Auf einmal öffnete sich die Tür der Diebeshöhle.
Wir erstarrten vor Schreck. Als sei nichts weiter dabei, marschierten der Reihe nach fünf Männer, allesamt von kräftiger Statur und mit der Aura einer militärischen Einsatztruppe, der Reihe nach aus der Wohnung und die Treppe hinab. Sie liefen zügig, aber nicht hektisch und schleppten dabei allerlei Kisten und Rucksäcke. Mit versteinertem Gesicht und offenen Kinnladen blickten wir ihnen hinterher. Sie beachteten uns nicht weiter. Der letzte ließ die Tür hinter sich zufallen. Zumindest fast, denn ich nahm unauffällig Marvins Zeichenstift, der neben ihm auf dem Boden lag, und klemmte ihn in den sich schließenden Spalt. Der Mann schien das Geräusch einer zufallenden Tür nicht zu vermissen. Die Schritte der Gruppe hallten durch das Treppenhaus.
„Wer sind denn die?“, fragte Lilli ungläubig.
„Die will ich aber nicht verfolgen“, murmelte Marvin.
„Die Flucht über den Balkon war also nur eine Ablenkung“, flüsterte ich, stand auf, klopfte mir den Staub ab und schlich zu dem offen stehenden Fenster. Die Männer verließen der Reihe nach das Haus und gingen hintereinander die Gasse entlang. Als der Letzte von ihnen unter mir erschien, wandte er sich an seinen Vordermann und fragte: „Die Straßenkarte hast du?“
„Habe ich nicht“, sagte dieser, ohne sich umzudrehen oder seinen Schritt zu verlangsamen.
Der Letzte der Bande blieb stehen und tastete sich ab. Lilli erschien neben mir am Fenster.
„Ich glaube, sie haben was vergessen. Eine Straßenkarte“, flüsterte ich ihr zu.
„Schnell“, sagte Lilli und flitzte in die Wohnung.
Marvin und ich sahen uns an.
„Immer das Gleiche mit ihr“, sagte er, verschlang den verbleibenden Happen und rappelte sich auf.
Mein Blick fiel zurück hinunter in die Gasse. Dort untersuchte das Schlusslicht der Truppe jetzt seinen Rucksack, während sich die anderen weiter von ihm entfernten.
„Hilf Lilli, die Straßenkarte zu finden. Der kommt bestimmt gleich zurück“, sagte ich zu Marvin.
Doch der war schon bei Lilli in der Wohnung.
Mit wachsender Panik beobachtete ich, wie das Bandenmitglied kurz darauf sein Gepäck schulterte und sich anschickte, wieder nach oben zu kommen.
„Wir bekommen Besuch“, rief ich den anderen zu.
„Hier ist das reinste Chaos“, hörte ich Lilli rufen.
Nun betrat der Mann das Treppenhaus unter uns.
Ich flitzte zur Wohnungseingangstür. In der Diebeshöhle herrschte ein wildes Durcheinander.
„Jetzt oder nie“, flüsterte ich.
„Wir finden nichts“, sagte Marvin, der sich verzweifelt umsah.
Ich hörte das Bandenmitglied die Stufen rasch emporsteigen.
„Ich habe sie!“, sagte Lilli.
„Dann raus hier!“, rief ich.

Wo lag die Straßenkarte?
Brauchst du einen Tipp?
KAPITEL 07
Der versteckte Mann
Lilli genügte ein kurzer Blick auf die Straßenkarte, die sie hinter dem alten Grammofon gefunden hatte. Sie prägte sich ein, was sie sah.
Doch jetzt war es zu spät, um die Wohnung noch zu verlassen. Das Bandenmitglied stapfte bereits die Treppe zu unserer Etage hinauf.
Möglichst schnell und lautlos schloss ich die Eingangstür. Lilli platzierte die Karte auffällig mitten im Raum, damit der Dieb sie sofort finden würde, wenn er die Wohnung betrat.
Hastig versteckten wir uns im Schlafzimmer.
Wir hörten, wie sich die Tür öffnete und der Mann in die Wohnung stürmte. Er blieb unvermittelt stehen, murmelte etwas zu sich selbst und machte postwendend wieder kehrt. Gleich darauf wurde die Wohnungstür geschlossen.
