[33] https://www.ams-forschungsnetzwerk.at/downloadpub/arbeitsmarkt-chancen_methode_%20dokumentation.pdfzuletzt zugegriffen am 27.2.2021
[34] https://web.br.de/interaktiv/ki-bewerbung/en/zuletzt zugegriffen am 9.3.2021
2Künstliche Intelligenzen im Film
Josephine D’Ippolito
„The thing about science fiction is, it isn’t really about the future. It’s about the present. But the future gives us great freedom of imagination. It’s like a mirror. You can see the back of your own head.“ (Ursula Le Guin, 2019)
Maschinenmenschen und Künstliche Intelligenzen (KI) zählen seit Fritz Langs Metropolis (1927) als visionäres Element berühmter Blockbuster. Die Fiktion vermag es dabei Zukunftsvorstellungen, Hoffnungen und Ängste narrativ zu verarbeiten und dadurch ein Bild zu generieren, wie die Welt später aussehen könnte. Dabei hat die Technik in den Science-Fiction-Filmen kaum etwas mit der realen Arbeit von KI-Forschern zu tun. Die Fiktion ermöglicht es jedoch, die allgemeine Wahrnehmung technischer Errungenschaften aufzugreifen, in die Zukunft zu projizieren und ihrer gegenwärtigen "Unmöglichkeit" zu berauben. Der Einfluss der Science-Fiction auf die Realität ist dabei nicht zu unterschätzen. Science-Fiction-Filme dienen oftmals als Initialzündung für die Forschung, seien es Tablets oder Smartphones, die bspw. in Star Trek schon seit den 1960er Jahren auf der Kinoleinwand zu sehen sind. So wurde 2017, in Anlehnung an den Film RoboCop aus dem Jahr 1987, der weltweit erste Robocop in Dubai vorgestellt, welcher die Polizeikräfte unterstützen soll (vgl. Deulgaonkar, 2017). Zudem zeigen die Ergebnisse einer deutschlandweiten Umfrage der Gesellschaft für Informatik e. V. (GI) zum Thema KI, dass der Großteil der Befragten bekannte Roboter aus Science-Fiction-Filmen mit Künstlichen Intelligenzen assoziiert (vgl. Gesellschaft für Informatik, 2019). Die meisten Teilnehmer*innen nannten R2D2 und den Terminator, wenn sie sich Maschinen mit KI vorstellen sollten. Dieses Ergebnis verdeutlicht die Notwendigkeit der näheren Betrachtung von KI im Film, da beide in vielen Köpfen unmittelbar miteinander verknüpft sind. Zudem bedienen sich Science-Fiction-Filme oftmals irrationaler Ängste vor der menschlichen Unterlegenheit gegenüber der KI. So imaginiert die Science-Fiction etwa ein posthumanistisches Zeitalter, in dem Menschen nicht mehr die Vormachtstellung über alles Leben innehaben. Dies sind jedoch lediglich Zerrbilder der Realität, so wird Künstliche Intelligenz immer wieder mystifiziert.
In dem folgenden Kapitel wird anhand verschiedener Filmbeispiele diskursiv das Verhältnis und der Einfluss von Filmen auf die Mensch-Maschine-Kooperation diskutiert, indem die Fragen gestellt werden, Wer? Wen? Wozu? baut.
2.2Ausgewählte Filmbeispiele zu KI im Film
Die Utopie der Erschaffung eines künstlichen Menschen hat ihren literarischen Ursprung bereits zu Zeiten der griechischen Antike. Ihre mythischen Anfänge zeigen sich in Publius Ovidius Nasos (Ovid) Darstellungen des Prometheus und des Pygmalion, in der medizinisch-okkulten Beschreibung des Homunculus durch Theophrastus Bombast von Hohenheim (Paracelsus), gehen über die radikal aufklärerischen Thesen des Julien Offray de La Mettrie (1747) in L'homme Machine zu romantisch-fantastischen Erzählungen, wie Mary Shelleys Frankenstein or The Modern Prometheus (1818), bis hin zu modernen Science-Fiction-Filmen wie bspw. I am Mother (2019). Die Fiktion bildet somit die Möglichkeit des Menschen sich selbst zu erweitern. Der Film als expressives Medium vermag es dabei das Motiv visuell zu reproduzieren und ein Gefühl von Authentizität zu suggerieren. Nachfolgend wird die Darstellung ausgewählter Androiden und deren Beziehung zum Menschen, dementsprechend ausführlicher betrachtet. Die ausgewählten Beispiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen großen Einfluss auf die Populärkultur hatten bzw. immer noch haben, das Bild von KI maßgeblich geprägt haben oder gar in der Debatte über die Mensch-Maschine-Kooperation neue Perspektiven eröffneten.
