Götzl Wurden die Plakate bei Ihnen zu Hause aufbewahrt?
Mundlos Nein, das Zeug kam mir nicht ins Haus. Auch meinen Transporter habe ich nicht hergeliehen.
Götzl Was haben Sie denn zu seinen Aktivitäten gesagt?
Mundlos Dass die jungen Leute in der Lage wären, alle staatlichen Aufgaben zu übernehmen, ist Traumdenken, habe ich Uwe gesagt. Sie können nicht mehr Geld ausgeben, als erwirtschaftet wird. Ich habe gesagt: Uwe, was du da machst, das ist völlig unrealistisch.
Götzl Ist inhaltlich diskutiert worden von Ihrem Sohn?
Mundlos Er hatte ein hohes soziales Bewusstsein. Es hat ihn gestört, dass viele Eltern seiner Freunde arbeitslos sind. Ich habe fast einen Vorwurf gespürt, dass es uns nicht so geht. Ich kann verstehen, dass da manch einer die Orientierung verloren hat in der Wende.
Götzl Sie sprachen von einem hohen sozialen Bewusstsein bei Ihrem Sohn. Inwiefern hatte er das?
Mundlos Ja, er hat versucht, seinen Freunden zu helfen, wenn einer in Bedrängnis war. Vor allem bei Uwe Böhnhardt. Da habe ich mich mal maßlos geärgert, das liegt auch an Brigitte Böhnhardt.
Götzl Wie meinen Sie das?
Mundlos Der Prozess mit dem Puppentorso – das geht jetzt aber hart gegen Frau Böhnhardt: Das wurde ja dem Herrn Böhnhardt zur Last gelegt. Aber Frau Böhnhardt wollte, dass mein Sohn ihrem Sohn ein Alibi gibt. Sie stiftete ihn zu einer strafbaren Handlung an. Diese Frau hat immer andere junge Leute bewegt, für ihren Sohn die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Sie hat doch für ihr Rippchen auch andere Leute bewegt, Geld dorthin zu transportieren. Obwohl sie wusste, dass ihr Sohn ein absoluter Zeitzünder ist.
Götzl Was meinen Sie damit?
Mundlos Der Herr Uwe Böhnhardt hat von 1988 an systematisch eine kriminelle Laufbahn begonnen. Mit dem jungen Mann ist etwas schiefgelaufen, was ich nicht erklären kann. Er war tatsächlich eine tickende Zeitbombe. Bekannte aus der Szene sagten mir, das ist ein ganz gefährlicher Mensch. Der kann dich abstechen. Das sagten auch Leute, die keine Feiglinge waren. Sie haben ihn als Psychopathen geschildert. Das muss der Familie Böhnhardt bekannt gewesen sein. Aber das haben sie systematisch verschwiegen. Mein Sohn wusste nicht, mit welchem Menschen er sich da abgab.
Götzl Hat man als Vater nicht die Aufgabe auf seinen Sohn einzuwirken? Wieso haben Sie das nicht mit Ihrem Sohn besprochen?
Mundlos Sie sind ein kleiner Klugsch …
Götzl (unterbricht) Was fällt Ihnen ein! Mich so anzugehen! Noch einmal, und Sie müssen mit Ordnungsmitteln rechnen, Herr Doktor Mundlos.
Mundlos Sie dürfen mich ruhig Professor nennen.
Götzl Nein, ich nenne Sie Doktor Mundlos, weil das Ihr Name ist.
Mundlos Ich bin berechtigt, diesen Titel zu führen.
Götzl Noch mal: Warum haben Sie das nicht besprochen mit Ihrem Sohn?
Mundlos Zur damaligen Zeit waren die Entwicklungen nicht bekannt. Und Sie tun da so arrogant.
Götzl Ich warne Sie, Herr Doktor Mundlos.
Mundlos Herr Professor Mundlos.
Götzl Wie hat der Kontakt zwischen Ihnen ausgesehen?
Mundlos Ich war der Vater, das war mein Sohn.
Götzl Können Sie das genauer beschreiben?
Mundlos Ich habe Computerlehrgänge in seiner Klasse durchgeführt und habe mir Mühe gegeben, dass die Klasse und mein Sohn Vorteile haben. Mein Sohn war ein systemkritisches Kind. Er hat sich in die systemkritische Ecke hineinmanövriert in der DDR. Alle Eltern, die eine SED-Karriere hatten, warnten ihre Kinder, keinen Kontakt mit unserem Sohn zu haben. Bis zur Wende war er systemkritisch und hat auch gegen die Stasi demonstriert. Dann kam er in den rechten Sektor, weil er starke Leute an seiner Seite haben wollte. Der Beate war es lästig, einen Freund zu haben, der durch sein rechtes Aussehen Aufsehen erregt – auch wenn er eigentlich eine ganz harmlose Seele war.
Götzl Ich habe Sie nach dem Verhältnis zu Ihrem Sohn gefragt.
