Seit Ötzi 1991 hoch über dem Schnalstal aus dem Gletscher taute, machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vieler Disziplinen an ihm rum. Trotz des hohen Alters der Mumie finden sie erstaunlich viel über den „Mann aus dem Eis“ und seine Zeit heraus: über sein Y-Chromosom eine entfernte Verwandtschaft mit jenem Schlag, der heute in Korsika und Sardinien zu Hause ist; dass sich mit seinen Pfeilen und dem selbstgebauten Bogen ein Reh noch aus 50 Metern Entfernung erlegen lässt; dass sein Kupferbeil aus einem Erz der südlichen Toskana geschmolzen wurde.
Doch was wollte er so hoch oben am Similaun
, am Übergang ins Ötztal? Und wer hat ihm jenen Pfeil mit einer Spitze aus Feuerstein in den Rücken geschossen, an dem er schließlich starb? Trotz aller Forschung ist über die frühen Menschen im heutigen Tirol noch vieles Spekulation.
Die allerersten, die sich hier herumtrieben, waren wohl Neandertaler – vor vielleicht 120.000 Jahren, als zwischen einer Kaltzeit und der anderen das Klima für eine Weile erträglicher war. Die ersten noch vorhandenen menschlichen Spuren sind ca. 30.000 Jahre alte Reste von Wurfspeeren aus Bärenknochen. Sie sind bereits ein Werk des Homo sapiens. Er dürfte in einer erneuten Warmphase von Süden her in die Alpen vorgedrungen sein, bis ihn die vorerst letzte Kaltzeit wieder vertrieb.
Sie endete vor rund 12.000 Jahren. Die Gletscher zogen sich in größere Höhen zurück, Flora und Fauna breiteten sich wieder aus, und irgendwann war auch Homo sapiens wieder da. Vorerst als Jäger in kleinen Gruppen, mit inzwischen besseren Waffen: mit Speerspitzen und Dolchen aus messerscharfem Feuerstein, wie auch Ötzi noch einen bei sich trug.
Zu seiner Zeit, am Übergang von der Stein- zur Kupferzeit, hatten die Menschen auch im Alpenraum begonnen, sesshaft zu werden und Ackerbau zu betreiben (ohne je ganz von der Jagd zu lassen; noch heute gibt es in Südtirol über 6000 Jäger, mehr als Weinbauern). An sonnigen Hügeln entstanden erste Siedlungen. Ganglegg
im Vinschgau zum Beispiel, wo ungefähr zu Ötzis Lebzeiten erste Siedler Hütten bauten und sich an Nutzpflanzen versuchten. Forschungen an diesen prähistorischen Siedlungen und an Ötzi selbst, an seiner im Eis konservierten Kleidung, seinen 61 Tätowierungen, seinen Waffen und seinem Feuerzeug ermöglichen eine ungefähre Rekonstruktion
des Lebens in dieser Epoche.
Aus Resten von Mauerwerk, aus Werkzeugen und Schmuck ist zu schließen, dass es dann in der Bronzezeit schon recht viele Siedlungen gab – bewohnt von einzelnen Stämmen, die man später als Räter bezeichnete. Allein auf dem bewaldeten Plateau an der Westseite des Schlern, zwischen den heutigen Ortschaften Völs und Kastelruth, gab es ein halbes Dutzend Siedlungen. Die Bewohner trafen sich oben auf dem Schlern zu Festen und rituellen Opfern. Das jedenfalls wollen Archäologinnen und Archäologen aus Knochenresten, Aschen und Keramikscherben herausgelesen haben. Und am Fuß des Schlern, bei Hauenstein
, hat jemand ein verziertes Bronzeschwert liegen lassen, vielleicht ebenfalls ein ritueller Akt. Das alles ist natürlich kein Vergleich zum sensationell gut erhaltenen Ötzi. An die 300.000 Besucherinnen und Besucher kommen Jahr für Jahr in sein Museum
in Bozen, um ihn durch ein kleines Fenster in seiner Tiefkühlkammer zu bestaunen.
Oben am Similaun lag Ötzi nur 92,56 Meter vor der Grenze zu Österreich. Zum Glück für Südtirol und sein Tourismusmarketing spannte der Mörder seinen Bogen nicht etwas später. Einige Schritte weiter, und Ötzi wäre jenseits der Demarkationslinie umgefallen, die seit 1919 die Staatsgrenze zwischen Italien und Österreich markiert. Dann wäre die älteste bekannte Mumie der Welt heute im Besitz von Nordtirol und läge nicht in Bozen, sondern in Innsbruck. Nicht auszudenken.
Gröden
Gadertal
Museum Ladin , St. Martin in Thurn. Das Museum in einem mittelalterlichen Schloss erzählt in einer sehenswerten Ausstellung die Geschichte der Dolomiten-Ladiner und beleuchtet ihre heutige Rolle in Südtirol. In einer Außenstelle in St. Kassian sind Knochenfunde des Höhlenbären Ursus ladinicus zu sehen, eingefügt in eine Ausstellung über die Entstehung der Dolomiten. www.museumladin.it
Wenn fast alle nur Bahnhof verstehen
Desparé . Das ist Ladinisch, vier Prozent der Bevölkerung in Südtirol sprechen es im Alltag, immerhin gut 20.000. Und schuld sind die Römer.
Um 20 v. Chr. waren sie wieder mal auf Eroberung aus. Ein Stiefsohn von Kaiser Augustus, Nero Claudius Drusus, drang mit einem Heer von der Po-Ebene über Reschen- und Brennerpass bis an die Donau vor. In den folgenden fast 500 Jahren reichte das Imperium Romanum über die Alpen bis weit in das Land der Germanen hinein.
Der Vorstoß überrollte die verstreut in den Alpen lebenden Völker – Räter, wie die Römer sie alle der Einfachheit halber nannten. Deren Gebiet erstreckte sich von der heutigen Zentralschweiz bis Venetien, von Oberbayern bis zu den südlichen Ausläufern der Alpen. Spuren ihrer Siedlungen sind noch zu finden, auch in Stein geritzte Schriftzeichen. Ob die Räter allerdings eine gemeinsame Sprache hatten, ist umstritten. Sicher ist: Sie arrangierten sich zwangsläufig mit den Besatzern der römischen Staatsmacht und fügten deren Vulgärlatein in ihre eigenen Idiome ein. So entstand mit der Zeit eine neue Sprache. Rätoromanisch dürfte in den Zentral- und Ostalpen samt dem Vorland verbreitet gewesen sein, allerdings mit großen regionalen Unterschieden.
Nach dem Zerfall des Weströmischen Reichs drangen nach und nach bajuwarische und alemannische Stämme ins heutige Südtirol vor. Sie setzten sich zunächst in den Tälern von Eisack und Etsch fest, dann auch in höheren Lagen. Ihre germanischen Dialekte verdrängten die Sprache der Räter („Deutsch seit 1200 Jahren“ prahlen deutschtümelnde Aufkleber auf den Autos einiger Südtiroler) und von Süden her setzte ihr das neue Italienisch zu.
Am Ende blieben dem Rätoromanischen nur einige Sprachinseln: in der Ostschweiz, im Friaul und in sechs Dolomitentälern, davon zwei – Gherdëina ( Gröden
) und Val Badia ( Gadertal
) – in Südtirol. In Gröden und im Gadertal sprechen noch heute 90 Prozent der Talbewohner untereinander Ladin , wie das Rätoromanische in den Dolomiten heißt. Die Deutsch- und Italienischsprachigen verstehen dann nur Bahnhof.
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