2.2.1Maschinen-Mensch in Fritz Langs Metropolis (1927)
„Boy meets girl. Boy loses girl. Boy builds girl.“ Anonymous, ‚The Shortest Science Fiction Story Ever Written‘
Der expressionistische Film Films Metropolis ist ein berühmter Klassiker aufgrund seiner weltweit erstmaligen Darstellung von KI in der körpergebundenen Form einer intelligenten Androidin namens Maschinen-Mensch. Das revolutionäre Produktionsdesign im Stil des Art-Deco sollte später wegweisend für berühmte Science-Fiction-Produktionen, wie bspw. Star Wars sein (vgl. Seabrook 1999). Die Figur Maschinen-Mensch hat einen anthropomorphisierten Körper, welcher gänzlich aus poliertem Metall besteht und mit klaren Linien und Ornamenten verziert ist. Der Maschinencharakter ist dabei deutlich zu erkennen, sodass sie optisch zunächst leicht von den Menschen unterschieden werden kann. Die Alterität der KI wird von Lang durch ihr Aussehen pointiert. Sie steht zu Beginn in starken Kontrast zu den Menschen, die sie geschaffen haben. Hinsichtlich der Fragestellungen Wer? Wen? Wozu? baut, lässt sich zusammenfassen, dass der männliche Wissenschaftler Rotwang sich die Androidin nach dem Abbild seiner verflossenen und verstorbenen großen Liebe Hel baute. Er konnte die einseitige Liebe, den Tod und den damit verbundenen Verlust Hels nicht akzeptieren und erschuf sich eigenmächtig eine künstliche Version von ihr. In der Shortest Science Fiction Story Ever Written ist eben dieser Ablauf in seiner Essenz zusammengefasst: Ein Mann trifft eine Frau, er verliert sie und sieht als einzigen Ausweg aus seinem Unglück die Schöpfung einer künstlichen Frau. Hinzukommt, dass Rotwang seinen Maschinen-Menschen, im Gegensatz zu der menschlichen Hel, unweigerlich an sich binden kann. Der Wissenschaftler bezeichnet die Androidin zwar als Menschen der Zukunft, dennoch gleicht sie einer Sklavin ohne eigenen Willen oder gar Identität. Maschinen-Mensch kann zwar autonom agieren, ist aber den menschlichen – insbesondere Rotwangs – Gesetzen unterworfen. Eine Illusion der vermeintlich perfekten heteronormativen Beziehung des Mannes und seiner (künstlichen) untergebenen Partnerin. Ein „simulacrum of perfect lover and perfect wife – whose representation serves to maintain this absence“ (Hollinger 127).
Die Androidin tritt im Verlauf des Films noch in einer weiteren Erscheinungsform auf. Während der Transformationsszene nimmt Maschinen-Mensch das Aussehen der weiblichen Protagonistin Maria an. Der metallische Körper ist nun mit Haut und Haaren überzogen und ist nicht mehr von den Menschen zu unterscheiden. Die einzigen Unterscheidungsmerkmale sind das betont geschminkte Gesicht und die lasziven Bewegungen der künstlichen Maria. Als femme fatale soll sie die Bevölkerung verführen und gegen seinen Erzfeind und Herrscher über Metropolis Freder aufbringen. Als falsche Maria hetzt sie die Massen nach Rotwangs Anweisungen auf, emanzipiert sich schlussendlich aber von ihrem Schöpfer, wodurch sie außer Kontrolle gerät. Die Subjektwerdung der Maschine resultiert in der Katastrophe, durch die fast alle Einwohner*innen von Metropolis vernichtet werden. Diese negative Darstellung von Maschinen-Mensch bekräftigt die Auffassung der Nachkriegszeit, Technik sei der Untergang der Menschheit, welche in Literatur und Film aus jener Epoche fast ausschließlich vorzufinden ist und das Verhältnis zu Maschinen viele Jahre maßgeblich prägte.
2.2.2Die Stepford-Frauen in Forbes Stepford Wives (1975) und Ozs Stepford Wives (2004)
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