Mundlos Ich habe immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Sohn gehabt. Ich habe ihm immer meine Kritik direkt ins Gesicht gesagt. Den Umfang der rechten Aktivitäten habe ich aber erst durch die Protokolle der Polizei und der Journalisten erkannt. Von Demonstrationen habe ich nichts gewusst. Ich habe damals gedacht, er denkt jetzt wieder klarer, weil er sich entschieden hatte, das Abitur nachzuholen.
Götzl Wie war das Verhältnis zu seiner Mutter?
Mundlos Auch sehr gut. Meine Frau ist eine freundliche, nette, umgängliche Frau. Selbst als er geflohen war 1998, hat sich für sie nichts geändert. Es gibt keinen Grund, dass er vor seiner Familie geflohen wäre. Es gab keinen Grund in der Familie, dass er in die rechte Szene abgedriftet ist. Schade, dass der Opa so früh gestorben ist. Der hätte ihm erzählen können, wie das damals wirklich war.
Götzl Und das Verhältnis von Uwe zu seinem behinderten Bruder?
Mundlos Rührend hat er sich um ihn gekümmert. Das Einzige, was wir ihm vorwerfen: Er hat nicht daran gedacht, dass er später bei der Betreuung des Bruders helfen muss, wenn die Eltern nicht mehr so rüstig sind.
Götzl Wie tief war denn die rechte Gesinnung Ihres Sohnes?
Mundlos Er war jedenfalls nicht erpressbar, weil er noch keine Straftaten begangen hatte. Ich dachte, er könnte noch austreten aus diesem Bereich. Aber ich möchte zum Kern der Dinge kommen: Dass man das Trio bewusst fliehen hat lassen. Der Verfassungsschutz hat ihn rund um die Uhr beobachtet, um ihn psychisch unter Druck zu setzen. Dieser Psychoterror hat enorm dazu beigetragen, Uwe Böhnhardt und meinen Sohn noch irrer zu machen.
Götzl Wie war der Kontakt zu Ralf Wohlleben?
Mundlos Er lieh den dreien das Auto zum Untertauchen. Deswegen habe ich den Ralf Wohlleben eineinhalb Wochen hin- und hergefahren zwischen Wohnort und Arbeit. Da hatte ich das Gefühl, dass er sich auf so Bombendinge nicht einlässt. Er schien mir überlegter, er dachte über Parteien und Wahlen nach und wollte so Einfluss gewinnen. Ich dachte, das ist ein Familienmensch, der mehr den gemäßigten Weg gehen will.
Götzl Wussten Sie, wo sich Ihr Sohn nach der Flucht aufhielt?
Mundlos Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn überredet, sich der Staatsanwaltschaft zu stellen, damit die Propagandalüge über die Bombengarage ausgeräumt wird.
Götzl Haben Sie Kontakt zur Familie Böhnhardt aufgenommen?
Mundlos Ja, das war eine traurige Geschichte: Die Familie hat uns gesagt, dass die drei bei Verwandten auf dem Lande in Mecklenburg-Vorpommern untergetaucht seien. Leider hat uns die Familie Böhnhardt sträflich belogen. Sie hat auch nicht die Grüße von Uwe an meine Frau und mich ausgerichtet und uns auch nicht über Rückholungsverhandlungen mit der Staatsanwaltschaft informiert. Die Staatsanwaltschaft sagte uns später, dass die Familie Böhnhardt vor allem wollte, dass Uwe Böhnhardt statt 2,5 Jahren nur ein halbes Jahr Haft bekommt. Familie Böhnhardt hat uns schwerstens enttäuscht. Jeder Kurier, der bei Lehrerin Böhnhardt aufgeschlagen ist, hat sich strafbar gemacht, weil er Verbrecher unterstützt. Und die jammert uns hier etwas vor! Sie hat Beate Zschäpe und meinen Sohn eingesetzt, um ihrem Sohn ein paar Jahre mehr in Freiheit zu verschaffen. Das ist die unterste Schublade für mich.
Götzl Sie sprachen von Verwandten in Mecklenburg-Vorpommern? Haben Sie da nicht nachgefragt?
Mundlos Nein, ich war da so vertrauensselig. Sie hat aber auch den sterbenden Schwan gegeben. Darf ich Ihnen noch mal den Begriff Propagandalüge erklären, was ich damit vorher gemeint habe?
Götzl Sie wollen mir immer alles Mögliche erklären. Manchmal frage ich mich, ob Sie auf meine Fragen überhaupt eingehen.
Mundlos Ich gehe darauf ein, aber Sie wollen mich immer abbügeln. (Pause.) Darf ich noch einen Satz an die Opfer richten? Ich bin unbedingt überzeugt, dass die Verbrechen aufgeklärt werden müssen. Ich kann tief mitempfinden, auch jetzt vor Weihnachten, welchen Schmerz es verursacht, wenn Angehörige heimtückisch ermordet werden. Auch ich will, dass aufgeklärt wird, wer hinter dieser Sauerei steckt. (Unruhe und Gelächter im Saal.) Sie können ruhig lächeln, aber das deutsche Volk wird Ihnen das hier nicht abkaufen.
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