Immer schneller ging ich mit Matilda den Laugavegur hinunter. Dies war die Zeit, zu der sich vor dem kaffi gógó oft eine Schlange bildete, und ich wollte auf keinen Fall warten. Matilda bemerkte den Rauch zuerst. Ich hatte ihn für eine verirrte Wolke gehalten, bis ich den beißenden Geruch wahrnahm und das Flackern des Blaulichts sah. Als wir an die Polizeiabsperrung herangingen, sahen wir, dass eines der alten Häuser auf dem Laugavegur in Flammen stand.
Matilda sagte:
»Da wohnt doch Dagur.«
»Wer?«
»Na, Daggi!«
Aus den Dachfenstern des mit Wellblech gedeckten Hauses, deren Scheiben schon gesprungen waren, quollen im Wechsel schwarze und graue Schwaden hervor. Durch die Stellen, an denen die Wellblechbahnen auf dem Dach zusammengenagelt waren, kroch ebenfalls Rauch, in ordentlichen Linien. Vor dem Haus war ein Gewirr aus gelbem Absperrband, Schläuchen und Drehleitern entstanden. Wie ein Vorhang aus Gaze legte sich feine Löschwassergischt um die Feuerwehrautos. Wir tauchten unter der Absperrung hindurch und gingen auf einen roten Bus zu, in dessen Fenster ein Schild hing, auf dem »Feuerwehr Reykjavík « stand und dass hier die geretteten Bewohner betreut würden. Der Bus war leer.
Ein Polizist in einem schwarzen Schneeanzug, der mit den Reflektorstreifen an Armen und Beinen aussah wie ein übergroßes Schulkind, scheuchte uns hinter die Absperrung zurück.
»Hat sich jemand verletzt?«, fragte Matilda den Polizisten. Er hielt eine Tasse in der Hand, aus der Dampf aufstieg.
»Wir wissen noch nichts Genaues.«
»Ein Freund von mir wohnt da drin. Sind denn alle raus?«
»Das können wir noch nicht sagen.«
Wir stellten uns auf den Parkplatz, der dem brennenden Haus direkt gegenüberlag. Ein gelber, fast quaderförmiger Wasserwerfer der Flughafenfeuerwehr rangierte sich in Position, um die Brandschutzwand zu dem Haus mit dem Schuhgeschäft zu bespritzen. Alle Feuerwehren aus Südwestisland schienen ausgerückt zu sein. Die ankommenden Feuerwehrmänner entluden hastig ihre silbern glänzenden Atemschutzgeräte. Sie trugen Gummistiefel, die aussahen wie Köpfe von riesigen Gelbwangenschildkröten. Es war kalt und merkwürdigerweise auch still. Nur das Rattern der Dieselmotoren war zu hören; gelegentlich heulte ein Elektromotor auf und eine Drehleiter schob sich in die Höhe. Da erschien der dichte schwarze Rauch, der auf der Rückseite des Hauses aufstieg, plötzlich in einem roten Feuerschein. Wenig später flackerte es in den Fenstern des obersten Stockwerks auf. Das Feuer schien an dem Wasser vorbei zu brennen, die Flammen standen unbeeindruckt wie Ausstellungsstücke in den Fenstern, auf die die Feuerwehrmänner auf den Leitern mit Hochdruck zielten. Auch als der ganze Dachstuhl innerhalb von Minuten in Flammen stand, blieb das Feuer absolut still.
Das inzwischen knöchelhoch auf dem Laugavegur stehende Löschwasser trug Hotdog-Tütchen, Colabecher und Zigarettenkippen davon. Eine Gruppe junger Männer in Jeans und beigebraunen Wolljacken stand neben uns auf dem Parkplatz herum, auch sie tranken Bier. Einer trat gegen einen der prallen Schläuche und sagte: »Wow.« Ich sah mich um. Hinter mir standen inzwischen mindestens hundert Schaulustige: hauptsächlich Ausgänger, aber auch einige der Pfandflaschen sammelnden Rentner und Asiaten, die sich sonst durch nichts von ihrer Mülleimerrunde abhalten ließen. Neben uns stand ein grauhaariger Mann in einem Fleecepullover, der starr in das Feuer blickte. Wenn ich ein Brandstifter wäre, dachte ich, hätte ich mich auch genau hierhin gestellt, denn aus dieser Perspektive sah man alles: die Flammen, die Feuerwehrmänner und die Polizisten, die von einem Leuchtstreifenbein auf das andere sprangen, um sich zu wärmen. Matilda sprach laut in ihr Telefon:
»Daggi, endlich! Dein Haus brennt, Mann. Ich weiß auch nicht. Okay, bye!«
»Was hat er gesagt?«, fragte ich.
»Was soll er schon gesagt haben«, sagte Matilda. »Scheiße, hat er gesagt. Zum Teufel. Und fokk.«
Dagur.
