Um so glücklicher war ich darüber, dass die dritte von mir vermittelte Liebe nun gehalten hatte. Svend hatte sogar sein Segelboot von Göteborg nach Reykjavík überführt. Seit ich Matilda kannte, träumte sie von einem Segelboot. Im vergangenen Sommer waren wir oft zu dritt auf die Faxa-Bucht hinausgesegelt.
Matilda riss die Verpackung des Traums auf und sagte:
»Ich habe mit Svend Schluss gemacht.«
»Was soll denn das?«
»Woher soll ich wissen, was das soll?«
»Als wir vor drei Wochen telefoniert haben, hast du noch gesagt, es sei schön.«
»Na und?«
»Ihr wolltet euch ein Landhaus kaufen, in Småland.«
»Ja. Mit Kamin. Pff.«
Ich sah sie an, sie sah hinaus, in die gleiche Richtung wie der Taxifahrer. Dann kurbelte Matilda das Fenster herunter, so weit die verbeulte Fahrertür es zuließ. Kaffeeschlürfende, Asche in den Sturm schnippende Verachtung. Mehr hatte sie nicht übrig für den hehren, vollkommenen, von mir handgecasteten Svend. Einen Moment lang überlegte ich, ob Matilda eine neurotische, glücksunfähige Diva sei, der man es nie recht machen könne. Doch dieser Gedanke tat mir weh, woraufhin ich mich noch mehr ärgerte, denn es war ihre Schuld, dass ich nun schlecht über sie dachte.
»Es war eben einfach nur schön. Genau wie er. Er war so schön und intelligent … «
»… und sympathisch«, sagte ich.
»Das auch noch! Und dauernd dieses Segeln.«
»Segeln ist doch … schön.«
»Pff!«
»Du hast dir immer jemanden gewünscht, der segeln kann.«
»Das ist es ja gerade. Er kann segeln, hat Stil und ist trotzdem kein Snob. Er hat Geld und ist trotzdem nett; aus guter Familie, aber kein Spießer; lieb und trotzdem cool; kann immer trinken, muss aber nicht. Er ist alles, was ich mir immer gewünscht habe. Alles gleichzeitig!«
Ich schwieg. Der arme hehre, ganz und gar vollkommene Svend.
»Und daneben dann ich!«, fuhr Matilda fort. »Wie ein beflecktes Detail, das man vergessen hat, aus der sauberen, schönen Prince-Denmark-Werbung rauszuschneiden.«
»Du hast mit ihm Schluss gemacht, weil du nicht in eine Prince-Denmark-Werbung passt?«
»Ich habe Schluss gemacht, weil er reinpasst.«
»Das kannst du doch nicht ernst meinen.« Ich wusste, dass sie das sehr ernst meinte.
»Svend ist noch nicht einmal Däne«, sagte ich dann.
»Schwede. Noch schlimmer. Bei denen ist alles immer so … perfekt.«
»Er war ja auch perfekt für dich.«
»Er war nicht perfekt für mich, er war einfach nur perfekt. Das ist ein Unterschied.«
»Sei nicht albern.«
»Was regst du dich eigentlich so auf? Ich kann doch Schluss machen, mit wem ich will.«
»Nicht mit Svend!«, sagte ich und ärgerte mich über den Nachdruck, den ich gerade diesem Satz verliehen hatte. Es hätte bessere Sätze dafür gegeben.
»Du hättest mir zumindest vorher Bescheid sagen können. Immerhin habe ich euch zusammengebracht.«
»Ach das ist es! Dir tut es überhaupt nicht leid, dass ich wieder allein bin. Du bist nur beleidigt, weil du ihn ausgesucht hast. Dabei hast du das nur gemacht, weil du es nicht aushalten konntest, dass ich allein war und du verliebt.«
»Und du hast dich natürlich nur aus Höflichkeit mir gegenüber in Svend verliebt.«
»Du musstest mich eben unter die Haube bringen.«
»Ich wollte dich noch nie unter die Haube bringen.«
»Und was war das damals mit diesem flaumbärtigen Handball-Inder, der dachte, die Smiths seien eine Baseballmannschaft aus Boston? Der nie die Trainingsjacke ausziehen wollte, auf der sein Name stand? Wie hieß er noch gleich?«
»Das weißt du ganz genau.«
»Nein, ich weiß es nicht mehr.« Sie wusste genau, dass Radjif Radjif hieß. Immerhin stand es auf seiner Trainingsjacke. Sie tat das nur, um mich zu ärgern.
»Das ärgert mich überhaupt nicht«, sagte ich.
