Gott erschafft den Menschen, mit Seele und Leib, individuell und als soziales Wesen. Der Mensch soll sich Gott ehrfürchtig nähern und so in eine Beziehung zu ihm eintreten, die ihn trägt und rettet, auch über den Tod hinaus. Dazu empfängt er von Gott Gaben und Gnaden, die er genießen und aktiv für den Dienst nutzen soll. Im Austausch der Gaben wird er ein liebender Mensch .
7Vgl. DEI 121.
8„Wille“ ( volundad ) ist im klassischen Sprachgebrauch nicht wie heute die vor allem rationale Kraft, etwas anzustreben und durchzusetzen, sondern eher die emotionale, affektive Energie der Seele.
9Ausführlicher dazu Kiechle (1996) 352–355. Gegenüber dem rationaleren Thomismus erkennt Ignatius mit der augustinisch-franziskanischen Tradition eine gewisse Dominanz des Willens.
10Das war sie in ihrer jahrhundertelangen Praxis durchaus; ihr Leibbezug wird seit einigen Jahrzehnten wiederentdeckt.
11Das Spanische kennt für „Leib“ und „Körper“ nur ein Wort: cuerpo – hier mit „Leib“ übersetzt, denn gemeint ist nicht der biologische, gleichsam materielle Körper, sondern der lebendige, geistig offene Leib.
12Der italienische Philosoph Mario Perniola (2017) schreibt in seiner Studie zum katholischen Fühlen (ital. sentire ), dass Ignatius, als im 16. Jh. die Kirche moralisch-spirituell heruntergekommen war, mit anderen das Fühlen oder Spüren wieder betonte: nicht eines der eigenen Innerlichkeit, sondern jenes der Welt – allerdings in Differenz zu ihr. So geschehe Unterscheidung der Geister. Dies sei katholisch, gegen alle spätere Rationalisierung und gegen allen Dogmatismus.
13Auch wenn hierbei manches zeitbedingt und nach heutigem Maß „leibfeindlich“ erscheint.
14Dass die „Seele in diesem verderblichen Leib eingekerkert“ sei (47), sind Reste einer alten, den Leib abwertenden Philosophie, die die christliche Spiritualität jahrhundertelang bestimmte. Bei Ignatius fließt sie teilweise noch ein, ist aber in anderen Texten und im Ganzen überwunden – diese Inkohärenzen spiegeln wohl den langen Redaktionsprozess des Exerzitienbuchs wider. Am Ende hat Ignatius wohl nicht alles, was er durch Erfahrung und Studium als überholt erkannt hatte, redaktionell eliminiert.
15 Mercedes hat einen Zusammenhang zu Barmherzigkeit und erinnert an die „Gunsterweise“, die im Feudalismus ein hoher Herr seinen Untertanen gewährt: von oben nach unten und gratis.
16In den Briefen des Ignatius kommt das Motiv immer wieder; etwa schreibt er an Franz von Borja: „Wenn meine Gebete irgendeine Gunst erreichen, wird sie ganz von oben sein und von seiner göttlichen Güte herabsteigen“ (BU 104).
17Nach Charlotte Pauli (2016); die Autorin setzt die Ehrfurcht psychologisch in Bezug zum Narzissmus, wobei ein gesunder Narzissmus die Ehrfurcht fördert, ein krankhafter Narzissmus jedoch im Gegensatz zur Ehrfurcht steht und sie verhindert.
18Erasmus von Rotterdam ermahnt in seinem Enchiridion militis christiani – von Ignatius in seiner Studienzeit gelesen – den Ritter, seinen Ehrgeiz zu bekämpfen und allein Gott die Ehre zu geben; vgl. Erasmus (2015) 178–180.
19Span. salvación meint (irdische) Gesundheit und Heilung, aber auch (ewiges) Heil; salvar meint sowohl heilen als auch retten – zum sowohl irdischen als auch himmlischen Wohlergehen; vgl. Rainer Carls, Der Mensch als Geschöpf Gottes im Denken des Ignatius von Loyola, in: Gertler et al. (2006), 50–67, hier 62 f.
20Vgl. Kap. 23.