Wie sich herausstellte, hatte er die Straßenkarte gefunden, denn als wir unser Versteck verließen, war sie weg. Anschließend durchsuchten wir weiter die Diebeshöhle, während wir auf die Rückkehr der beiden Polizisten warteten, fanden aber keine neuen Hinweise. Als die Beamten schließlich die Wohnung betraten, konnten auch sie nichts Gutes berichten. Leider hatten sie Herrn Hut im Gewirr des Marktplatzes aus den Augen verloren. Sie nahmen uns mit auf ihr Polizeirevier, um unsere Aussagen aufzunehmen.
„Und du bist sicher, dass auf der Straßenkarte Bloodhound Castle verzeichnet war?“, fragte Kommissarin Well zum wiederholten Male.
„Ganz sicher,“ grummelte Lilli erschöpft.
Das Polizeirevier glich einem Backofen. Draußen war es schon heiß, aber wenigstens wehte dort ein angenehmes Lüftchen. Hier drinnen stand die Luft und alle schwitzten. Wir hatten die Kommissarin überzeugt, eine Streife nach Bloodhound Castle zu schicken, da wir vermuteten, die Bande würde dort bald zuschlagen. Die Polizisten hatten bereits vor über einer Stunde Stellung bezogen.
Zwischenzeitlich hatte Kommissarin Well einiges über Bloodhound Castle herausgefunden. Es handelte sich um ein altes burgähnliches Gemäuer, mitten in einem Sumpfgebiet. Den Namen verdankte das Gebäude der Legende, dass sich angeblich riesige wilde Hunde in den Sümpfen herumtrieben. Kommissarin Well hielt dies jedoch für ein Ammenmärchen, das Fremde vom Schloss und dem durchaus gefährlichen Feuchtgebiet fernhalten sollte.
Die größte Überraschung ihrer Recherche bestand jedoch in der Erkenntnis, dass Bloodhound Castle vor einigen Jahren von James Eckles gekauft worden war. Derselbe James Eckles, der hinter der Schatzsuche steckte, auf der wir uns seit heute Morgen befanden. Das konnte kein Zufall sein. Die im Museum gestohlene Flagge musste Hinweise enthalten, die auf Bloodhound Castle verwiesen. Bestimmt hatte die Bande deswegen das alte Gemäuer auf der Straßenkarte markiert und befand sich mittlerweile wahrscheinlich auf dem Weg dorthin.
„Funk doch nochmal die Streife an,“ sagte die Kommissarin zu einer Kollegin, die vor einer großen Apparatur mit allerlei Knöpfen und Skalen saß. Diese seufzte und drehte an einem Regler, bis auf einem Display die Frequenz 103.2 erschien.
„Revier Nummer zwei hier. Wie sieht es aus, Kollegen?“, sprach sie in ein Mikrofon.
„Streife fünf hier. Weiter alles ruhig. Wie lange sollen wir hier noch rumsitzen?“, krächzte es aus einem der Lautsprecher.
Kommissarin Well atmete tief durch, während sie uns musterte. „Er soll noch zwei Stunden durchhalten“, sagte sie ihrer Kollegin, die die Anweisung weiterreichte.
Ein junger Polizist eilte uns entgegen und wedelte mit einem großen Papierumschlag. „Hier sind die Bilder der Überwachungskameras“, rief er.
„Vom Museum? Auf den Tisch da!“, sagte die Kommissarin.
Die Aufnahmen zeigten allesamt Herrn Hut. Herr Hut, wie er das Museum betritt, wie er durch die Ausstellung schlendert, wie er das Diadem an sich nimmt und damit den Alarm auslöst, wie er die Flagge in seine Tasche steckt und schlussendlich auch wie er die Tasche im Kinderwagen platziert.
„Ich glaube das einfach nicht“, sagte die Kommissarin.
„Was genau?“, fragte der junge Polizist.
„Auf keinem der Fotos sieht man sein Gesicht. Ihr habt mir zwar von dem Tattoo auf seinem Handrücken berichtet, aber ein Bild von seinem Gesicht wäre wirklich hilfreich.“
Wir alle schauten uns die Aufnahmen nochmal genau an.
„Stimmt“, sagte ich.
„Er wusste, wo die Überwachungskameras waren“, überlegte die Kommissarin.
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