Ich erinnerte mich nur dunkel an Dagur. Wahrscheinlich hätte ich ihn wie die meisten meiner Grundschulkameraden vollkommen vergessen, wäre er nicht der Sohn von Kjartan Benediktsson, Kjartan dem Reichen, gewesen. Kjartans Familie gehörte die Mýrar hf, die das isländische Wirtschaftsleben dominierte und aufgrund ihres weit verzweigten Firmennetzwerks von vielen ›der Krake‹ genannt wurde. Die Mýrar hf war der größte Lebensmittelproduzent des Landes, der größte Importeur von Autos, Benzin und Elektrogeräten, ein bedeutender Exporteur von Fisch, besaß Baufirmen, Reisebüros, mehrere Verlage und einen Fernsehsender. Schon in der Grundschule wusste jeder von Dagurs besonderer Herkunft, und er litt sehr darunter: Im Unterschied zu seiner jüngeren Schwester, die den Ruhm ihrer Familie täglich mit Herrinnenschritt zur Schule trug, schlich sich Dagur, meist ein paar Minuten zu spät, mit hängendem Kopf ins Klassenzimmer. Er erweckte immerfort den Eindruck, dass er sich für die Stellung seiner Familie schämte, was dazu führte, dass die gesamte Schülerschaft auf ihm herumhackte, während niemand gegen seine Schwester auch nur ein Wort sagte.
Seit unserer Grundschulzeit hatte ich Dagur nicht mehr gesehen. Trotzdem erkannte ich ihn sofort, als ich ihn nun zu seinem brennenden Haus rennen sah. Dagur war nicht besonders groß geworden; seine langen Haare waren zu blonden Dreadlocks verfilzt, die wild auf- und absprangen. Er hielt mit beiden Händen seine weite Jeans fest und trug einen Pullover mit der Aufschrift Vöfluvagninn. Das erklärte, warum er so schnell hier war, denn der Waffelwagen, an dem tagsüber Kinder und nachts betrunkene Kinder Waffeln mit Eis kauften, stand keine zwei Minuten entfernt auf dem Lækjatorg. Matilda wollte ihm etwas zurufen, doch er würdigte uns keines Blickes, zerriss wie ein Langstreckenläufer beim Zieleinlauf das gelbe Absperrband, schubste einen Feuerwehrmann aus dem Weg und griff sich ein Atemschutzgerät. Ein Polizist kam angerannt, doch da war Dagur schon in dem Haus verschwunden.
Kurze Zeit später erschien er in einem Fenster im ersten Stock. Ein dicker Aktenordner flog heraus und verfehlte nur knapp den Kopf eines Feuerwehrmanns. Bald standen die Einsatzkräfte in einem Regen von Videokassetten und Kleidungsstücken. Sogar CDs warf Dagur aus dem Fenster, deren Hüllen beim Aufprall aufplatzten und ihren glänzenden Inhalt freigaben. Es war ein kurzer, heftiger Regen, dann war Dagur, ebenso plötzlich wie er in dem Fenster aufgetaucht war, wieder verschwunden. Unter den Schaulustigen um uns herum waren die Gespräche verstummt.
Dagur tauchte in demselben Fenster wieder auf. Er hatte eine Kiste auf das Fensterbrett gestellt, die nur wenig kleiner war als ein Mineralwasserkasten. Sie schwankte hin und her, Dagur sah unschlüssig herunter. Die Feuerwehrleute riefen etwas zu ihm hinauf, das ich nicht verstand. Da rannte ich an dem Polizisten vorbei, der einen Moment zu spät reagierte, um mich festhalten zu können, rannte bis unter das Fenster und streckte die Arme aus. Dagur ließ die Kiste los, die in der Luft eine halbe Drehung vollführte, bevor ich sie auffing. Ich knickte in den Knien ein und verlor fast das Gleichgewicht. Eine Sekunde lang dachte ich, ich hätte mir die Arme gebrochen, so stark war der Schmerz. Als ich wieder hinaufsah, war Dagur fort. Der Feuerwehrmann auf der Drehleiter über mir spritzte in ein Fenster, dann in ein anderes. Ein Polizist packte mich an einem der schmerzenden Arme. Ich sah ihn an, als er mich plötzlich losließ und herumfuhr. Die Menge der Schaulustigen klatschte, johlte, pfiff – Dagur stand vor dem Haus! Er schmiss die Atemschutzmontur von sich wie ein Rockstar seine Gitarre und begann, seine Sachen zusammenzusuchen. Die Menge jubelte weiter, der Polizist schrie etwas von Einsatzbehinderung und Nötigung, doch Dagur hörte nicht zu. Schon nicht mehr ganz so laut rief der Polizist, dass er ihn eigentlich verhaften müsse, doch da hatte Dagur seine CDs, Kleidungsstücke, Aktenordner und Videokassetten bereits aufgehoben und zog sich hinter die Absperrung zurück. Ich folgte ihm.
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