen. Also blieb sie, wo sie war.
Zum Glück hatte sie in ihren Backen noch ein paar Haselnüsse, sodass sie nicht verhungern musste. Nachts, als die Halle menschenleer war, kletterte sie auf den anderen Bäumen herum, um zu sehen, ob diese ebenfalls bewohnt waren. Aber da war niemand.
Das ist eine gute Gelegenheit, etwas über Lonas Namen zu sagen: In Wirklichkeit hieß sie Lonanatikarula, das bedeutet in der Eichhörnchensprache ‚Die mit der Nuss tanzt‘. Als Kind hatte sie nämlich immer Kunststücke gemacht. Am liebsten ließ sie Nüsse auf ihrer Nase tanzen, während sie über ganz dünne Äste spazierte. Oder sie jonglierte mit Haselnüssen. Da sich niemand den langen Namen merken konnte, nannten sie alle nur Lona, manchmal auch Loni. Manchmal auch Tika oder Nana oder Karulchen. Aber meistens Lona.
Ach ja, die Baumlotterie. Am Anfang wusste Lona überhaupt nicht, was das bedeuten sollte, doch sie bekam es bald heraus. Alle ‚Kübeltannen‘ wurden an Menschenfamilien vergeben, die angerufen und ein Kennwort genannt hatten. Eine dieser Familien waren die Parmakoskis. Ja, sie hatten tatsächlich Glück und mussten sich nicht mit Baumabfällen begnügen. Sie hatten ausgerechnet Lonas Wohnbaum mitsamt Kübel gewonnen.
Als Lonanatikarula das mitbekam, wurde sie wieder total wütend. Wie konnten sich diese Menschen herausnehmen, einfach ihren Baum auszugraben und ihn zu verlosen? Er gehörte doch ihr! Man suchte sich als junges Eichhörnchenmädchen einen Baum aus, zog ein und fertig. Alle jungen Eichhörnchen machten das so. Ihre Familie und Freunde besuchten sie regelmäßig, aber sie gingen dann auch wieder. Sie respektierten Lonas Privatsphäre.
Lona hatte aber nicht viel Zeit, wütend zu sein. Mitsamt Baum wurde sie ein zweites Mal auf den Laster geladen, und es folgte eine kurze Fahrt durch die Stadt.
Vor einem ziemlich schönen Einfamilienhaus wurde ihr Baum abgeladen. Lona versuchte die ganze Zeit über, sich sehr klein zu machen, um nicht aufzufallen. Zum Glück bemerkten die Arbeiter auch nicht, dass der Baum etwas schwerer war, als er eigentlich sein müsste. Lona wog schließlich auch etwas, immerhin ungefähr 200 Gramm. Im Vergleich zu anderen Eichhörnchen war sie sehr kleingewachsen, aber das hatte ihr nie etwas ausgemacht. Wer klein ist, muss weniger essen und kann sich besser verstecken.
Wie auch immer, sie krallte sich jedenfalls in der Krone ihres Baumes fest und wurde mit dem Baum in das Haus der Parmakoskis getragen. An der Haustür spielte sie kurz mit dem Gedanken, einfach abzuspringen und wegzurennen. Aber dann dachte sie grimmig: „Nein, das könnt ihr vergessen! Das ist mein Baum, und zwar für immer!“
4. Kapitel
Ein Baum heiratet nicht
Der Baum wurde eine Treppe hinaufgetragen und in einer Ecke des Wohnzimmers abgestellt. Das Wohnzimmer war wirklich riesig, sodass die große Edeltanne gut hineinpasste.
„Herzlichen Glückwunsch!“, sagten die Baumträger und gingen wieder.
Die ganze Familie Parmakoski stand um den Baum herum: Herr und Frau Parmakoski, die kleine Elisa und der vierzehnjährige Marlon. Und dann ging das große Schwärmen los.
Der Vater: „Was für ein Baum!“
Die Mutter: „Herrlich!“
Die Tochter: „Wahnsinn!“
Der Sohn: „Hmmhmmhm.“
Der Vater: „So einen tollen Baum hatten wir noch nie!“
Die Mutter: „Noch nie im Leben! Gut, dass wir an der Lotterie teilgenommen haben!“
Die Tochter: „Wahnsinn! Doppelwahnsinn! Das wird das schönste Weihnachten aller Zeiten!“
Der Sohn: „Hmmhmmhm.“
Man muss dazu sagen, dass Marlon vor einiger Zeit seine Fähigkeit zu sprechen verloren hatte. Er konnte neuerdings nur noch brummen. Wie ein Bär.
Niemand konnte sich das erklären. War es möglich, dass jemand im Alter von vierzehn Jahren einfach das Sprechen verlernte?
Elisa war die Einzige, die eine Vermutung hatte: „Er brummt wie ein Bär, und das könnte bedeuten, dass er sich in einen Bären verwandelt. Zuerst ändert sich seine Sprache, dann wahrscheinlich auch sein Aussehen: Er bekommt überall Haare, vor allem dort, wo jetzt sein Gesicht ist. Und irgendwann wachsen ihm wahrscheinlich Krallen, mit denen er die Möbel zerkratzt. Ich sehe schon genau vor mir, wie er sich dann am Türbalken den Rücken schubbert.“
Für Elisas Theorie sprach auch, dass es in Marlons Zimmer inzwischen roch wie in einer Bärenhöhle, und diese Höhle verließ er nur noch selten. Meistens saß er dort an seinem Computer und machte Spiele, stunden- und tagelang. Woraus sich die Frage ergab: Können Bären eigentlich einen Computer bedienen?
Lona hatte unterdessen ganz andere Fragen, zum Beispiel diese: „Wie stelle ich es an, dass mich diese Menschen nicht sehen, wo sie doch alle da unten stehen und gar nicht aufhören können, zu mir hoch zu starren?“
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