Mit der Zeit verstanden wir, dass Miguel Ángels Leben sehr viel mehr war als die brutale Geschichte eines Bandenmitglieds. Im Laufe der Monate und Jahre wurde uns klar, dass das Leben dieses Mannes durch globale Prozesse bedingt war, durch Geschichten, die sich draußen in der Welt abspielten und von denen er nichts wusste. Dass seine Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit stets durch entfernte, von hohen Beamten während des gesamten 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und El Salvador bestimmte Entwicklungen begrenzt und eng mit ihnen verbunden gewesen war. Sein ganzes Leben war das Ergebnis einer langen Kette von blutigen Prozessen, die ihn am Ende zu dem machten, was er war. Deswegen beginnen einige Kapitel dieses Buchs Jahrzehnte vor seiner Geburt oder Tausende von Kilometern nördlich des Ortes, an dem er zur Welt kam. Die völlige Unkenntnis besagter Prozesse und Entwicklungen machte ihn zu einem naiven, ja sogar abergläubischen Menschen.
Miguel Ángels Leben war auch das Ergebnis gemeiner, hinterhältiger Spielchen. Er war die Beute einer kriminellen Vereinigung, die aus Jungen bestand, die ebenfalls Beute waren, wie er.
Miguel Ángel handelte, ohne eine Ahnung von diesen Dingen zu haben. Doch die Menschen sind komplexe Gemälde, mit Farbtönen und Schattierungen. Manchmal war Miguel Ángel ein nachdenklicher Mensch, der mehr als ein Leben gelebt zu haben schien. Er hatte interessante Gedanken und Ansichten über seine Situation, die Wendungen in seinem Leben und das, was zu ihnen geführt hatte. Vor allem aber war er, trotz all seiner Brutalität und seinen Überlebensstrategien, ein aufrichtiger Mensch. Obwohl er es hätte tun können, hat Miguel Ángel uns niemals angelogen. Zumindest haben wir ihn nie bei einer Lüge ertappt. Wir haben seine Aussagen mehrmals überprüft, sie anderen Quellen gegenübergestellt, und immer haben sie sich als wahr erwiesen. Selbst wenn das, was er sagte, unmöglich schien, fanden wir irgendein Dokument oder einen Augenzeugenbericht, die die Worte des Mörders bestätigten. Noch heute fragen wir uns, warum er so aufrichtig mit uns sprach. Miguel Ángel hat nie Geld oder Lebensmittel von uns verlangt. Er hat uns nie um einen Gefallen gebeten. Er hat einfach nur geredet, fast drei Jahre lang jede unserer Fragen beantwortet. Einmal ist er mit einer Machete und einem selbst gebastelten Gewehr bewaffnet zwei Stunden durch Feindesland gegangen, nur um mit uns zu sprechen. Er hat mit Inbrunst und Leidenschaft von seiner Vergangenheit erzählt, von seinen Hoffnungen, seinen Albträumen, seinen Überlebensstrategien, seinen Verrücktheiten. Und er hat über seine komplexe Weltanschauung gesprochen, die eines Bandenmitglieds vom Land. Mit viel Geduld und erst nach vielen Jahren lernten wir verstehen, und darum haben wir uns entschlossen, zu erklären, was wir verstanden haben. Und um es zu erklären, haben wir entschieden, es vor allem zu zeigen, anstatt nur Aussagen zu treffen. Dieses Buch ist ein Beispiel für narrativen Journalismus. Wir wollen Fenster aufstoßen. Allerdings ist das, was auf der anderen Seite zu sehen ist, nicht angenehm.
Es wäre leicht und sehr aufschlussreich gewesen, das Leben dieses Mannes von Weitem durch ein Fernglas zu betrachten. Und das, was man gesehen hätte, wäre aufsehenerregend gewesen: blutige Morde, obskure Rituale, Macheten, Pistolen, Kugeln und Wunden. Doch das kennt man zur Genüge aus dem mörderischsten Land der Welt. Daher haben wir beschlossen, Miguel Ángels Leben unter einer Lupe zu betrachten, seiner Fährte zu folgen, seinen Spuren, seinen Zeichen, auch seiner Gewalt. Denn Erklärungen – keine Rechtfertigungen! – findet man in diesen Breitengraden nur selten.
