Römische Überbleibsel tauchen in Südtirol – wenig überraschend in einem Land mit eifriger Bautätigkeit – immer wieder auf: da ein Sockel, dort ein Stück Mauer, auch Münzen. Gleich ein halbes Kilo soll im Hohlraum einer Trockenmauer gefunden worden sein, die man in den 1980ern auf der Seiser Alm beim Bau eines großen Hotels freilegte. Nur acht Münzen wurden später sichergestellt. Von den vielfältigen Funden landeten Einzelstücke in Tal- und Heimatmuseen oder im Südtiroler Archäologiemuseum – dort aber im Depot, seit die Gletschermumie Ötzi das gesamte Gebäude in Beschlag genommen hat. Mauerreste wurden, ebenfalls kaum überraschend, im Lauf der Zeit als Baumaterial verwendet. Oder, als es bereits einen strengeren Denkmalschutz gab, schnell wieder verbuddelt, damit es ja nicht zu langwierigen archäologischen Untersuchungen und Arbeitsunterbrechungen kommt.
Schließlich wäre da noch das Drusus-Stadion
in Südtirols Hauptstadt. Bozen war zur Römerzeit nur eine kleine Militärstation namens Pons Drusi (Brücke des Drusus) und lag in einem Sumpfgebiet. Das Drusus-Stadion ist freilich keine römische Arena, sondern ein kleines Fußballstadion, 1934 in der Zeit des Faschismus eingeweiht und in Erinnerung an eine angeblich glorreiche Zeit nach einem glorreichen Römer benannt. Zuletzt mühte sich darin die Profimannschaft des FC Südtirol, endlich in die zweithöchste italienische Fußball-Liga aufzusteigen. Bisher – Stand 2021 – immer erfolglos.
Muthöfe . Die Höfegruppe hoch über Schloss Tirol liegt auf ca. 1100 bis 1500 m Meereshöhe. Zum höchsten Hof, Hochmuth, führt ab Dorf Tirol eine öffentliche Seilbahn in fünf Minuten; mühsamer auf steilem Fußweg in ca. zwei Stunden. Hochmuth liegt am Meraner Höhenweg, der in sechs Tagesetappen den Naturpark Texelgruppe umrundet. www.seilbahn-hochmuth.it
Stiftskirche Innichen . Vom ursprünglichen Kloster steht nichts mehr. Die im 13. Jahrhundert nach einem Brand neu gebaute Kirche des Stifts gilt jedoch als bedeutendster romanischer Sakralbau der Ostalpen. Das Stiftsmuseum unweit der Kirche enthält einen Teil des Kunstbestandes, der bei den zahlreichen Umbauten der Kirche ausgeräumt wurde. www.1250.bz.it/de/stiftsmuseum
Dietenheim ist das Südtiroler Volkskundemuseum. Einen vagen Eindruck vom bäuerlichen Leben in früheren Jahrhunderten geben die ca. 60.000 Objekte, die das Museum inzwischen gesammelt hat. Die ältesten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Das Museum erstreckt sich über mehr als 20 Gebäude auf drei Hektar. www.volkskundemuseum.it
Die Muthöfe
hoch über Meran gehören zu den steilsten Bauernhöfen im Land. Der sarkastische Rat an Bergbauern in Extremlagen, sie sollten ihre Kinder festbinden, damit sie nicht zu Tal kollern, könnte hier erfunden worden sein. Warum bloß ließen sich Menschen an solch einem „Hurenort“ (vulgärtirolerisch für ein besonders widriges Gelände) nieder?
Die Römer und davor die Räter hatten noch keine Platzprobleme. Später aber, in der sogenannten Völkerwanderung, ließen sich immer mehr Siedler nieder. Im heutigen Tirol waren es vor allem bajuwarische und alemannische Stämme, um ca. 800 bewohnten sie bereits viele der leicht zugänglichen Niederungen. Noch gab es dort genügend Wald zu roden. So ließ der bayerische Herzog Tassilo III. bei Innichen
im Pustertal ein Rodungskloster anlegen, um die Lehre Christi zu verbreiten und nebenbei Acker- und Weideland zu schaffen. Da der Ackerbau insgesamt gute Fortschritte machte und die Bevölkerung wuchs, stieg der Landbedarf kontinuierlich.
Könige übten die angeblich von Gott verliehene Verfügungsgewalt über Grund und Boden aus. Sie festigten ihre Macht, indem sie Kirche, Adel und sonstige Clans mit Ländereien bedachten. Diese Grundherren ließen Bauern als meist rechtlose Leibeigene für sich schuften. Wie aber brachte man sie dazu, auch steile und abgelegene Wälder urbar zu machen und dort oben nutzbringend Landwirtschaft zu betreiben?
Der Köder war das Konzept der sogenannten Schwaighöfe. Die Bauern nahmen die Mühe der Rodung auf sich, bauten Stall und Stadel und für sich eine Hütte. Als Starthilfe überließ ihnen der Grundherr etwas Vieh und kassierte einen jährlichen Zins in Form von Naturalien, meist Käse. Eine Win-win-Situation, denn die Bauern durften den so geschaffenen Hof als ihr Eigen betrachten und sogar vererben. Im Vergleich mit den Leibeigenen ein Privileg.
Wann und wo im heutigen Südtirol die ersten Schwaighöfe angelegt wurden, wissen wir nicht. Wohl deutlich vor 1285, als ein Dokument die Muthöfe zum ersten Mal als Schwaigen erwähnte. Was wir auch nicht wissen: Wurden den Bauern die Flächen zum Roden zugewiesen oder durften sie sich den Platz selbst aussuchen? Waren es eher die Ausgegrenzten, die sich auf das Wagnis einließen? Und waren die, die besonders weit nach oben zogen, besondere Eigenbrötler? Gesichert ist nur, dass Schwaighöfe mit der Zeit bis zur Waldgrenze auf 2000 Metern zu finden waren – Einsiedeleien, fern der Welt.
Um ca. 1500 verloren die Schwaigen ihr Sonderrolle, als auch den Bauern in tieferen Lagen eine Art von Nutz- und Eigentumsrecht zugestanden wurde. Sie mussten zwar weiterhin den Grundherren einen Teil der Ernte als Pachtzins abliefern oder einen Gegenwert in Geld. Aber nun durften auch sie das Nutzrecht des Hofs vererben. Damit entwickelten die Bauern in Tirol früh ein Standesbewusstsein. Das Revolutionsjahr 1848 beseitigte schließlich die letzten Bindungen an die Grundherren – nicht ohne dass diese für die sogenannte Grundentlastung noch einmal kassierten.
Wer danach fragt, warum die steilsten und höchstgelegenen Bauernhöfe auch danach noch bewohnt und bewirtschaftet wurden, bekommt von der Fachliteratur oder in Dietenheim
viele Antworten. Weil dort oben nie so viel übrig blieb, um herunten ein besseres Stück Land zu kaufen; weil es lange keine Industrie mit ihrem großen Bedarf an Arbeitskräften gab, und als diese kam, waren es zunächst italienische Staatskonzerne und die Zeit des Faschismus, die deutschsprachige Südtiroler ausgrenzte; weil Südtirolerinnen und Südtiroler eine besonders starke Bindung zu ihrer Heimat, ihrer „Scholle“, haben – als gäbe es dafür ein besonderes Gen. Die Landflucht, die andere alpine Landschaften prägt, blieb hier jedenfalls aus.
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