•Es gibt viele gute Gründe, das Buch zu lesen. Einer davon ist, dass Sie damit die Wahrscheinlichkeit senken können, selbst dumme Dinge zu denken.
01 Weil wir Muster erkennen, wo keine sind
People want to see patterns in the world.
It is how we evolved. We descended from those
primates who were best at spotting the telltale
pattern of a predator in the forest,
or of food in the savannah.
Benoît Mandelbrot
Menschen wollen Muster in der Welt sehen.
So haben wir uns entwickelt. Wir stammen von
denen ab, die am besten das verräterische Muster
eines Raubtieres im Wald oder von Nahrung in der
Savanne erkennen konnten.
Benoît Mandelbrot
Selbst ausprobiert!
Was sehen Sie in dem Bild unten? Angenommen, Sie sollen jemandem am Telefon dieses Kanizsa-Dreieck beschreiben: Was sagen Sie?
Reden Sie von Dreiecken? Eigentlich sind nur Winkel und Kreissegmente zu sehen. Die Winkel sind identisch und so aufeinander ausgerichtet, dass sie zusammen ein Dreieck mit blauem Rand bilden könnten. Auch die Kreissegmente sind identisch und so angeordnet, dass es drei vollständige blaue Kreise sein könnten, die aber zusammen von einem weißen Dreieck verdeckt sind.
Aber hätten Sie am Telefon von ausgerichteten, teilweise verdeckten Winkeln und Kreissegmenten geredet? Oder von Dreiecken?
Wir sehen ein weißes Dreieck, auch wenn keines abgebildet ist. Es fällt uns leicht, dieses Dreieck zu erkennen. Es fällt uns im Allgemeinen leicht, Muster zu erkennen. Menschen sind gut darin.
Was steckt dahinter?
Stellen Sie sich eine Mathelehrerin vor, die einen Schuhkarton voller Dreiecke, Kreise, Kreissegmente, Winkel und allerhand Figuren für den Geometrie-Unterricht in die Klasse trägt. Sie stolpert. Der Inhalt des Schuhkartons landet auf dem Boden. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kanizsa-Dreieck aus den herausgefallenen geometrischen Figuren ergibt? Schwer zu sagen. Aber es ist wahrscheinlicher, dass die Figur aus drei blauen Kreisen mit zwei weißen, darüberliegenden Dreiecken entstand. Nicht aus drei Winkeln und drei Kreissegmenten, die jeweils ganz zufällig ganz perfekt aufeinander ausgerichtet sind. Wenn wir gerade nicht wissen, womit wir es zu tun haben, sind Muster die sichere Wette.
Die Fibonacci-Folge beschreibt ein Muster, das sich in der Natur an vielen Stellen finden lässt.
Auch in den Blütenblättern einer Blume …
… und in einem Schneckenhaus. © Pixabay
Angenommen, Sie probieren zum ersten Mal eine Spielkonsole aus. Sie schalten sie «ein» und drücken wahllos auf ein paar Knöpfe. Verschiedene unbekannte Geräusche erklingen und bunte Bilder strömen auf Sie ein. Es ist ein heilloses Durcheinander. Ständig verändert sich etwas. Ob Sie diese Szenen durch das Drücken auf die Knöpfe beeinflussen, wissen Sie nicht. Sie können einfach keinen Sinn in Geräuschen und Bildern erkennen. Was jetzt? Sie könnten die Gebrauchsanweisung aufschlagen oder jemanden fragen, der sich auskennt. Bei der neuen Spielkonsole geht das sicherlich. Doch was, wenn es weder Kundige noch Gebrauchsanweisungen gibt? Das ist im Leben leider öfter der Normalfall als die Ausnahme.
Sie kommen in eine Situation mit unbekannten Menschen, die sich erbost in einer fremden Sprache über etwas aufregen. Über Sie und Ihr Verhalten vielleicht? Sie wissen es nicht. Sie müssen sich selbst helfen. Sie tun das, indem Sie Muster aus der Situation herauslesen. Wird der Ärger größer, nachdem man Sie anschaut? Verändert er sich, wenn Sie versuchen sich aus dem Staub zu machen? Was tritt zusammen auf? Was nacheinander? Außerdem: Was haben Sie in Ihrem Repertoire gemachter Erfahrungen, das solche Situationen beruhigt?
Ganz schlimm trifft es Neugeborene. Sie kommen in eine für sie völlig unverständliche Welt. Und sie können noch nicht einmal auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen. Aber Hilfe ist zur Hand: der Muster-Erkennungsmechanismus! Er hilft, Sinn aus den jeweiligen Situationen zu machen. Was tritt zusammen oder nacheinander auf? Dinge, die immer nacheinander auftreten, werden zu einem zusammengefasst. Das können schon die ganz Kleinen. Wenige Tage alte Babys wurden in einer Studie [01-01]1hintereinander verschiedene Formen gezeigt, die einem logischen Muster folgten. Ungefähr so:
Haben Sie das Muster schon erkannt? Nach einem Quadrat kommt immer ein Kreuz. Nach einem Kreis kommt immer ein Dreieck. Die Neugeborenen haben nach wenigen Minuten schon Zusammengehörendes zusammengefasst. Die Babys haben die Bilderfolge gelernt und sich bei weiteren Kreis-Dreieck- oder Quadrat-Kreuz-Kombinationen gelangweilt. Erst neue Kombinationen erweckten ihr Interesse.
Ältere Babys lernen aus ununterbrochenen Lautströmen der Sprache, die auf sie einprasseln, erst die einzelnen Laute zu unterscheiden und dann die einzelnen Worte. In der Forschung wird bei all dem von statistischem Lernen 01-02, vom Lernen der statistischen Eigenschaften der Umwelt, gesprochen. In einer Studie 01-03wurde acht Monate alten Babys Kunstsprache wie folgt vorgespielt:
Zwei Minuten reichten für die Babys. Dann hatten sie die Wörter dieser Kunstsprache entdeckt. Haben Sie die vier versteckten Kunstwörter finden können? Hier sind sie:
Mustererkennung überall
Das Erkennen von Mustern und Regelmäßigkeiten hilft uns, die Welt immer besser zu verstehen. Eine funktionierende Mustererkennung ist so wichtig für uns, dass die Evolution auf Nummer sicher gehen wollte. Dabei hat sie wohl etwas zu dick aufgetragen. Selten wird ein Muster übersehen, obwohl es da ist. Aber häufig werden Muster erkannt, wo keine sind. Und wir finden Muster überall.
Ein Punk aus Felsen
Ein Gesicht im Flugzeug
Wir sehen optische Muster (wie ein Kopf im Felsen und bemerken zeitliche (wie nach «pa-bi» kommt immer «ku»). Wir finden aber auch Muster im Verhalten unserer Mitmenschen. Möglicherweise «erkennen» wir ähnliche Eigenschaften bei Menschen, die alle in den Wochen vor dem Frühlingsanfang geboren sind. «Fische halt!» Möglicherweise sehen wir auch Ähnlichkeiten bei denen, die im selben Jahr geboren sind, und schwören daher auf chinesische Astrologie. Möglicherweise drängen sich uns noch andere Muster für das Verhalten von Menschengruppen auf, die wir nicht so genau kennen.
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