Schöpfer und Herr .Erstaunliche 17-mal (23 u.a.) kommt für Gott dieser Titel im Exerzitienbuch vor; meist ist Gott „ihr“ – der Seele – oder „unser“ – der Exerzitanten – Schöpfer und Herr. Damit wird Gott für die Exerzitantin zum ureigenen Gott, der sich binden lässt fast so, wie sie einen Besitz an sich bindet. „Schöpfer“ ( Creador ) ist die respektvolle Anrede für den, von dem sie herkommt und in dem sie sich geborgen und beschützt weiß; „Schöpfer“ bezieht sich auf das Gottesverhältnis im bisherigen Leben und im jetzigen Dasein. „Herr“ ( Señor ) ist in der Ritterwelt die ehrfürchtige Anrede für einen Höhergestellten: Der Ritter bindet sich mit Lehnseid an seinen Herrn, er vertraut ihm, er setzt sich mit Hingabe für ihn ein, er lässt sich von ihm beschützen und in den Dienst, ins weite Land führen; „Herr“ bezieht sich auf das Gottesverhältnis in seinem jetzigen Tun und im zukünftigen Leben. Dass Gott bevorzugt als „Schöpfer und Herr“ der „Seele“ gesehen wird, kennzeichnet das Gottesbild der Exerzitien: In seiner Güte erschuf Gott den Menschen. Dieser ist offen für Gott und lebt Freundschaft mit ihm. Gott spricht ihn persönlich an und liebt und führt ihn. Gott hat jede menschliche Person geschaffen, um für sie Herr zu sein und ihr Gnade zu erweisen: gütig, heilend, rettend. 21
Der Schöpfer unmittelbar mit dem Geschöpf .Dieses Wirken Gottes (15) kann sich die Exerzitantin in ihrer Phantasie bildhaft vorstellen. Der Schöpfer wirkt ( obrar ) mit dem Geschöpf unmittelbar, etwa so, wie sie als Mutter – oder ein Exerzitant als Vater – sich um ihr neu geborenes Kindlein sorgt: liebevoll, zärtlich, ganz hingegeben. „Unmittelbar“ ( inmediante ) bedeutet, dass dieser Gott weder Mittel noch Vermittlung verwendet, sondern gleichsam direkt an seinem Geschöpf und in ihm wirkt. Theologisch ungewöhnlich für die Zeit des Ignatius ist, dass es in dieser Gottunmittelbarkeit keine Kirche, keine Sakramente, keine Amtsträger, keine Lehre braucht, vermittels derer der Schöpfer an seinem Geschöpf wirkt. 22Die Gnade kommt nicht durch die enge, exklusiv von Amtsträgern besetzte Pforte zum Gläubigen, sondern direkt und frei, ohne Hierarchie, ohne Methodik, ohne Kontrolle, gleichsam charismatisch, geistgewirkt, in den Formen unendlich vielfältig. Darf man hier kühn den Bogen zu Martin Luther schlagen, der zur gleichen Zeit eine ähnliche Gottunmittelbarkeit lehrte? Es ist eine direkte, also mystische Gotteserfahrung, die Ignatius anzielt und für möglich hält. 23Allerdings relativiert er nicht Sakramente und kirchliches Amt – Luther tendiert später dazu –, sondern er integriert diese in seine Spiritualität und Mystik.
Das Geschöpf mit seinem Schöpfer und Herrn .Ignatius ergänzt diese Aussage durch die umgekehrte, noch ungewöhnlichere: dass das Geschöpf ebenso unmittelbar mit seinem Schöpfer und Herrn wirke (15). 24Offensichtlich bewirkt das Tun des Menschen auch etwas in Gott. Ignatius führt das nicht weiter aus, aber er könnte meinen, dass in der Gottesbeziehung wie in jeder Beziehung etwas ausgetauscht wird (vgl. 231), das beide Seiten verändert. Auch Gott wird bewegt – ist das deutbar im Sinn der „Regungen“ ( mociones 25)? Bewegt könnte er werden durch die betende Hinwendung der Exerzitantin zu ihm und durch ihr seelisches und mystisches Erleben, das von ihm gleichsam miterlebt wird – auch mitgenossen und miterlitten? Führt jedoch dieser Gedanke nicht zu einem ungehörigen Anthropomorphismus im ignatianischen Gottesbild? Auch wenn dem so wäre: Für die Exerzitantin ist es menschlicher, wenn ihre bewegte Beziehung zu Gott bei diesem – um bildhaft zu bleiben – nicht auf eine starre, unveränderliche, kalte Maske trifft, sondern auf ein Angesicht, das lebendig ist, sich bewegen lässt und in diesem Sinn emotional und geistig stützend, ja liebevoll mit ihrer Exerzitien-Bewegung mitgeht. In Christus zeigt ihr Gott dieses Angesicht.
Übungen geben .Die man heute „Exerzitienbegleiter“ und „Exerzitant“ nennt, heißen bei Ignatius einfach „der die Übungen gibt“ bzw. „der sie empfängt“ (6, 15 u.a.). Offensichtlich ist in allem methodisch ausgefeilten und intensiv gelehrten „Begleiten“ der wichtigste Akt der, Übungen für den Exerzitanten auszuwählen und sie ihm persönlich so zu geben, dass jener sie alleine und selbständig machen kann. Der die Übungen gibt, braucht selbstverständlich eine gute Kenntnis möglicher Übungen, ihrer Wirkungen und eines sinnvollen Ablaufs von Exerzitienbewegungen und -themen. Er braucht auch ein gutes Gespür für die Person, die die Übungen empfängt, für ihre Regungen und Bewegungen und dafür, welche Übung in welchem Moment weiterhelfen kann. Der die Übungen gibt, soll sie – meistens sind es Phantasieübungen, Schriftbetrachtungen oder Gebetsübungen – knapp zusammenfassen und erklären, so dass der Übende sie eigenständig machen kann, mit seiner Phantasie und mit seinen inneren Bewegungen (2). Der Geber dirigiert nicht, sondern geht empathisch mit; vor allem hilft er dem Empfänger, die Geister wahrzunehmen und zu unterscheiden. Die Beziehung, die eigentlich bewegt ist, ist die zwischen Gott und der „Seele“. Der Geber der Übungen ist gleichsam der Dritte im Bunde, der sich aber zurückhält, eben nicht wirkt , sondern wirken lässt und intensiv hinschauend dabei ist, selbst aber nicht eingreift: Der göttliche Geist wirkt „unmittelbar“ (15), und der Mensch lässt dies zu. Im Dreiecksverhältnis der Exerzitien wird der begleitende Dritte nicht zu einem diese Unmittelbarkeit der beiden Hauptakteure störenden Mittel. Er ist weniger wichtig, bleibt weitgehend passiv, und er will nichts – wenn ihm dies zur narzisstischen Kränkung wird, muss er sie tragen. Er ist mehr ein Ermöglicher als ein Akteur, mehr ein Schauer als ein Macher. Durch die Auswahl der Übungen – seiner einzigen wirklichen Aktivität – führt er den Übenden immer wieder in Gottes Unmittelbarkeit zurück. Er hilft ihm, Störendes beiseitezuräumen, ja er wirft ihn gleichsam auf Gott – damit dieser wirken darf und die Ehre bekommt.
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