Die Idee, unsere Kräfte als Autoren zu bündeln, basiert nicht nur darauf, Kenntnisse von soziokulturellen Phänomenen und Prozessen zu sammeln, die uns beide in den letzten zehn Jahren beschäftigt haben. Sie zielt auch darauf ab, Arbeitsmethoden, Recherchetechniken, die Auswahl der Orte sowie zwei unterschiedliche Arten, die Realität zu erfassen, zusammenzuführen. Wir haben an je unterschiedlichen intellektuellen Fronten gekämpft und uns bemüht, die Wurzeln jener Gewalt freizulegen, die unser Land auf den düstersten Rankings ganz nach oben gebracht haben. Beide haben wir die Mara Salvatrucha 13 studiert. Wir haben mit Dutzenden von Bandenmitgliedern, Verfolgern, Gegnern und Opfern gesprochen. Wir haben mehr als ein Jahr mit ihnen zusammengelebt, haben viele Stunden in den entsetzlichen Gefängnissen von Guatemala, El Salvador, Honduras, Mexiko und den Vereinigten Staaten mit ihnen verbracht und diejenigen begleitet, die durch ganz Mexiko bis in die Städte der Vereinigten Staaten vor ihrem Sadismus geflohen sind. Zunächst haben wir getrennt gearbeitet, jeder für sich, bis wir eines Tages gemeinsam in der Ortschaft El Refugio auf Miguel Ángel trafen. Seither sind wir Dutzende Male in seine Gemeinde gefahren, an die Orte, wo er getötet hat und gestorben ist.
Letzten Endes handelt dieses Buch nicht nur vom Leben eines Killers der größten Verbrecherbande der Welt, der einzigen El Salvadors, die auf der schwarzen Liste des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten steht und ständig in den Hetzreden von Donald Trump erwähnt wird, der Bande, die unter dem Namen Mara Salvatrucha 13 unzählige Gangs vereint und die in jedem Department von El Salvador präsent ist. Im Grunde ist dieses Buch unsere Art, den Hinterhof der Vereinigten Staaten zu verstehen und zu erklären. »Shithole«, nannte es Trump, als handelte es sich um etwas, das mit dem, was Regierende wie er aufzubauen und zu zerstören geholfen haben, nichts zu tun hat.
Dies ist die Geschichte von etwas Großem. Dies ist der Bericht über etwas Monströses, Länderübergreifendes. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Gewalt, eine Geschichte, die andauert, die weiter lebendig ist, die pulsiert und sich ausbreitet, die rekrutiert und aus- und einwandert. Eine unerhörte, wenig verstandene Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines Niemands, eines Vergessenen, eines Mannes, der war, wie viele andere sind. Das mikroskopisch Kleine, um das Globale zu verstehen.
Wir haben auf die Beute der Beute zurückgegriffen und versucht, sie zum Schlüssel für das Verständnis der Geschichte zu machen, gemäß dem Satz, den wir einmal zu Miguel Ángel, dem wir versprochen hatten, aufrichtig zu sein, gesagt haben.
»Warum wollt ihr meine Geschichte erzählen?«, hatte er uns nach Jahren unserer Bekanntschaft an dem staubigen Ort, an dem er geboren wurde, gefragt.
»Weil wir leider glauben, dass deine Geschichte von größerer Bedeutung ist als dein Leben«, antworteten wir verlegen.
Wir hoffen, dass wir jenem Versprechen alle Ehre machen.
Óscar und Juan José Martínez 28. Februar 2018
TEIL I
Nicht mal im Tod wird Miguel Ángel Tobar seinen Frieden finden.
An einem Sonntag, dem 23. November 2014, machen sich sieben Männer daran, ihn unter die Erde zu bringen. Es ist zwölf Uhr mittags auf dem Friedhof von Atiquizaya, im Westen des kleinen zentralamerikanischen Staats El Salvador. Die Sonne brennt einem direkt auf den Schädel, und man muss sich nicht erst bewegen, um zu schwitzen.
Während der Schwiegervater und die Brüder des Toten das Grab ausgehoben haben, stand die Mutter von Miguel Ángel Tobar, eine kleine, grauhaarige Alte, still daneben. Jetzt, da ihr Sohn in dem billigen Teakholzsarg hinabgelassen wird, bricht sie zusammen, schreit, fragt, warum, warum so jung. Warum wieder. Warum noch ein Sohn. Warum noch ein Mord.
Der von der Gemeindeverwaltung gestiftete Sarg hat kein Guckfensterchen. Häufig verzichtet man darauf aus Rücksicht gegenüber den Angehörigen, die keinen verstümmelten Körper in Erinnerung behalten möchten. Bei Miguel Ángel Tobar ist nicht das der Grund. Seine Mörder waren nicht so geschickt wie er im Umgang mit der Pistole. Sie mussten ihre Magazine leeren, um ihn letztlich mit sechs Schüssen niederzustrecken, während er zu flüchten versuchte. Die drei Kugeln, die seinen Kopf durchlöcherten, schlugen an versteckten Stellen ein, hinter dem Ohr. Die Kugeln meinten es gut mit ihm.
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