»Natürlich. Ich laufe den ganzen Tag herum und denke, hmm, was könnte ich tun, um dich zu ärgern. Na klar! Unglück in mein Liebesleben bringen.« Matilda kurbelte die Fensterscheibe wieder hinauf, da die Sturmböen immer stärker wurden.
»Du gibst den Männern keine faire Chance. Denk nur an Tomas.«
»Fang nicht wieder von diesem schwedischen Alkoholiker an.«
»Tomas war kein Alkoholiker, sondern Wodkapromoter.«
»Er ist mir mit zwei Promille in die Seite gefahren, nachdem ich ihn abserviert habe.«
»Das ist eine unübersichtliche Situation gewesen.«
»Nachts um zwei im Kreisverkehr an der Hringbraut?«
»Außerdem tat es ihm leid.«
»Das Einzige, was ihm daran leid tat, war, dass ich ein schwedisches Auto hatte.«
»Aber Svend war anders.«
»Ja. So anders, dass es gar nicht auszuhalten war. Ich habe mich neben ihm nicht ausgehalten. Eine merkwürdige Frau mit einem merkwürdigen Job in einer merkwürdigen Daunenjacke aus einem merkwürdigen Land. Ich hatte das Gefühl, er wollte sein Leben durch mich ironisch brechen, weil sonst alles zu perfekt gewesen wäre.«
»Was ist daran schlimm, wenn etwas mal perfekt ist? Du wehrst dich so sehr dagegen, das ist ja … neurotisch.«
»Wenn du nicht so scheißglücklich wärst, könntest du gar nicht so reden.«
»So ein Quatsch.«
»Wenn du verliebt bist, muss ich auch jemanden haben. Als wären wir eine verdammte Elefantenherde, wo sich alle zur gleichen Zeit paaren müssen, damit der Nachwuchs nicht das ganze Jahr über die Herde aufhält.«
Matilda wusste, dass ich für Tiermetaphern sehr empfänglich war. Ich dachte an Elefanten, deren stoisches Vegetationszertrampeln und Bäumezerrupfen sich in eine jähe Paarungsorgie verwandelte, die nach ein paar Stunden ebenso schnell vorbei war, wie sie begonnen hatte. Matilda hatte Recht. Auch mir war aufgefallen, dass sich unsere Beziehungszyklen angeglichen hatten. Nur dass sich bei uns statt Nachwuchs meist Ernüchterung einstellte.
»Wenn dich dann wieder jemand sitzen lässt, bist du froh, dass ich auch wieder allein bin.«
»Mich lässt diesmal keiner sitzen!«, sagte ich, vielleicht etwas zu triumphierend.
»Dich lässt diesmal keiner sitzen. Herzlichen Glückwunsch! Freu dich doch. Und erklär mir, warum ich mich deswegen nicht trennen darf.«
»Wer sagt das?«
»Du. Eben gerade.«
Es überraschte mich, dass sie Recht hatte. Eigentlich hatte ich doch Recht. Ganz abgesehen davon ärgerte es mich, dass Matilda, obwohl sie Recht hatte, nicht einfach mal ihrem Glück eine Chance geben konnte. Aber so was kann man ja nicht sagen.
»Warum konntest du deinem Glück nicht einfach mal eine Chance geben?«
»Das darf ich ja wohl selber entscheiden!«
»Man weiß selber nie, was Glück ist.«
»Dann sag du es doch. Sag, was für mich Glück ist.«
»Schon gut, schon gut!«, sagte ich. Dann fragte ich endlich, was ich schon die ganze Zeit fragen wollte:
»Kann Svend trotzdem mit uns Weihnachten feiern?«
»Er ist sofort nach Göteborg zurück.«
»Aber sein Segelboot.«
»Pff.«
»Wir wollten doch zusammen Weihnachten feiern. Nur wir vier.« Das war die Idee. Nun war unsere ohnehin sehr überschaubare Familie der weihnachtlichen Wahlverwandschaften bereits am Freitag vor dem ersten Advent um eine Person geschrumpft.
»Entschuldige, dass ich nicht in deinen Weihnachtsplan passe. Ich bin halt nicht so perfekt.«
Ich beschloss, trotz des Orkans türenschlagend das Auto zu verlassen, wenn Matilda noch einmal das Wort perfekt in den Mund nehmen sollte. Warum hasste sie es so sehr? Das war ein Wort wie jedes andere, es konnte nichts dafür, dass es um die meisten Menschen so schlecht stand.
»Was findest du an perfekt bloß so schlimm?«
»Perfekte Menschen sind keine Menschen.«
»Das ist so kindisch.«
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